BKW nimmt Mühleberg 2019 vom Netz

Das AKW Mühleberg soll 2019 vom Netz genommen werden. Die Betreiberin BKW spricht von einem unternehmerischen Entscheid. Die Atomaufsichtsbehörde verlangt eine neue Laufzeitplanung.

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Das AKW Mühleberg soll 2019 abgestellt werden. Das hat die Betreiberin BKW AG entschieden und am Mittwoch bekanntgegeben. Der Berner Energiekonzern begründet den Beschluss primär betriebswirtschaftlich. Eine Absprache mit den Behörden habe es nicht gegeben.

Ob die BKW das seit 1972 in Betrieb stehende Atomkraftwerk vor den Toren Berns bis 2019 weiterbetreiben kann, steht allerdings noch nicht fest. Die Schweizer Atomaufsichtsbehörde ENSI teilte am Mittwochmorgen mit, die BKW müsse nun eine neue Nachrüstplanung einreichen. Die Sicherheitsmarge müsse bis zum letzten Betriebstag eingehalten werden.

Das ENSI hatte der BKW im Dezember 2012 zehn Forderungen für den Langzeitbetrieb über 2017 hinaus gestellt. So hätte die BKW etwa bis 2017 die Zuganker ersetzen sollen, welche den Kernmantel stabilisieren. Dieser weist seit längerem Risse auf. Auch wollte das ENSI - als Lehre nach Fukushima - eine zweite, von der Aare unabhängige Kühlung.

Diese Forderungen entfielen nun, da die BKW keinen Langzeitbetrieb mehr anstrebe, sagte BKW-Verwaltungsratspräsident Urs Gasche am Mittwoch bei der Erläuterung des Entscheids vor den Medien in Bern. Er räumte ein, dass es noch offen sei, ob die BKW die Mühleberger Anlage bis 2019 betreiben könne.

Wichtigster Grund: Strompreiszerfall

Eigentlich wollte die BKW das Mühleberger Kernkraftwerk bis zum Jahr 2022 betreiben und dann voll auf erneuerbare Energien setzen. So steht es in der im März dieses Jahres vorgestellten neuen Strategie «BKW 2030».

Einerseits haben nun aber der BKW die tiefen Strompreise einen Strich durch die Rechnung gemacht. Gasche sprach vor den Medien von einem Preiszerfall durch schwache Konjunktur und «massive staatliche Subventionierung der Sonnen- und Windenergie». Der Betrieb des Kernkraftwerks Mühleberg rentiere immer weniger - laut den Gegnern rechnet er sich überhaupt nicht mehr.

Anderseits merkte die BKW, dass die vom ENSI geforderten Nachrüstmassnahmen für einen Langzeitbetrieb - und damit bis zur von der BKW angestrebten Ausserbetriebnahme 2022 - viel teurer ausgefallen wären als ursprünglich gedacht.

In dieser Situation kam die BKW-Konzernleitung zum Schluss, die Risiken eines Langzeitbetriebs überwögen die wirtschaftlichen Chancen, und beantragte dem Verwaltungsrat die Abschaltung. Dieser stimmte zu.

Als Grund dafür nannte Verwaltungsratspräsident Gasche vor den Medien an erster Stelle die betriebswirtschaftlichen Überlegungen. Mitgespielt für den Entscheid hätten aber auch verschiedene kantonale und nationale Volksinitiativen zur Begrenzung der Betriebsdauer von AKWs. Eine solche ist beispielsweise im Kanton Bern hängig.

Eine «ungeplante Ausserbetriebnahme» eines AKWs aus politischen Gründen stelle ein grosses finanzielles Risiko dar, so Gasche.

Nur 15 statt mehrere hundert Millionen Franken

Statt gemäss Schätzungen mehrere hundert Millionen Franken in Nachrüstungen zu investieren, will die BKW nun in den nächsten Jahren in Mühleberg «nur» rund 15 Millionen Franken in ausserordentliche Massnahmen zur Verbesserung der Sicherheit stecken.

Es geht etwa um eine Verbesserung der Kühlwasserversorgung und der Kühlung der Brennelement-Lagerbecken. Fallen gelassen hat die BKW aber beispielsweise das Projekt, von der Saane her eine zweite Kühlwasserleitung zum Werk zu ziehen. Auch von neuen Zugankern ist nicht mehr die Rede.

Dementsprechend heftig fielen zum Teil die Reaktionen aus: Mehrere atomkritische Organisationen und Parteien vermuteten einen «Deal» zwischen BKW und ENSI. Es sei «fahrlässig», «skandalös» oder «katastrophal», das AKW bis 2019 weiterzubetreiben. Das Mühleberger AKW müsse sofort vom Netz genommen werden.

Einen solche Deal gebe es nicht, sagte BKW-Chefin Suzanne Thoma vor den Medien. «Es gibt keine Verhandlungen mit dem ENSI». Auch das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) und das Bundesamt für Energie (BFE) waren laut Sprechern im Vorfeld nicht orientiert. «Der Entscheid hat keine Auswirkungen auf die anderen Schweizer AKW», sagte BFE-Sprecherin Marianne Zünd.

Es gab aber auch positive Reaktionen: Die bürgerlichen Parteien bezeichneten den Entschluss der BKW als «nachvollziehbar», «mutig» oder «richtig». Sogar die atomkritische SP schrieb, dass die BKW die Zeichen der Zeit erkannt habe. Jedoch sei der Zeitpunkt der geplanten Abschaltung zu spät.

Erstmals Abschalttermin genannt

Mit dem BKW-Entscheid wird in der Schweiz erstmals ein Abschalttermin für ein AKW bekannt. Alle fünf Kernkraftwerke in der Schweiz verfügen über eine unbefristete Betriebsbewilligung - seit März dieses Jahres auch das AKW Mühleberg. Dieses ist das drittälteste der Schweiz nach jenen von Beznau I und II.

Auf Twitter gab es bereits am frühen Morgen Reaktionen. Nationalrat Bastien Girod freut sich, sähe das AKW aber lieber noch früher vom Netz.

Und die Berner Alt Gemeinderätin und grüne Nationalrätin Regula Rytz spricht gar von einem «faulen» Entscheid:

Aus dem linken Lager lassen sich aber auch positive Reaktionen vernehmen. SP-Nationalrat Roger Nordmann ist dankbar um ein festes Ausstiegsdatum:

FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen sieht derweil die Diskussion um die Energiegewinnung neu lanciert – und macht sich stark für Wasserkraft:

(bs/hjo/sda)

(Erstellt: 30.10.2013, 07:17 Uhr)

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