Bern

Das Asylzentrum geräumt

Von Dölf Barben. Aktualisiert am 22.02.2012

Das Asylzentrum in Enggistein wird vorläufig keine Asylsuchenden mehr beherbergen. Die Kälte hat laut Kanton «desolate Zustände» offenbart. Der Hausbesitzer findet, es sei «eher etwas überreagiert» worden.

Das Wohnhaus in Enggistein, in dem seit über zwanzig Jahren Asylsuchende untergebracht werden.

Das Wohnhaus in Enggistein, in dem seit über zwanzig Jahren Asylsuchende untergebracht werden.
Bild: Manu Friederich

Die rund 100 Asylsuchenden, die im Durchgangszentrum Enggistein in Worb lebten, sind gestern auf andere Asylunterkünfte verteilt worden. Wie der Kanton mitteilt, hat der Migrationsdienst den Umzug angeordnet, weil die Sicherheit nicht mehr habe gewährleistet werden können. Bei einer Begehung zusammen mit der Gebäudeversicherung seien technische Mängel am Gebäude festgestellt worden. Diese beträfen insbesondere die elektrischen Anlagen und den Brandschutz.

Iris Rivas, die Leiterin des Migrationsdienstes, sagte gestern auf Anfrage, die Begehung sei präventiv erfolgt. Die grosse Kälte habe in anderen Zentren in der Schweiz Schwachstellen bei den Hausinstallationen an den Tag gebracht. Aufgrund solcher Vorfälle und aufgrund der Tatsache, dass es sich in Enggistein um ein sehr altes Gebäude handle, sei das Zentrum genauer angeschaut worden. Dabei seien teils «desolate Zustände» entdeckt worden – «wir mussten handeln», sagte Rivas. Weder der Kanton noch die Gemeinde Worb hätten es verantworten können, dort weiterhin Menschen unterzubringen. Probleme seien aber nicht nur beim Brandschutz geortet worden, sondern auch im Sanitär- und im Lebensmittelbereich.

Ironie des Schicksals

Bereits am Samstag mussten die Bewohner den Gutshof in Enggistein verlassen. Sie zogen in die von der Gemeinde Worb zur Verfügung gestellte Zivilschutzanlage Hofmatt bei der Eisbahn. Was dann geschah, erinnert an die berühmte Ironie des Schicksals: Die Bewohner, die in erster Linie vor Bränden geschützt werden sollten, mussten bereits am Sonntag wieder nach Enggistein zurückkehren – wegen eines Brandes in der Anlage Hofmatt. Verletzt wurde dabei niemand. Betroffen war ein Elektrokasten, der sich in einem abgeschlossenen Raum befindet. Laut Niklaus Gfeller, Gemeindepräsident von Worb, bleibt die Anlagenun «einige Zeit» geschlossen – bis der Schaden behoben sei. «Es ist keine grosse Sache», sagte er. Während der beiden Nächte seit Sonntag zog die Firma Securitas in Enggistein im Auftrag des Kantons einen Pikettdienst auf.

Paul Mori ist Geschäftsleiter der Heilsarmee Flüchtlingshilfe, welche das Zentrum in Enggistein führt. Er sei froh, dass bei der Suche nach einer Lösung nun alle Beteiligten am gleichen Strick zögen, sagte er. Das kalte Wetter habe die Infrastruktur an ihre Grenzen gebracht. In Bezug auf Sicherheit und Hygiene sei eine Asylunterkunft wie in Enggistein nicht mit einem Wohnheim oder einem Gefängnis zu vergleichen, sagte er. «In einem Durchgangszentrum leben freie Personen, die ein Asylgesuch gestellt haben.» Das heisst: Sie kaufen ein, sie kochen und sie putzen ihre Räume selber – oder auch nicht. Die Vorstellungen darüber, wie es in einer Unterkunft auszusehen habe, gingen bei den Bewohnern manchmal weit auseinander, sagte Mori. Das Ziel seiner Mitarbeitenden sei es, Sicherheits- und Hygienestandards «respektvoll durchzusetzen». Je nach Zustand einer Liegenschaft sei das aber nicht immer einfach.

Keine Entlassungen vorgesehen

Ob und wann das Zentrum in Enggistein wieder in Betrieb genommen werden könne, wisse er nicht, sagte Mori. Das hänge vor allem von der Besitzerfamilie ab, da es nun vorerst darum gehe, bautechnische Beanstandungen zu beheben. Die Heilsarmee betreibt im Kanton Bern ein Dutzend Zentren mit insgesamt 850 Plätzen. Diese sind zu 90 Prozent ausgelastet. Er nehme nicht an, sagte Mori, dass aufgrund des Betriebsunterbruchs in Enggistein bei der Heilsarmee Mitarbeiter entlassen werden müssten.

Die Liegenschaft, die seit gut zwanzig Jahren als Asylunterkunft benutzt wird, gehört der Familie Reusser. Aus seiner Sicht seien es weniger bautechnische Probleme, die zutage getreten seien, sondern betriebliche, sagte Jürg A. Reusser auf Anfrage. Wenn beispielsweise ein Notausgang versperrt sei oder wegen der Kälte ein Wasserrohr einfriere, sei es doch eher Sache des Betreibers, die Situation zu verbessern.

Erst vor vier Jahren kontrolliert

Dass grosse bauliche Mängel vorliegen, könne er nicht glauben, sagte Reusser. Erst vor vier Jahren sei das Zentrum sicherheitstechnisch überprüft worden. «Es kann ja nicht sein, dass von einem Tag auf den anderen alles nicht mehr gut sein soll», sagte er. Ihm scheine, der Kanton habe mit diesem Umzug «eher etwas überreagiert».

Sollte es nötig sein, so werde er selbstverständlich das eine oder andere machen lassen, sagte Reusser. Ihm liege daran, dass das Zentrum weitergeführt werden könne – aber nicht um jeden Preis: «Hier könnte man auch schöne Wohnungen einbauen lassen.» (Der Bund)

Erstellt: 22.02.2012, 07:54 Uhr

0

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.
Noch keine Kommentare

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.