Rätselhafte Risse bringen Ensi in Verlegenheit

Das Ensi entscheidet im Januar über die Sicherheit von Mühleberg – doch die Analysen zu den neuartigen Rissen im AKW-Kernmantel werden erst Ende 2015 vorliegen. Für BKW und Ensi ist die Sicherheit nicht in Gefahr.

Ist der rissbefallene Kernmantel im AKW sicher genug für die angestrebte Restlaufzeit? Diese Frage muss die Atomaufsichtsbehörde klären.

Ist der rissbefallene Kernmantel im AKW sicher genug für die angestrebte Restlaufzeit? Diese Frage muss die Atomaufsichtsbehörde klären. Bild: Adrian Moser

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Im Januar steht die Atomaufsicht vor ­einem wichtigen Entscheid: Sie muss ­beurteilen, ob die von der BKW vorgeschlagenen Nachrüstungen ausreichen, um das AKW Mühleberg noch bis 2019 zu betreiben. Doch zumindest bei einer wichtigen Frage auf der Liste der offenen Sicherheitsthemen dürfte dies dem Eidgenössischen Nuklearsicherheits­inspektorat (Ensi) schwerfallen: Ist der rissbefallene Kernmantel im AKW sicher genug für die angestrebte Restlaufzeit?

Analyse erst nach Ensi-Entscheid

Denn im Sommer 2014 wurden dort neuartige Risse entdeckt. Zwar forderte das Ensi daraufhin, dass die BKW ihr «Instandhaltungskonzept» für den Kernmantel anpasst. Entsprechende Unterlagen hat die BKW im Oktober eingereicht. Klar wird aber nun, dass die Auswertung der neu entdeckten Befunde länger dauern wird. Die Ursachen der Risse würden von internationalen Fachkreisen geprüft, teilte die BKW der Organisation Fokus Anti-Atom auf deren Anfrage mit. Weiter schrieb die BKW bemerkenswert offen: «Dokumentierte Ergebnisse anhand von Materialproben und Ultraschallprüfungen sind nicht vor Ende 2015 zu erwarten.» Also erst fast ein Jahr nach dem Ensi-Entscheid.

Der E-Mail-Verkehr ist Teil der Dokumentation zum Rissproblem, welche die AKW-Gegner gestern publizierten. Die Mühleberg-Kritiker schliessen aus der Antwort der BKW, dass das beim Ensi eingereichte Konzept zur Sicherheit des Kernmantels «ein Papiertiger» sei, weil die «Ursache der Risse unbekannt ist».

BKW und Ensi weisen den Vorwurf zurück. In ihrem Konzept zeige sie Massnahmen auf, welche den Kernmantel ­sogar über 2019 intakt halten könnten, schreibt die BKW auf Anfrage: «Die neu entdeckten Anrisse haben sowohl im Normalbetrieb wie in einem Störfall keine Auswirkungen auf die Sicherheit.» Das Ensi beantwortet die Frage nicht, wie es das Konzept beurteilen könne, wenn die Auswertungen nicht vorlägen. Es verweist darauf, dass der Kernmantel jährlich geprüft werde. «Sollte die Entwicklung anders als erwartet verlaufen, wird dies erkannt und können die Massnahmen angepasst werden.»

Wie lange ist Problem bekannt?

Jährlich vermessen wird der Kernmantel schon seit dem ersten Auftreten von Rissen 1990 – allerdings nie vollständig. Die neuartigen Risse entdeckte man im Sommer 2014, weil man danach suchte. Das Problem solcher neuartiger Risse sei in japanischen AKW schon 1999 und in amerikanischen 2008 entdeckt worden, schreibt Fokus Anti-Atom und wirft dem Ensi eine abwartende Haltung vor. Die Befunde in den USA seien ihm erst seit 2011 bekannt, entgegnet das Ensi. Erst 2014 sei das Problem in internationalen Fachgremien behandelt worden. «Die BKW hat sofort reagiert», betont BKW-Sprecher Tobias Fässler, «und proaktiv entsprechende Prüfungen ausgelöst.»

Der Streit dreht sich um die Frage, wie genau man das Phänomen definiert. Neuartig waren die Risse deshalb, weil sie nicht mehr längs zu den Schweissnähten des Stahlzylinders des Kernmantels verliefen, sondern quer zu den Nähten. Die 1999 in einem japanischen AKW gefundenen Querrisse seien nicht im Kernmantel selber, sondern in dessen Abstützung gefunden worden, argumentiert das Ensi. Dort wiederum befänden sich aber in Mühleberg keine Risse.

Dies bestreitet Jürg Aerni von Fokus Anti-Atom nicht. «Entscheidend ist, dass das Phänomen der Querrisse dort erstmals aufgetreten ist», sagt er. Die US-Atomaufsicht NRC hat dies offenbar auch so gesehen, wie die von Fokus Anti-Atom präsentierten Dokumente zeigen. In einem Schreiben von 2007 an einen AKW-Betreiber betont die NRC, dass die Risse im japanischen AKW «quer zur Schweissnaht» verliefen. Die NRC verwies darauf, dass sie schon im Jahr 2000 eine Abklärung des Phänomens gefordert habe.

Streit um Ursache der Risse

Anders als der Reaktordruckbehälter steht der Kernmantel zwar nicht unter Druck. Er hält aber wichtige Sicherheitssysteme wie das Führungsgitter für die Steuerstäbe, mit denen das AKW abgeschaltet wird. Es ist deshalb unbestritten, dass der Kernmantel intakt bleiben muss. Beunruhigend an den neuartigen Rissen ist für Aerni, dass sie laut NRC vermutlich durch die radioaktive Bestrahlung des Stahls ausgelöst wurden. «Das macht ihr Wachstum unberechenbar.» Mühleberg müsse deshalb abgeschaltet werden, bis der Kernmantel vollständig ausgemessen sei, fordert er.

Das Ensi hingegen geht davon aus, dass die neuartigen Risse sich gleich entwickeln wie die altbekannten. «Sie haben nur eine begrenzte Reichweite.» (Der Bund)

(Erstellt: 19.12.2014, 08:50 Uhr)

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