Riggisberg wird zum Modellfall

In Riggisberg hat man einen Weg gefunden, Asylsuchende und Einwohner zusammenzubringen. Nun interessiert sich der Bund für dieses Modell.

Ein Eritreer giesst die Kartoffeln im Gemüsegarten in Riggisberg, den Freiwillige mit Asylsuchenden und einem Gärtner angebaut haben. Foto: Adrian Moser

Ein Eritreer giesst die Kartoffeln im Gemüsegarten in Riggisberg, den Freiwillige mit Asylsuchenden und einem Gärtner angebaut haben. Foto: Adrian Moser

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Das Durchgangszentrum für Asyl­suchende sei leicht zu finden, sagt die ­ältere Bauersfrau in Riggisberg: «Einfach den Weg entlang, wo schwarze Leute spazieren.» Die Menschen aus Eritrea, Syrien, Afghanistan oder Nigeria fallen in der Tat auf im beschaulichen Dorf auf einem Hügel eine Autoviertelstunde von Thun. Wer ihnen begegnet – dem jungen Eritreer mit Kopfhörern oder den zwei syrischen Müttern mit Kinderwagen –, der wird angelächelt und mit einem fast akzentfreien «Grüessech» bedacht.

Der berndeutsche Gruss gehört zum Pflichtstoff im Lernfoyer für die Asyl­suchenden. Er ist auch Standard im Café Regenbogen, das jede Woche einen Nachmittag lang geöffnet ist, oder im Tanzkurs für Kinder. «Grussrituale sind enorm wichtig bei uns», sagt Doris Eckstein. Wer auf dem Trottoir die anderen Leute grüsse, sei akzeptierter im Dorf. Eckstein koordiniert zusammen mit der Kirchgemeinde eine Gruppe von über 40 Freiwilligen, die sich in der 2400-Einwohner-Gemeinde Riggisberg für die zurzeit rund 150 Asylsuchenden des Durchgangszentrums engagieren und fast täglich Aktivitäten anbieten.

Es ist ein Modell, das die oft aufgeladene Stimmung in den Gemeinden und Kantonen entschärfen soll, wenn es um die Aufnahme von Asylsuchenden geht: Denn es bringt Anwohner und Flüchtlinge zusammen. Ängste und Widerstand auf beiden Seiten sollen dadurch abgebaut werden. Entwickelt wurde das Freiwilligenprojekt von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH). In Riggisberg funktioniert es so gut, dass sich nun auch der Bund dafür interessiert.

Am Anfang seien das Zentrum und dessen Betreiberin, die Heilsarmee, mit gut gemeinten Angeboten überrannt worden, erinnert sich Eckstein an die Zeit vor gut einem Jahr. Schnell wurde klar: Helfen ist gut. Aber es ist auch anspruchsvoll – für beide Seiten. So wollten zum Beispiel Freiwillige die Kinder der Eritreerinnen und Syrerinnen hüten. Bis klar wurde, dass es in diesen Ländern die Idee, dass Kinder «gehütet» werden müssen, so gar nicht gibt. Man lasse die Kinder viel mehr selbstständig spielen, sagt Barbara Zahrli, Leiterin Bildung bei der SFH. Den Asylsuchenden war das Schweizer Konzept der «Freiwilligenarbeit» nicht bekannt, und sie überschätzten die Möglichkeiten dieser Helfer. Er habe gehofft, dass die Freiwilligen ihm eine Wohnung organisieren könnten, sagt der 32-jährige Eritreer Tewie. Er teilt sich seit neun Monaten mit 15 anderen Männern einen Schlafraum im fensterlosen Keller des Asylzentrums.

Beide Seiten müssen dazulernen

Auf Anfrage der Heilsarmee kamen im vergangenen Herbst Fachleute der Schweizerischen Flüchtlingshilfe nach Riggisberg und schulten die Freiwilligen im Umgang mit den Flüchtlingen und mit traumatisierten Menschen. Gleichzeitig bereiteten sie die Asylsuchenden auf das Engagement der Riggisberger vor. «Unser Ziel war es, die Betroffenen zu Beteiligten zu machen», sagt Barbara Zahrli. Die Freiwilligen üben in Riggisberg eine Art symbolische Brückenbauerfunktion aus. Die Angebote wurden koordiniert, es entstand eine Website mit Newsletter für alle interessierten Einwohner.

Obwohl sich die Gemeinde freiwillig als Standort für das Durchgangszentrum meldete, gab und gibt es auch Vor­behalte und Widerstand in der Bevölkerung. So betreibt auch die Interessen­gemeinschaft Asylzentrum Riggisberg eine eigene Website, auf der die Geschehnisse kritisch verfolgt werden. Trotz verschiedener Ansichten hat man in Riggisberg aber einen Weg gefunden, miteinander zu sprechen. So reagierte die Gemeinde vor zwei Wochen auf ­Beschwerden wegen abendlicher Ruhestörungen rund ums Asylzentrum: Nun patrouillieren zweimal in der Woche ­Angestellte einer Sicherheitsfirma. Die Freiwilligen übernehmen auch Integrationsaufgaben, für die der Staat kein Geld ausgeben kann oder will. Ein Beispiel: Während der Sommerferien fallen die vom Zentrum angebotenen Deutschkurse aus. Um die Lernpause zu überbrücken, bieten die Freiwilligen zweimal pro Woche Deutschstunden an.

Die Flüchtlingshilfe hat das Pilot­projekt von Riggisberg zusammen mit der Zentrumsbetreiberin ausgewertet. Es soll nun an vier weiteren Standorten von Heilsarmee-Durchgangszentren eingeführt werden. Die Freiwilligen werden mit Flugblättern auf die Schulungen aufmerksam gemacht. Bleibt das Konzept erfolgreich, sollen ab 2016 Kantone und Gemeinden davon überzeugt werden, Schulungen an neuen Standorten zu ­finanzieren. Kostenpunkt: rund 5000 Franken pro Standort.

Unverzichtbare Hilfe

«Die Freiwilligenarbeit ist kein nettes Hobby, sondern eine absolute Notwendigkeit geworden», sagt Paul Mori, der Leiter der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe. Solange Leute vor einem Asylzentrum Hakenkreuze in den Schnee stampften, brauche es Vermittler als Brückenbauer zwischen der Bevölkerung und den Asylsuchenden. Werde heute ein Asylzentrum eröffnet, stehe automatisch auch politisch viel auf dem Spiel. Die Freiwilligen unterstützten die Asylsuchenden dabei, sich in der Schweiz als Ressource statt als Last zu etablieren. «Das kann am Anfang auch nur ein Lächeln sein, über das sich jemand freut.» Wichtig im Hinblick auf eine spätere Integration in den Arbeitsmarkt sei zudem die Möglichkeit, Deutsch zu sprechen. Auch andere Zentrumsbetreiber wie zum Beispiel die ORS Service AG sind offen für Freiwilligenarbeit. Diese sei eine willkommene Ergänzung zum eigenen Betreuungsangebot, heisst es auf Anfrage. An verschiedenen Orten wie etwa im bernischen Moosseedorf engagierten sich bereits freiwillige Anwohner.

Auch das Staatssekretariat für Migration (SEM) interessiert sich für das Freiwilligenmodell. Für die Neustrukturierung des Asylwesens braucht es noch in fast allen Regionen der Schweiz neue Bundeszentren. Diese Unterkünfte sind vielerorts heftig umstritten. Das SEM erhofft sich durch die Einbindung von Freiwilligen mehr Verständnis und einen Abbau von Vorurteilen. Es hat bei der Flüchtlingshilfe ein Konzept bestellt. Weil die Asylsuchenden meistens nur ein paar Wochen oder wenige Monate in den Bundeszentren bleiben, müsse das Konzept angepasst werden, sagt SEM-Sprecherin Sibylle Siegwart.

Anpassen mussten sich auch die Freiwilligen von Riggisberg immer wieder. «Eine Herausforderung ist es, eine Balance zwischen Nähe und Distanz zu halten», sagt Doris Eckstein, deren Engagement mittlerweile ein Halbtagesjob geworden ist. Obwohl es Freiwilligenarbeit sei, brauche es Professionalität, um schlaflose Nächte zu verhindern. Am Anfang sei das nicht allen leichtgefallen. Man könne niemals alle Ansprüche erfüllen. Diese Professionalität müsse man lernen, sagt auch Anita Geret, die Deutschkurse gibt und im Gemüse­garten der Asylsuchenden mithilft. Der Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen sei nicht immer einfach. Das Leid könne im Deutschunterricht unvermittelt ausbrechen, wenn sich die Leute vorstellen müssten. «Kürzlich brach eine Syrerin in Tränen aus, als sie sagte, sie komme aus Aleppo», erzählt Geret. Dann brauche es ein ruhiges Gespräch.

Doch das sei nur eine Facette, sagt sie. Immer wieder gebe es ein Fest im Durchgangszentrum. Dann werde einen Abend lang getanzt, gekocht und gelacht. In ihrer Stimme schwingt eine Prise Bewunderung mit. Es ist derselbe Ton, in dem Doris Eckstein beschreibt, wie es sie «reingezogen» habe in dieses Engagement. Wie sie sich Gelassenheit angeeignet habe: «Es ist immer möglich, dass etwas nicht klappt», sagt sie. Auch dann gebe es eine Lösung. Ein Satz, der an diesem Nachmittag im Gemüsegarten, den die Freiwilligen zusammen mit Asylsuchenden und einem Gärtner angebaut haben, oft fällt. Nach langer und teilweise mühevoller Anbau- und Pflegearbeit ist Erntezeit. Die meist jungen Eritreer pflücken reife Zucchetti oder Chili­schoten. Viele Salate bleiben unberührt. Anita Geret hat kürzlich herausgefunden, warum: Im Salat habe es schleimige Tiere, habe man ihr auf ihre Frage geantwortet. Die braunen Nacktschnecken gibt es in Eritrea offenbar nicht.

(Der Bund)

Erstellt: 06.07.2015, 06:52 Uhr

Doris Eckstein koordiniert die Freiwilligen von Riggisberg.

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