Bern

Minergie ist auf dem Mietmarkt rar

Wer in Bern eine Mietwohnung mit tiefem Energieverbrauch sucht, wird selten fündig. Der Grund ist ein Sanierungsstau bei energetisch schlechten Altbauten, die den Löwenanteil des Marktes ausmachen.

Macht aus dem alten Wohnblock in der Matte ein topmodernes Minergiegebäude: Architekt Peter Kaltenrieder. (Valérie Chételat)

Macht aus dem alten Wohnblock in der Matte ein topmodernes Minergiegebäude: Architekt Peter Kaltenrieder. (Valérie Chételat)

Minergie-Standards

Das Qualitätslabel Minergie wird für Neubauten und sanierte Gebäude verliehen, die wenig Energie für Heizung und Warmwasser benötigen. Voraussetzung für einen tiefen Energieverbrauch ist eine sehr gute Isolation und meist eine Komfortlüftung, die das Öffnen der Fenster in der Heizperiode überflüssig macht. Es gibt unterschiedliche Kategorien des Labels: «Minergie» erfordert für neue Wohnbauten einen jährlichen Energieverbrauch von höchstens 38 Kilowattstunden pro Quadratmeter. Das strengere «Minergie-P» höchstens 30 Kilowattstunden. «Minergie-Eco» und «Minergie-P-Eco» erfordern zudem eine ökologische Bauweise unter Einbezug von gesundheitsfreundlichen Kriterien. Für Altbauten, die saniert werden, sind die Anforderungen tiefer.

Autofreie Siedlung

Das Projekt «Burgunder» an der Burgunderstrasse beim Bahnhof Bümpliz-Süd ist vor allem als erste autofreie Siedlung der Schweiz bekannt: Die Bewohner verzichten auf ein eigenes Auto, sie können aber Autos von Mobility benutzen. Bezüglich Energieverbrauch wird der Wohnkomplex nach dem strengsten Label «Minergie-P-Eco» erbaut. Den geringen restlichen Heizbedarf deckt eine Erdsonden-Wärmepumpenheizung. Über Solarzellen auf den Dächern für die Stromversorgung verhandle man gegenwärtig mit Energie Wasser Bern (EWB), sagt auf Anfrage Günther Ketterer, Verwaltungsratspräsident der Projektgesellschaft NPG AG. Eine 4,5-Zimmer-Wohnung kostet – inklusive Nebenkosten – je nach Lage zwischen 2300 und 2450 Franken.

Wohnhäuser benötigen dank Minergiestandard nur noch sehr wenig Energie. Dieser geringe Bedarf wird mit Sonnenkollektoren, Holzpelletheizungen oder Erdsonden-Wärmepumpen gedeckt. Diesen Eindruck könnte erhalten, wer die einschlägigen Berichte in den Immobilienbeilagen der Medien liest oder Hausbaumessen besucht.

Wer aber in Bern und Umgebung eine solch energetisch vorbildliche Mietwohnung sucht, hat seine liebe Mühe: In der aktuellen Ausgabe des «Anzeigers Region Bern» wird keine einzige Minergiewohnung angeboten, ein einziges Inserat erwähnt eine Wärmepumpenheizung. Unter den Mietinseraten im «Bund» ist ein einziges Inserat für Minergiewohnungen in Burgdorf. Dazu kommen fünf Inserate, in denen «top isolierte» Wohnungen oder solche mit «alternativem Heizsystem», «ökologischer Heizung mit Erdwärme» oder «Schwedenofen» angeboten werden – bei total 114 Mietangeboten eine magere Ausbeute.

Internetsuche hilft auch nicht

Das Internet hat die Wohnungssuche revolutioniert: Spezialisierte Internetportale ermöglichen es, bereits am Computer sehr detaillierte Angaben über eine Wohnung zu erhalten. Doch die Suche nach Minergiewohnungen ist auch im Netz wenig ergiebig. Das Portal Comparis, das eine entsprechende Suchfunktion kennt, liefert ein einziges Angebot. Bei Homegate findet man Informationen zum Thema Minergie, eine Suchfunktion für derartige Mietwohnungen wird es aber erst ab Oktober geben, wie auf Anfrage zu erfahren ist.

Zu bezweifeln ist allerdings, dass der Berner Mieter dank der technischen Suchhilfe dann sehr viele Minergiewohnungen mehr finden wird: Die vollständige Liste, die Homegate auf Anfrage zuschickt, enthält ein einziges Angebot in der Stadt Bern. Zufallsfunde im Portal Immoscout24 ergeben drei weitere Angebote.

Immerhin beziehen sich die wenigen gefundenen Inserate meist auf ganze Siedlungen mit vielen Wohnungen, etwa in Brünnen, Bümpliz Süd, Ausserholligen oder am Liebefeldpark in Köniz. Weitere Minergie-Mietwohnungen wären zu finden, falls man die Liste der Wohnbauprojekte auf der Internetseite der Stadt Bern durchkämmen würde.

Begehrte Minergiewohnungen

Doch offensichtlich sind diese Wohnungen begehrt: In der autofreien Siedlung Burgunder sind von 40 Wohnungen bereits 33 vermietet – obwohl knapp die Hälfte der Wohnungen erst im November bezugsbereit sein wird. Auch in der Siedlung Cres-Cen-Do sind die meisten Wohnungen bereits vergeben.

Warum sind Minergiewohnungen derart rar, obwohl sie offensichtlich begehrt sind? Ulrich Nyffenegger vom kantonalen Amt für Umweltkoordination und Energie liefert eine einfache Antwort: «Der Anteil der Minergiebauten auf dem bestehenden Mietmarkt ist sehr klein.» In der Tat listet die Geschäftsstelle Minergie total nur gut 160 Minergiehäuser in Bern und Umgebung auf – meist Neubauten.

«Das Problem liegt nicht bei den Neubauten, sondern bei den Altwohnungen, die den Löwenanteil des Bestands ausmachen», sagt Nyffenegger. «Die Altbauten werden viel zu selten und zu wenig gut saniert.» Auch Franz Beyeler, Geschäftsführer Minergie, sieht den «Sanierungsstau bei Altbauten» als Hauptproblem. «Wenn ich durch ein Stadtquartier spaziere, sehe ich massenhaft 60- oder 70-jährige Häuser, bei denen man jahrzehntelang nichts unternommen hat, ausser den Rasen zu mähen.»

Auch Altbauten sanierbar

Der bernische Regierungsrat hatte deshalb eine Sanierungspflicht für die energetisch schlechtesten Altbauten vorgeschlagen. Der Grosse Rat jedoch strich die Sanierungspflicht aus dem neuen kantonalen Energiegesetz – auch wegen der Opposition des kantonalen Hauseigentümerverbandes (HEV). «Dem Klima ist es egal, welche Gebäudekategorien saniert werden. Wichtig ist einzig, wie viel gesamthaft gespart wird. Statt alle ‹Energieschleudern› ein bisschen zu sanieren, ist es sinnvoller, dort umfassend zu sanieren, wo es sich wirtschaftlich einigermassen lohnt», sagt HEV-Sekretär Hans Bättig.

«Dass sich die energetische Sanierung von Altbauten kaum lohne, ist meistens eine Ausrede», sagt dagegen der Berner Architekt Peter Kaltenrieder. Sogar eine Sanierung nach dem ehrgeizigen Minergiestandard sei «mit gutem Willen bei vielen Altbauten möglich und sinnvoll». Das Architekturbüro Weiss+Kaltenrieder AG erbrachte bereits 1999 den Tatbeweis, als es das in den Sechzigerjahren erbaute Hochhaus an der Winkelriedstrasse 7 auf Minergiestandard brachte – und dafür auch ausgezeichnet wurde.

Gegenwärtig saniert das Architekturbüro einen Wohn- und Gästekomplex in Wabern und einen Block aus den Dreissigerjahren an der Gerberngasse in der Matte nach Minergiestandard (siehe Bild). Wenn man sorgfältig plane und die Förderbeiträge der öffentlichen Hand für Minergie einrechne, dann verteuere die Minergiebauweise die Sanierung des Blocks an der Gerberngasse nur gerade um rund zwei Prozent, sagt Kaltenrieder. «Das macht für den Mieter einen Fünfliber pro Monat aus.» Und dafür erhalte der Mieter tiefere Nebenkosten und vor allem mehr Wohnkomfort dank der Komfortlüftung, die Bestandteil von Minergie ist.

Kampf um Energieausweis

Für den kantonalen Mieterverband ist die Frage offen, ob sich Sanierungen für Mieter auszahlen. «Teilweise sind energetische Massnahmen gut für die Umwelt, aber nicht unbedingt für das Portemonnaie der Mieter», sagt der Rechtsberater des Verbands, Richard Püntener. Auf längere Sicht seien Energiesanierungen für Mieter jedoch sinnvoll, da deutlich höhere Ölpreise zu erwarten seien. Püntener kritisiert vor allem, dass Mieter kaum etwas über den Energieverbrauch einer Wohnung erfahren, wenn sie einen Mietvertrag unterschreiben.

Abhilfe soll der Gebäudeenergieausweis schaffen, der Auskunft über die Energieeffizienz von Häusern gibt. Gemäss neuem kantonalem Energiegesetz soll er für alle Gebäude obligatorisch werden, die vor 1990 bewilligt wurden. Doch der HEV bekämpft auch dies und hat deswegen das Referendum gegen das Gesetz ergriffen. «Wir unterstützen den Ausweis als freiwillige Massnahme, sind aber gegen ein Obligatorium», sagt HEV-Sekretär Bättig. «Einem Eigentümer, der sein Haus nicht sanieren kann oder will, nützt der Ausweis herzlich wenig.» Auch für den Mieter entstehe nur «eine Scheintransparenz», meint Bättig: «Er weiss ja ohnehin, dass nicht sanierte Altbauten zwar tiefe Mieten, aber auch einen hohen Energieverbrauch aufweisen.»

Allerdings sind die Unterschiede im Energieverbrauch auch bei Altbauten enorm. Für Nyffenegger vom kantonalen Amt für Umweltkoordination und Energie ist deshalb klar: «solange der Gebäudeenergieausweis nicht obligatorisch ist, hat die grosse Mehrheit der Wohnungssuchenden keine Chance, den Energieverbrauch eines Mietobjekts in Erfahrung zu bringen.» (Der Bund)

Erstellt: 05.08.2010, 11:03 Uhr

WRITE A COMMENT







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.


Bern

Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Frühlingsdeko
homegate Lassen Sie jetzt schon den Frühling ins Haus. Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie ein Wochenende am Blausee für 2 Personen...

Jobsuche

Jobs, in die man sofort wechseln will!

Jobsuche

Jobs, in die man sofort wechseln will!