Zeitreise im Kursaal-Quartier
Von Sebastian Meier. Aktualisiert am 30.07.2010
Anlässe zum Jubiläum
Zum 100-Jahr-Jubiläum des Kursaal-Quartiers installiert der Anwohnerverein Kursaal an mehreren Standorten im Bereich Nordring-Greyerzerstrasse-Viktoriastrasse Ausstellungstafeln mit historischen Bildern und Hintergründen.
An der Kreuzung Greyerzerstrasse-Viktoriarain wird zudem ein «Kiosk» mit integrierter Ausstellung aufgestellt. Laut Manfred Leibundgut vom Anwohnerverein ist es bildlich dokumentiert, dass vor 100 Jahren an dieser Stelle ein kleines Häuschen mit unbekannter Funktion gestanden habe. Aufgefallen sei ihm das Häuschen, weil es auf zwei verschiedenen Bildern aus demselben Jahr scheinbar die Strassenseite gewechselt hat. «Was hier passiert ist, ist mir rätselhaft», sagt Leibundgut.
Im Häuschen wird ab morgen und bis am 13. August eine Projektion des Völlger-Panoramas zu sehen sein. Die 360-Grad-Aufnahme zeigt die Stadt Bern im Jahr 1894. Die unregelmässigen Öffnungszeiten sind an der Aussenwand des Häuschens angeschlagen. Gefeiert wird am 7. August zudem mit einem Strassenfest in der Begegnungszone Wyttenbachstrasse sowie am 8. August bei Brunch und Töggelikastenturnier in der Begegnungszone Greyerzerstrasse. (sem)
«Dort war eine Bäckerei, unten an der Kreuzung noch mal drei weitere und dort oben ein Metzger», sagt Manfred Leibundgut und zeigt mit dem Finger in alle Richtungen der Kreuzung. Heute werde an Viktoriarain, Greyerzerstrasse und Wyttenbachstrasse fast nur noch gewohnt. Auch wenn man es den Fassaden kaum ansehe, seien auch heute noch historische Prozesse im Gang. «Erst seit 20 Jahren», lebe er im Viktoriarain-Quartier. Das Wort «erst» verweist darauf, dass der pensionierte Raumplaner und Hobby-Historiker in längeren Zeitspannen denkt. Zum 100-Jahr-Jubiläum des Kursaal-Quartiers wollen er und der Anwohnerverein Kursaal die Berner auf eine Zeitreise mitnehmen (siehe Box) – eine Reise in die Zeit der Entstehung des Quartiers. Denn um das Jahr 1910 wurden rund um den Kursaal die ersten Bäckereien, Metzgereien und Häuserzeilen angedacht – dies freilich, bevor der Kursaal überhaupt gebaut war.
Am Anfang stand eine Brücke
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die «Felder» nördlich der Aareschlaufe kaum besiedelt. Nur die Lorraine war über eine Brücke mit der Altstadt verbunden. Die sogenannte «rote Brücke» – benannt nach ihrem roten Anstrich – hätten sich damals Fussgänger, Fuhrwerke und Eisenbahn geteilt, sagt Leibundgut. «Die vorbeifahrenden Züge haben die Pferde regelmässig aufgeschreckt.» Zudem sei die Brücke der Last der immer schwerer werdenden Züge nicht mehr gewachsen gewesen. Dazu kam, dass die Bundesstadt zu jener Zeit aus allen Nähten platzte und dringend neues Bauland brauchte. Bald war augenfällig, dass das Platzproblem nur mit neuen Wegen über die Aare zu lösen war. Ein Ausbau der «roten Brücke» sei bald vom Tisch gewesen, sagt Leibundgut, genauso wie das Projekt «Rathausbrücke». In die engere Auswahl sei aber die «Waisenhausbrücke» gelangt, die sich dann aber als zu teuer erwiesen habe. Das Stimmvolk entschied schliesslich zugunsten der Variante beim Kornhaus. Die neue Brücke in den Norden wurde 1898 feierlich eingeweiht.
Konzept ohne Wirkung
Bereits vor Fertigstellung der Kornhausbrücke hatte die Stadt mit den Planungen für die neuen Quartiere begonnen. Herzstück des neuen Stadtteils sollte der Viktoriaplatz werden: ein grosser, quadratischer Platz – Ausgangspunkt von nicht weniger als neun breiten Strassen in alle Himmelsrichtungen. Das Verkehrskonzept sollte eine geordnete Stadtentwicklung ermöglichen und den Norden Berns zum repräsentativen Prunkstück machen.
In der Realität wurden die Pläne allerdings nie umgesetzt. Einerseits seien sie von allem Anfang an illusorisch gewesen: «Die Stadtplaner hatten die Topografie offenbar vollständig ausgeblendet», sagt Leibundgut. Andererseits sei der Boden im Norden Berns mit dem Bau der Kornhausbrücke zur Goldgrube geworden. Spekulanten aus Zürich und Basel kauften das Land auf, trieben die Preise in die Höhe und brachten die Grundstücke wieder auf den freien Markt. In den Folgejahren schossen die Neubauten wie Pilze aus dem Boden. Zwischen 1909 und 1916 wurde bereits ein Grossteil des Viktoriarain-Quartiers gebaut und bezogen. Die Absicht der Landbesitzer war es, schnell, günstig und dicht zu bauen, damit die neuen Häuser möglichst rasch hohe Gewinne abwerfen würden. Für Strassenbeläge blieb oft kein Geld übrig, weshalb die Anwohner vorerst mit Staub und Schlaglöchern leben mussten (siehe Bild). Ein übergeordnetes Konzept war nicht ersichtlich, und so folgten die Verkehrswege bald den bereits gebauten Häuserzeilen. Die Pläne der Stadt Bern waren längst in Vergessenheit geraten.
Kursaal statt Viktoriaplatz
Auch die Vision für den Viktoriaplatz war nur noch ein Dokument gescheiterter Planung. Bereits der 1916 fertiggestellte Hauptsitz der BKW widersprach diametral den ursprünglichen Plänen, und schliesslich machte der Siegeszug des Autos den Platz zur Kreuzung. Auch auf der 1929 eingeweihten Lorrainebrücke mussten die Fussgänger dem Auto weichen. Als zwölf Jahre später schliesslich eine neue Eisenbahnbrücke fertiggestellt wurde, war auch die «rote Brücke» überflüssig geworden. Sie wurde während des Zweiten Weltkrieges abgebrochen.
Anstelle des Viktoriaplatzes wurde der 1914 erbaute Kursaal zum optischen Mittelpunkt des neuen Stadtteils. Mit ihm verbindet Leibundgut eine Hassliebe. Regelmässig hätten Ausbauprojekte des Kursaals im Quartier für rote Köpfe gesorgt. Beim neuen Bauprojekt habe man die Anwohner allerdings ernst genommen. Und wieder ist ein kleines Stück Quartiergeschichte geschrieben. (Der Bund)
Erstellt: 30.07.2010, 09:01 Uhr
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