Bern

340 gwagglige Meter über die Guntenbachschlucht am Thunersee

Von Katja Zellweger. Aktualisiert am 15.10.2012 5 Kommentare

Zwei von sechs geplanten Hängebrücken rund um den Thunersee sind gebaut. Doch noch nicht alle Kritiker sind verstummt.

1/6 Am Dorfende von Sigriswil eröffnet sich abrupt der Blick auf die feingliedrige Hängebrücke, die sich in elegantem Bogen über den herbstlichen Wald spannt.
Bild: Manuel Zingg

   

Brückenweg: Um den See

Nebst den in Betrieb genommenen Hängebrücken über den Spissibach (Leissigen) und den Guntenbach (Sigriswil) sind Brücken bei den Beatushöhlen (Beatenberg), über den Riederbach (Oberhofen), die Choleren- und die Chellischlucht geplant. Der Wanderweg um den Thunersee würde 56 Kilometer und sechs Brücken umfassen. Vor der Realisierung wurde eine Machbarkeitsstudie durchgeführt. Pro Natura und das kantonale Amt für Wald erklärten das Projekt als machbar. Die Fundamente der Sigriswiler Brücke sind mit Zugankern und Druckpfählen in der Nagelfluh befestigt, die bei einer Länge von 8 bis 13 Metern eine Tragkraft von rund 100 Tonnen aufweisen, das entspricht 1360 Personen à 75 Kilo. Mit ihren 340 Metern Länge und den 180 Metern Tiefe ist sie die längste Hängebrücke für Fussgänger in der Schweiz. Der Gehweg ist 1,2 Meter breit und für Rollstühle zugänglich.


www.brueckenweg.ch

Am Dorfende von Sigriswil eröffnet sich abrupt der Blick auf die feingliedrige Hängebrücke, die sich in elegantem Bogen über den herbstlichen Wald spannt. Die tiefe Schlucht unter der Brücke ist nicht zu sehen, man wagt sich auch mit Höhenangst auf das spektakuläre Bauwerk mit Stahlseilen. Schon nach dreissig Metern wird es aber gwagglig, eine von Kopf bis Fuss wanderfertig Eingekleidete macht kehrt, wer schon ein Einweihungsbierchen auf die Brücke getrunken hat, stört sich weniger ob dem unruhig schwankenden Löcherboden.

Plötzlich ist nicht mehr Laubwald unter den Füssen, leise hört man in der schmalen Schlucht Wasser plätschern und wagt einen Blick auf den Grund, der 180 Meter entfernt ist. Schwindelerregende Tiefen konkurrieren mit der ruhigen Fläche des Thunersees und dem greifbar nahen Bergpanorama.

Zwei von sechs Brücken sind fertig

Rund 2000 Leute begingen gestern die jungfräuliche Brücke am rechten Thunerseeufer, die über den Guntenbach Aeschlen mit Sigriswil verbindet. Kleinkinder blicken ängstlich durch die Geländerlöcher, im Wagen schlafende Babys kreuzen fotografierende Wanderer, die Dorfrentner halten einen Schwatz in luftiger Höhe, ja sogar ein älterer Herr mit Rollator lässt sich die Sensation nicht entgehen. Auch an Tipps zur Überquerung fehlt es nicht: «Eifach nid ahigugge» scheint die einfachste Lösung zu sein, die 340 Meter hinter sich zu bringen.

Es ist eine der höchsten und längsten Fussgängerhängebrücken Europas, die am Sonntag eingeweiht wurde. Sie ist Teil eines ehrgeizigen Projekts, das von Peter Dütschler, Präsident Thun-Thunersee Tourismus, 2007 initiiert wurde. Für einen Rundweg auf demselben Höhenniveau sind sechs Brücken am Thunersee projektiert. Es erübrigen sich damit schweisstreibende Überwindungen der Höhenmeter.

Das gesamte Projekt ist mit 5 Millionen Franken berechnet, die Sigriswiler Brücke kostet 1,5 Millionen. Bis in zehn Jahren ist geplant, den Baukredit mit privaten Spendengeldern zurückzuzahlen. Zur Amortisation trägt ein Unkostenbeitrag von acht Franken bei, den Brückenbesucher bezahlen müssen. Die Unterhaltskosten sollen selbsttragend sein oder mit den Gemeinden zusammen entrichtet werden.

Das «Volk chunnt»

Positive Reaktionen bestätigen dem Projektleiter, dass seine Brücken Gräben zu überwinden vermögen: «Schon nach Fertigstellung der kleineren Leissiger Brücke sind viele Nörgler und Zweifler verstummt.» Insbesondere die neue Brücke sei «volksvereinend», sie erspare Kindern den beschwerlichen Schulweg durch die Schlucht. Die Brücke über den Spissibach ob Leissigen konnte letzten Winter in Betrieb genommen werden.

Der Vize-Gemeindepräsident Beat Burkhard preist das Bauwerk als Highlight der Gemeinde und stellt fest, dass vor allem am Wochenende «Volk chunnt». Einziger Wermutstropfen: Eine zusätzliche Fundamentprüfung unterbrach den Brückenbau für ein Jahr. Wer die Mehrkosten zu tragen hat, entscheidet ein Gerichtsverfahren im nächsten Frühling. Parallel dazu sind Verhandlungen zum Bau der dritten Brücke bei Oberhofen in Gang.

Waldschutz vor Tourismus

Ob das Gesamtprojekt aber realisiert werden kann, hängt nicht allein von der Finanzierung ab. Seit Projektlancierung 2007 gibt der projektierte Brückenbau über die Choleren- und der Chellischlucht bei den Bodenbesitzern, der Burgergemeinde Thun, zu reden. Der Machbarkeitsstudie haben sie insgesamt drei Absagen erteilt. Christoph Spichiger, Verwalter der Burgergemeinde Thun, bestätigt, dass die Erhaltung «wertvollen Natur- und Waldgebiets und der Schutz des Wanderfalken Priorität hat vor Touristen, die Kehricht mitbringen».

Dütschler hält dagegen, dass die Natur weitgehend unverändert bliebe, «eine kurze Verbindungsbrücke über das hintere Täli ist denkbar. Weil wir ja geringe Höhendifferenzen anstreben, blieben auch die Wanderer oberhalb der Waldschlucht». Die Thuner Burgergemeinde wird aber nicht von ihrer Position abweichen, das zeigt Spichigers Fazit: «Sechs Brücken zu versprechen, obwohl zwei davon nicht realisiert werden, ist unfair gegenüber den Spendern.»

Beim Verein Panoramaweg bleibt man gelassen, man befinde sich in einem langwierigen Projektprozess. Brücke für Brücke taste man sich voran. Weil alle Gemeinden Wert schöpfen könnten aus dieser Attraktion, sei das Projekt wichtig. Die Brücken schaffen zudem neuen touristischen Anreiz.

Dütschler wünscht sich indes einen Dialog mit der Burgergemeinde. Ob die zwei verhärteten Fronten wortwörtlich eine Brücke schlagen können und den Konflikt beilegen, wird sich zeigen. (Der Bund)

Erstellt: 15.10.2012, 07:41 Uhr

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5 Kommentare

Yasha Bostic

15.10.2012, 09:56 Uhr
Melden 7 Empfehlung 2

Gerade schön ist sie ja nun nicht. Antworten


Markus Lüthi

15.10.2012, 08:11 Uhr
Melden 10 Empfehlung 7

Wo eigentlich bleibt der Landschaftsschutz. Schauen sie sich die Brücke mal von der anderen Thunersee Seite an. Ein gerader Strich in der Landschaft, wäre es ein Tum, niemand hätte ihn bewilligt. Antworten



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