Bern

Als auf dem Moossee noch Eis abgebaut wurde

Von Simon Wälti. Aktualisiert am 22.02.2012

Eis aus dem Moossee wurde während Jahrzehnten für die Kühlung von Lebensmitteln und Bier verwendet. Eine Frau aus Moosseedorf erinnert sich.

Wo früher Eis gewonnen wurde: der zugefrorene Moossee.

Wo früher Eis gewonnen wurde: der zugefrorene Moossee.
Bild: Manu Friederich

Ausstellung

Die Ausstellung im Archiv der Gemeinde Moosseedorf an der Eichenstrasse befasst sich nicht nur mit dem Eisabbau auf dem Moossee, sondern auch mit der Torfgewinnung, dem Uferschutz oder den Pfahlbauern. Nach Voranmeldung kann die Ausstellung besucht werden: alfred.balmer@hispeed.ch

Die Kältewelle im Januar und Februar wäre vor Jahrzehnten aus wirtschaftlichen, aber auch aus gastronomischen Gründen sehr willkommen gewesen. Noch bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts wurde auch auf dem Moossee Eis abgebaut – man sprach von Eisernte. Vor allem für Brauereien, Restaurants und Hotels war Natureis für die Kühlung von Getränken unverzichtbar. Die Geschichte des Eisabbaus auf dem Moossee wurde von Alfred Balmer für das Archiv der Gemeinde Moosseedorf aufgearbeitet und dokumentiert. Für die Bauern bedeutete der Eisabbau in den ruhigen Wintermonaten einen willkommenen Zusatzverdienst, wie sich Bethli Bütikofer, geboren im Jahr 1927, im Beitrag von Balmer erinnert. Balmer ist Mitglied einer fünfköpfigen Gruppe, die sich mit der Ortsgeschichte befasst.

Anstrengende Arbeit

Bethli Bütikofer arbeitete ab 1943 während elf Jahren in der Wirtschaft Utiger. Ihr Mann Fritz Bütikofer widmete sich im Winter der Eisgewinnung. Zuerst habe man die Schneedecke weggeschaufelt, dann mit einer Axt oder einem Eisbohrer ein rundes Loch in die Eisdecke gebohrt. Danach wurde eine grosse Säge angesetzt. Das ausgesägte Eis wurde in Barren und Platten aus dem Wasser gehoben und am Seeufer aufgeschichtet oder in Eishütten zwischengelagert. Das war eine anstrengende und schweisstreibende Arbeit. Wenn ein Fuder beladen war, ging es mit der schweren Last in die Felsenau Brauerei in Bern, die auch Eis vom Egelsee verwendete. Das bereits vor dem Winter bestellte Eis sei gut bezahlt worden, sagt Bethli Bütikofer. «Jeweils nach der letzten Eisfuhre hat mein Mann voller Stolz und auch etwas übermütig ein mit Goldmünzen gefülltes Säckli auf den Küchentisch geworfen mit der Bemerkung: ‹Hie dr Zahltag für ds hüürige Ysche.›»

Wenn die Männer der Felsenau-Brauerei das Bier für die Wirtschaft Utiger brachten, lieferten sie auch immer Eisstangen mit. Zwischen die Barren wurde Sägemehl gestreut, damit die Eisstücke nicht verklebten. «Das Sägemehl mussten wir natürlich wegputzen, bevor wir die Eisstangen hinter dem Buffet zwischen dem Bier und den anderen Getränken deponierten», erinnert sich Bethli Bütikofer. Das geschmolzene Eiswasser wurde durch einen Ablauf abgeleitet. Natureis war lange die einzige Möglichkeit, um der Kundschaft auch über den Sommer gekühlte Getränke anbieten zu können.

Industrielle Eisgewinnung

In den USA hatte sich bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine eigentliche Eisindustrie etabliert. An der Ostküste und im Gebiet der Grossen Seen wurde im grossen Stil Eis aus den Gewässern gesägt und gebrochen. Heiss begehrt war das Kühlmittel in den rasant wachsenden Städten, um Getränke zu kühlen und Nahrungsmittel haltbarer zu machen. Im Jahr 1870 soll jeder Städter in den USA im Schnitt 660 Kilogramm Eis verbraucht haben. Zwischen 20 und 25 Millionen Tonnen Eis wurden jährlich allein in den USA abgebaut. Das Eis entwickelte sich zu einem wahren Exportschlager: In der Karibik, in Afrika und selbst in Indien waren die Kolonialherren froh, wenn sie ihren Gin oder ihren Whisky mit kühlenden Eisstücken garnieren konnten.

«Ende Feuer» um 1950

Auch die Schweiz mischte kräftig im Eishandel mit: Im Vallée de Joux, am Grindelwaldgletscher, auf dem Lauerzersee oder dem Klönthalersee und an vielen anderen Orten wurde Eis gewonnen. Manchmal nahm man dafür sogar Sprengstoff zu Hilfe, zum Beispiel auf dem Trient-Gletscher im Wallis. Grosse Abnehmer gab es zum Beispiel in Paris, aber auch in den italienischen Grossstädten. Mit dem Aufkommen von Kühlschränken und Eismaschinen kam das Geschäft nach und nach zum Erliegen. Viele Kunden sollten aber noch relativ lange natürliches Eis dem künstlichen vorziehen. In den 1950er-Jahren ging es dann aber mit dem «Ysche» in der Schweiz definitiv zu Ende. Auch kleinere Betriebe und Geschäfte hatten nun auf künstliche Kühlung umgestellt.

(Der Bund)

Erstellt: 22.02.2012, 14:25 Uhr

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