Bern
Zu rechts: Reitschüler wollen CVP-Bier boykottieren
Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 22.06.2012 19 Kommentare
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Politik und Geschäft – sie lassen sich nicht trennen. Kaum jemand weiss das besser als Alois Gmür. Als der CVP-Politiker und Chef der Brauerei Rosengarten in Einsiedeln eine Grünabfuhr startete, löschten lokale Kleingewerbler ihren Durst jahrelang mit auswärtigem Bier – aus Protest. «Wir haben es gut überlebt», sagt Gmür.
Jetzt könnte sich die Geschichte wiederholen – mit schlimmeren Folgen. Vor dem Absprung steht nämlich die grösste Kundin der Brauerei Rosengarten, die Berner Reitschule. Der Grund: Am Mittwoch befürwortete Gmür im Nationalrat die Streichung der Sozialhilfe für abgewiesene Asylbewerber. Nun wird im Umfeld des Kulturzentrums heftig polemisiert. «Vielleicht sollte sich die Reitschule mal Gedanken machen, von wem sie ihr Bier bezieht», schreibt Aktivist Terry Loosli auf Facebook. Er werde ab sofort kein Einsiedler Bier mehr trinken. «Ich mag mit meinem Geld keine unsozialen rechten Hardliner unterstützen.» Alois Gmür ist ob solcher Äusserungen beunruhigt: «Als Unternehmer ist man immer erpressbar.»
«linker Bierliferant zu Begrüssen»
Es wäre aber auch zu kurios. Die Reitschule hat den Konsum mit reinem, linkem Gewissen in allen Bereichen der Speisekarte zur Meisterschaft gebracht. Wer ein Schnitzel bestellt, sichert dem regionalen Bio-Bauern ein Auskommen. Wer eine Tasse Kaffee trinkt, unterstützt die Zapatisten in Mexiko. Und ausgerechnet hier sollen Anarchisten, Autonome und Bleiberecht-Aktivisten künftig das Gebräu eines Asylrecht-Scharfmachers schlürfen? «No way.» Das ist nicht nur der Tenor auf Facebook. Auch die Reitschule erwartet «interne Diskussionen über den Bier-Hersteller». Denn: «Längerfristig wäre ein linker Bierlieferant zu begrüssen.»
Linkes Bier also? Wenn es doch nur so einfach wäre. Die Rosengarten-Brauerei kommt den links-alternativen Vorstellungen eines sozialen Unternehmens nämlich erstaunlich nahe. Seit 140 Jahren ist die Brauerei in Einsiedeln zu Hause. Mit ihren zwei Dutzend Angestellten produziert sie jährlich 15'000 Hektoliter Bier – eine im Branchenvergleich lächerlich kleine Menge. Das Unternehmen befindet sich zudem fest in Familienhand. Alle Abteilungsleiter heissen zum Nachnamen Gmür, die Verwaltungsräte ebenfalls. Und seit 1994 sitzen sogar dieselben fünf Gmürs im Führungsgremium. Kurz: In der Brauerei Rosengarten sind kurzfristiges Wachstumsdenken, Profitgier und Preisdrückerei kaum anzutreffen. Das räumt auch die Reitschule ein, wenngleich halbherzig: «Als Bierlieferant zeigt Alois Gmür mehr Herz für seine Mitmenschen als Nationalrat.»
Vier Prozent des Jahresabsatzes
Gerade deshalb waren sie ja miteinander ins Geschäft gekommen, die Reitschule und Gmür. Als die frühere Bier-Lieferantin, die Boxer-Brauerei, 1994 von einer indischen Unternehmergruppe geschluckt wurde, entsprach das gar nicht dem Geschmack der globalisierungskritischen Reitschüler. Wenige Wochen später traf Alois Gmür mit einer Kostprobe «Einsiedler Bier» bei der Reitschule ein. Seither schickt er jede Woche einen Lieferwagen auf die Reise nach Bern, beladen mit Lager, Dinkelbier und Maisgold, insgesamt rund zehn Hektoliter. Damit macht der Bierbedarf der Reitschule, gegen 500 Hektoliter pro Jahr, rund 4 Prozent des gesamten Jahresabsatzes der Brauerei Rosengarten aus.
Ein empfindlicher Verlust? «Es würde uns schon treffen, wenn sich die Reitschule abwenden würde. Die Existenz der Brauerei Rosengarten ist jedoch nicht bedroht», sagt Gmür. Enttäuscht aber, das sei er schon. Er schätze die Reitschule nicht nur als Kundin, er sei ein richtiger Sympathisant geworden in den letzten 18 Jahren. «Dass ich nun für meine politische Überzeugung bestraft werden soll, das schmerzt.» Zumal er keineswegs ein Hardliner sei. Er habe nur die Position der CVP-Fraktion vertreten. Das will er nun auch jenen klarmachen, die zum Bier-Boykott aufrufen. «Ich werde das Gespräch mit der Reitschule suchen», sagt Gmür.
So schlecht stehen seine Karten nicht. Es gibt in der Schweiz kaum unabhängige Brauereien, die den Bedarf der Reitschule decken können. «Infrage kommt einzig Appenzeller Bier», sagt Gmür. Er könne sich aber nicht vorstellen, dass das eine echte Alternative wäre. In der Tat: An der Spitze von Appenzeller Bier steht Arthur Löpfe, Alt-Nationalrat der CVP. Auch die Reitschule ist sich der Alternativlosigkeit bewusst: «Uns ist kein linker Betrieb bekannt, der die Brauerei Rosengarten ersetzen kann. Einstweilen beziehen wir unser Bier lieber von einem CVP-Familienbetrieb als von einem SVP-Kleinunternehmen.»
Man merke: Linkes Gewissen hin, rechtes Bier her – ganz ohne Bier wärs am Schlimmsten. Auch in der Reitschule.
Die Brauerei Locher AG, die Appenzeller Bier herstellt und deren Verwaltungsratspräsident Arthur Löpfe ist, legt Wert auf die Feststellung, dass sie ein politisch neutrales Unternehmen ist. (Der Bund)
Erstellt: 20.06.2012, 06:54 Uhr
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19 Kommentare
Werter Herr Lenz, es freut mich, dass Sie aufgrund eines Facebookposts von mir es geschafft haben einen Artikel zu schreiben. Ungefragt bin ich über Nacht zum Aktivisten geworden. Mir wäre es lieber wenn Sie das Kind dann bitte beim ganzen Namen nennen, denn entweder bin ich ein politischer Bieraktivist oder noch besser, ein Themengeber für sich bereits im Sommerloch befindende Journalisten. MfG Antworten
Wenn es so ist, darf die Reitschule nur Geld von der Stadt Bern nehmen, das von "Linken" Steuerzahlern kommt. Das wären so um die Fr. 90'000.- im Jahr. Der Mietzins müsste um den Anteil der "Rechten" Steuerzahler steigen, so um die 80% des bisherigen. Alles klar? Bin Reitschule befürworter, aber nicht für die wenigen pubertären Spinner die meinen, die Weisheit "Löffelweise gefressen" zu haben. Antworten
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