Bern

Eng, tief, still

Von Anita Bachmann. Aktualisiert am 13.05.2012

Im Berner Oberland gibt es riesige Höhlensysteme, aber auch kleinere wie die Waldheimhöhle bei Beatenberg. Sie werden von Höhlenforschern erkundet, vermessen und untersucht.

In den grossen Höhlensystemen des Berner Oberlands sind die Forscher oft mehrere Tage unterwegs und übernachten in Biwaks.

In den grossen Höhlensystemen des Berner Oberlands sind die Forscher oft mehrere Tage unterwegs und übernachten in Biwaks.
Bild: Rolf Siegenthaler (zvg)

Die Bekleidung der Höhlenforscher ist gewöhnungsbedürftig, vor allem bei sommerlichen Temperaturen. Gummistiefel, Gummihandschuhe und ein Overall aus Kunststoff. In der Waldheimhöhle bei Beatenberg herrschen aber konstant acht Grad Celsius, und es ist feucht und lehmig.

Die Temperaturschwankungen übers Jahr gesehen seien im Bereich von wenigen Zehntelgrad, sagt Marie-José Gilbert. Sie kennt diese Höhle besonders gut, weil sie im letzten Jahr jedes zweite oder dritte Wochenende hierher kam, um Wasserproben zu nehmen. In ihrer Masterarbeit für das Geologiestudium an der Universität Bern befasste sie sich mit der Frage der Entstehung der Höhle.

Der «Schmuck» der Höhle

Ein Helm, eine montierte Lampe, Klettergurt, Steigklemmen und Sicherheitskarabiner vervollständigen die Ausrüstung. Schnell wird es zum ersten Mal eng. Es sei einfacher, wenn man mit dem Körper «lang bleibe», damit man nicht stecken bleibe, empfiehlt Christian Lüthi, der die Tour begleitet. Er weist auf den «Schmuck» der Höhle hin. Da hängen von der Decke Stalaktiten, hier sieht man am Boden die «Jahrringe» eines Stalagmiten, die aber nicht mit Baumjahrringen vergleichbar sind.

An den Höhlenwänden glänzt es goldig und silbrig, andernorts glitzern Wassertröpfchen im Licht der Lampen. Auch Tiere leben in den Höhlen, eine Spinne hängt in ihrem Netz, und kleine schwarze Kotkügelchen zeugen von Fledermäusen.

Der Ehrenkodex

In einem steten Auf und Ab geht es vorwärts bis zur engsten Stelle. Lang ausgestreckt auf der Seite liegend, findet der Körper gerade noch Platz zwischen den Felswänden, mit Füssen und Händen schiebend und ziehend, geht es in dezimeterlangen Schritten vorwärts. Bald gibt es auch keine Leitern und Brücken mehr.

Früher sei die Waldheimhöhle sogar ein Stück weit mit elektrischem Licht ausgestattet gewesen, sagt Lüthi. Seit aber die Mitglieder der Sektionen Bern und Interlaken der Schweizerischen Gesellschaft für Höhlenforschung die Höhle beführen, wie es im Höhlenforscherjargon heisst, sei diese Installation entfernt worden. Denn unter Höhlenforschern gelte, die Höhlen möglichst ursprünglich zu belassen, sagt Lüthi. Dafür gibt es einen Ehrenkodex, der das Verhalten in der Höhle regelt. So gehört es auch zur moralischen Verantwortung, nur die nötigsten Eingriffe zu tätigen, nichts zu beschädigen oder zu beschmutzen oder Höhlen nicht kommerziell zu nutzen.

Unter Höhlenforschern löse es auch immer wieder Diskussionen aus, so Gilbert, wenn es etwa darum gehe, einen Zugang freizulegen, gar zu sprengen oder einen Siphon freizupumpen, um in einem Höhlensystem weiterzukommen. Auch das Sicherheitsverhalten ist ein wichtiges Thema, da Rettungen in Höhlen äusserst schwierig und aufwendig sind. Zu den Grundregeln gehört deshalb auch, dass man mindestens zu zweit in eine Höhle geht.

Licht aus

Eine häufige Art der Fortbewegung in Höhlen ist das Abseilen. In der Mitte eines 25 Meter tiefen Schachts hängt ein Seil, mithilfe des Abseilgeräts geht es langsam in die Tiefe. Schöne Strukturen zeichnen die Wände. Weitere enge Stellen würden noch tiefer in die Waldheimhöhle führen, die rund 700 Meter lang ist und im Gegensatz zu vielen anderen Höhlensystemen fertig erforscht ist. Im 157 Kilometer langen Siebenhengste-Hohgant-Höhlensystem werden hingegen immer wieder neue Gänge entdeckt und vermessen. Auch Verbindungen, in diesem Fall zum Höhlensystem Bärenschacht, werden aktiv gesucht.

Würde dereinst eine Verbindung gelingen, entstünde das längste Höhlensystem der Schweiz. Zurzeit ist das noch das Höllloch im Kanton Schwyz. Der Entdeckergeist und der Forscherdrang seien ebenso wichtig wie der sportliche Aspekt des Höhlenforschens, sagt Gilbert.

Nun geht es aber mithilfe von zwei Steigklemmen wieder hinauf die grösste konditionelle Herausforderung der Tour. Die Füsse in Seillaschen, geht es immer wieder einen halben Meter aufwärts, die Seilklemmen nachschiebend, wieder ein Stück hinauf. Bevor es zurück ans Tageslicht geht, schalten wir die Lampen aus. Es ist nicht nur ganz dunkel, sondern auch sehr still, nur ein paar Wassertropfen sind zu hören. «Dass es ganz still ist, erlebt man nur noch in einer Höhle», sagt Lüthi. (Der Bund)

Erstellt: 13.05.2012, 15:36 Uhr

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