Keine Witze über die Armee, bitte!

Das PTT-Archiv hat seine Bestände vom Post-Hauptsitz in der Berner Schönburg nach Köniz gezügelt – darunter auch zahlreiche Postkarten aus dem 1. Weltkrieg, die der Zensur zum Opfer gefallen waren.

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Am 31. März 1916 fielen Bomben auf Pruntrut. Auch wenn beim Granatenwurf aus deutschen Flugzeugen niemand verletzt wurde, sah sich die Schweizer Armeeführung doch scharfer Kritik ausgesetzt. Umso mehr, weil den Schweizer Grenztruppen vorübergehend die Munition abgenommen worden war. Die Postkarte spielt mit dem durch einen Stöpsel verschlossenen Gewehrlauf auf diesen Umstand an. Die deutschen Flieger drehen dem ohnmächtigen und als harmloses Milchbubi dargestellten Schweizer Soldaten derweil eine lange Nase.

Ordner mit verpönten Postkarten

Solche unverfrorene Kritik passte der Zensurbehörde nicht in den Kram: Sie setzte zahlreiche humoristische Postkartenmotive auf den Index. Die Post musste dann die Karten aus dem Verkehr ziehen und vernichten. Aufbewahrt wurden lediglich Einzelexemplare, damit die Angestellten auch wussten, was sie aussortieren sollten. Ein Ordner mit den Postkarten, er stammt aus Lausanne, steht heute im PTT-Archiv.

Dieses ist kürzlich vom Hauptsitz der Post in der Berner Schönburg nach Köniz an die Sägestrasse gezügelt worden. Gestern wurde das Archiv offiziell eröffnet. Der Umzug ist notwendig geworden, weil die Post die Schönburg 2015 aufgibt und in den neuen Hauptsitz im Wankdorf zügelt.

Im 1. Weltkrieg war die Neutralität strikte einzuhalten: Die Romands verdächtigten Bundesrat und Armeeführung, der deutschen Seite zuzuneigen. In der Deutschschweiz beobachtete man die Sympathien der Welschen für die Franzosen argwöhnisch.

Die Poststellen waren angewiesen, «offene Sendungen, durch die in Wort oder Bild eine der Krieg führenden Mächte oder deren Angehörige beschimpft werden oder verschlossene Sendungen dieser Art, deren Adressen beschimpfende Zeichen oder Zusätze aufweisen, unmittelbar der Oberpostdirektion einzusenden».

Juristen und Telefonbücher

Im PTT-Archiv finden sich zahlreiche Dokumente über Entstehung und Entwicklung der Kommunikationsmittel und -wege in der Schweiz. Auf einem Rundgang hebt die Archivleiterin Heike Bazak zum Beispiel den lückenlosen Bestand an Telefonbüchern hervor. «Juristen können anhand der Adressen überprüfen, wer wann wo gewohnt hat.» Das könne bei Rechtshändeln entscheidend sein.

Das Telefonbuch von Bern aus dem Jahr 1881 ist ein vierseitiges Faltblatt, Nummern sind darin noch keine zu finden. Wollte man mit einem Bundesrat verbunden werden, so sagte man deutlich «Bundeshaus» in die Sprechmuschel und wurde dann in die richtige Buchse gestöpselt. Zu den ersten Abonnenten gehörte auch die Brauerei Felsenau, der «Bund» ist jedoch nicht verzeichnet.

Wichtige Hilfsmittel für Historiker sind auch die grossformatigen Kurskarten aller Postkutschenlinien in der Schweiz mit den Abfahrts- und Reisezeiten. Für die Strecke von Bern nach Münsingen sind «2 ⅝ Stunden» veranschlagt. Breiten Raum nehmen im Archiv die Regeln, Verordnungen und Bestimmungen ein, es sind zwei lange Regale im Untergrund des Fabrikgebäudes, welches früher der Druckerei Zeiler gehörte.

«Alles musste geregelt sein», sagt Bazak. «Von den Briefformaten über die Stempel bis zu Grösse und Art der Anschlüsse für die Telefonkabel. Vorhanden sind auch die Unterlagen zum Rohrpostsystem in der Stadt Bern, das die Post am Bollwerk unter anderen mit Nationalbank, Kantonalbank und Bundeshaus verband. Das System war bis in die 1990er-Jahre in Betrieb.

Relativ früh, verglichen mit anderen Unternehmen, setzte die PTT auf weibliche Arbeitskräfte. Eine Anfrage der Deutschen Post in den Anfängen der Telefonie um 1880 betreffend der Eignung von Frauen im Arbeitsleben habe die PTT positiv beantwortet, sagt Bazak. «Die PTT schrieb zurück, Frauen könnten aus zwei Gründen empfohlen werden, sie seien preiswerte Arbeitskräfte und verfügten über eine angenehme und freundliche Stimme.» Im telefonischen Verkehr wirkten Männerstimmen dagegen oft schroff und abweisend.

Diebischer Affe im Postabteil

In den Beständen des PTT-Archivs finden sich auch kleine Trouvaillen, so zum Beispiel die Anekdote über einen diebischen Affen. Dieser reiste am 24. März 1894 in seinem Käfig von Marseille in die Schweiz. Der Empfänger refüsierte die Annahme. In Vevey riss der Primat unbemerkt ein Päckchen an sich, in dem sich zwei Broschen befanden.

Die Broschen wurden aus Belgien an eine Dame geschickt, die im Hotel Château abgestiegen war. Bei der Fütterung des Affen fand man eine der beiden Broschen im Maul des Tieres, die andere jedoch blieb verschollen. Die Frau verlangte in der Folge Schadenersatz von 30 Francs für die Brosche. Nach Rücksprache mit der belgischen Post wurde nur die Hälfte ausbezahlt, da der Wert der Geschmeide nur mit je 50 Centimes angegeben war.

(Der Bund)

(Erstellt: 04.06.2013, 14:09 Uhr)

Infobox

Das PTT-Archiv befindet sich an der Sägestrasse 77, 3098 Köniz;

Öffnungszeiten PTT-Archiv:
Dienstag, Donnerstag und Freitag von 09.00 bis 12.00 Uhr und von 13.00 bis 17.00 Uhr nach Voranmeldung.

Öffnungszeiten Museum:
Dienstag bis Sonntag, 10-17 Uhr.

www.mfk.ch/pttarchiv

Das PTT-Archiv

Das PTT-Archiv dokumentiert die Geschichte der schweizerischen PTT-Betriebe von 1849 bis 1997, als die Aufteilung in Swisscom und Post erfolgte. Das Archiv wird von der Stiftung für die Geschichte der Post und Telekommunikation betrieben, die auch Trägerin des Museums für Kommunikation in Bern ist. Die Stiftung wird von der Swisscom und der Post gemeinsam finanziert.

Insgesamt werden im Archiv 5000 Laufmeter Originaldokumente aus der Zeit von 1849 bis 1997 sowie rund 2000 Laufmeter Bücher, Broschüren und Periodika aufbewahrt. Auch die Vorläufer der eidgenössischen Postverwaltung sind dokumentiert. Die Dokumente sind seit 2006 entsäuert worden, um den Zerfall des Papiers aufzuhalten. Das PTT-Archiv verfügt über 140 Stellenprozente, zusätzlich sind derzeit vier bis sechs temporäre Mitarbeitende beschäftigt. (pd/wal)

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