Die Camper vom Viktoriaplatz

Seit nunmehr einer Woche zelten Anti-AKW-Aktivisten vor dem Hauptsitz der BKW am Viktoriaplatz. Ihre Forderung: Der Stromkonzern soll das alte Kernkraftwerk Mühleberg abschalten – ein Augenschein vor Ort.

Die Anti-AKW-Camper wollen bis zur Abschaltung von Mühleberg ausharren - auch wenn es zehn Jahre dauert. (Adrian Moser)

Die Anti-AKW-Camper wollen bis zur Abschaltung von Mühleberg ausharren - auch wenn es zehn Jahre dauert. (Adrian Moser)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine idyllische Stimmung herrscht diesen Morgen im Zeltlager der AKW-Gegner auf der Grünfläche vor dem Hauptsitz des Stromkonzerns BKW am Viktoriaplatz: In einem rostigen Fass, das als Holzofen dient, strahlt die Asche der vergangenen Nacht das letzte Bischen Wärme ab. In der Küche – aus Brettern zusammengebaut – bereitet eine Handvoll junger Aktivisten das Frühstück für ihre Gesinnungsgenossen vor. Hin und wieder bleiben Passanten stehen und beäugen neugierig die an den Eisenzaun gehängten Spruchbänder. «Wir bleiben, bis das AKW Mühleberg abgeschaltet ist», steht auf mehreren Transparenten – das Ziel des letzte Woche errichteten Protest-Camps ist eindeutig.

Vor dem Lager kehrt derweil Dominik Bachmann das Trottoir. Das Bild, das man nach aussen vermittle, sei sehr wichtig, sagt der besenschwingende Aktivist. «Wir wollen dieses Lager schliesslich mit und nicht gegen die Quartierbevölkerung betreiben», erläutert er. Dazu gehöre neben einem sauberen Platz zum Beispiel auch, dass man alle Zelte und Tische auf den Rasen statt mitten in die Tulpenbeete stelle.

Kuchen und Sonnenschirme

Das behutsame Vorgehen der Aktivisten scheint Wirkung zu zeigen: Die Solidarität der Bewohner aus dem nahen Breitenrainquartier sei enorm, erklärt die Tänzerin und Aktivistin Cécile Keller. Immer wieder spendeten sie Nützliches wie Kuchen oder Sonnenschirme. Wie Bachmann harrt Keller seit bald einer Woche auf dem Viktoriaplatz aus – wenn auch nicht rund um die Uhr. Man wechselt sich ab. Die meisten Demonstranten studieren oder gehen einem Beruf nach. Deshalb könne sie auch nicht genau sagen, wie viele Leute eigentlich auf dem Platz campieren, so Keller.

Sie und Bachmann engagieren sich seit Jahren in der Anti-AKW-Bewegung. Bachmann zog es dabei gar bis nach Deutschland, wo er gegen das geplante Endlager Gorleben protestierte. Beide nahmen zudem an den Protest-Picknicks vor dem Hauptsitz der Mühleberg-Betreiberin teil. Aus diesen entwickelte sich schliesslich das Zeltlager. Trotzdem würden sich weder Keller noch Bachmann als Teil eines «Kernteams» von Organisatoren bezeichnen. Vielmehr betonen sie das Spontane und den improvisierten Charakter der Aktion. «Jeder Teilnehmer steuert bei, was er oder sie kann», sagt Keller. Einige stellten die Zelte zur Verfügung, andere kochten oder beteiligten sich am Bau der Infrastruktur. Besonders stolz ist Keller auf die teils handgemachten Solaröfen, die etwas abseits der Zelte stehen: «Wir kochen und produzieren Strom einzig mit Sonnenenergie.»

«Polizei ist nicht unser Gegner»

Während des Gesprächs winken Bachmann und Keller hin und wieder vorbeieilenden Angestellten der BKW zu. Nur wenige erwidern den Gruss. «Die offizielle Position der BKW ist: ‹Der Protest interessiert uns nicht›», sagt Dominik Bachmann. «Inoffiziell sind wir aber definitiv ein Thema.» Seit dem Beginn der Kundgebung habe die Firma zum Beispiel Securitas-Wachleute vor dem Firmengebäude postiert. «Ich habe aber den Eindruck, die wären lieber hier bei uns», ergänzt Keller lachend. Auch mit der Polizei habe man bisher keine Probleme gehabt, sagen die beiden. «Die Polizei und die Stadt sind nicht unsere Gegner», streicht Bachmann hervor. «Wir demonstrieren friedlich.»

Am Sonntag indes, im Vorfeld des Fussball-Matches YB-Basel, kam es trotzdem zu einer brenzligen Situation, wie Augenzeugen berichten: Als die Basler Fans vorbeimarschierten, hätten vermummte Gestalten vor dem Camp Transparente ausgerollt. Die Aktivisten hätten ihnen jedoch klargemacht, dass man keine Probleme wolle. Die Banner seien daraufhin wieder verschwunden und die Situation habe sich entspannt. Für heute Mittag ist ein neues Picknick geplant. Zudem suchen die Camper das Gespräch mit der Stadt über die Zukunft des Lagers. Für Bachmann ist aber klar: «Wir bleiben, bis Mühleberg vom Netz ist – und wenn es zehn Jahre dauert.» (Der Bund)

Erstellt: 12.04.2011, 09:46 Uhr

Bildstrecke

Anti-AKW-Camp beim Viktoriaplatz wächst

Anti-AKW-Camp beim Viktoriaplatz wächst Die Zeltdemonstration auf dem Berner Viktoriaplatz ist auf rund 20 Zelte angewachsen.

Treffen mit Nause ohne Resultat

Gestern trafen sich Aktivisten mit dem Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) um die Zukunft des Anti-Mühleberg-Zeltlagers auf dem Viktoriaplatz zu besprechen.

Die Forderung der Camper: Bis das AKW vom Netz ist, solle die Stadt ihnen eine «unbefristete Bewilligung» für das Lager erteilen – analog zur unbefristeten Betriebsbewilligung für Mühleberg. Nause zeigte sich auf Anfrage «enttäuscht» über die Forderung: Die Stadt könne kein permanentes Zeltlager dulden.

«Die Aktivisten riskieren damit, dass man eher über ihr Camp als über Mühleberg spricht», sagte er. Über andere permanente Protestformen, wie beispielsweise Mahnwachen, liesse sich aber diskutieren, so Nause. Der Gemeinderat wird in den nächsten Tagen über das weitere Vorgehen befinden.

Artikel zum Thema

BKW-Camper richten sich häuslich ein

Die Camper, die vor dem BKW-Hauptsitz am Viktoriaplatz gegen das AKW Mühleberg demonstrieren, richten sich für einen längeren Aufenthalt ein. Inzwischen stehen sie im Dialog mit den Behörden. Mehr...

Paid Post

Tierisch viele Angebote

Die Berner Publikumsmesse BEA präsentiert vom 28. April bis 7. Mai 2017 die ganze Fülle von Trends und Traditionen.

Kommentare

Werbung

Immobilien

Die Welt in Bildern

Strassenkunst: Ein übergrosses Graffiti ziert die Wand eines Hochhauses in Berlin (28. April 2017).
(Bild: Felipe Trueba) Mehr...