Bern

Wo man die Probleme selber löst

Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 07.07.2012 3 Kommentare

Lange lagen sie darnieder, nun erleben Wohnbaugenossenschaften ein Revival – wegen Wohnungsnot und sozialer Verdrängung. Für einmal ist die Lorraine der Musterknabe und die Länggasse das Negativbeispiel.

«Ich schätze dieses selbstverwaltete Wohnen»: Isabel Uehlinger mit Zora und Nachbarstochter Lucy.

«Ich schätze dieses selbstverwaltete Wohnen»: Isabel Uehlinger mit Zora und Nachbarstochter Lucy.
Bild: Valérie Chételat

Tag der Genossenschaften

Nebst den grossen Genossenschaften, die im Norden und Westen Berns Hunderte Wohnungen anbieten, gibt es in den zentrumsnaheren Quartieren eine Vielzahl von kleinen, unabhängigen Hausgemeinschaften. Zehn dieser Genossenschaften öffnen Besuchern heute Tür und Tor. Da wird Frühstück aufgetragen (10 bis 12 Uhr, Gotthelfstrasse 14), ein Quartier-Flohmarkt ausgerichtet (11 bis 15 Uhr, Alpeneggstrasse 10), Sirup ausgeschenkt (14 bis 17 Uhr, Lorrainestrasse 65), ein Kino eröffnet (14 bis 17 Uhr, Jurastrasse 15) und ein üppiges Abendessen serviert (18 bis 22 Uhr, Dammweg 43). Konzertante Unterhaltung bieten die Wogeno (16 bis 19 Uhr, Turnweg 13) und der Q-Hof (ab 20 Uhr, Quartierhof 1).

Weitere Informationen: www.ijdg.ch

Mehr Wohnbauförderung

Von 2011 bis 2014 stellt der Kanton Bern jährlich 2 Millionen Franken für die Förderung von gemeinnützigem Wohnungsbau bereit. Unterstützungsbeiträge sind vorgesehen für strategische Planungen, Organisationsentwicklungen, Machbarkeitsstudien und Vorprojekte.

«Wir wollen Ideen in ihrer Startphase fördern», sagt Daniel Blumer, Leiter der Förderstelle Gemeinnütziger Wohnungsbau Kanton Bern. 2011 wurden insgesamt rund 500'000 Franken ausgeschüttet. Für Blumer ein gutes Ergebnis: «Die unterstützten Projekte werden Bauinvestitionen von rund 100 Millionen Franken auslösen. Nebst finanzieller Unterstützung bietet die Förderstelle auch kostenlose Beratungen an.
Weitere Informationen: www.be.ch/wohnen

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Frauen, Männer, Kinder, Velos, Wollsocken, Gemeinschaftsräume, grosse Kochtöpfe und Spaghetti bolognese. So stellen sich viele das Leben in einer Wohnbaugenossenschaft vor. «Die Klischees», seufzt Isabel Uehlinger. Treffen sie zu? «Ja und nein.»

Es ist kurz vor Mittag im ersten Stock der Berner Lorrainestrasse 65. Die dreijährige Zora springt auf der Couch umher, bald kommen ihre zwei älteren Geschwister und Nachbarstochter Lucy zum Essen. Isabel Uehlinger, Projektleiterin bei Berner Gesundheit, tischt Kaffee und Zitronenroulade auf.

Privatsphäre erlaubt

Seit sieben Jahren bewohnt sie mit ihrer Familie eine Sechszimmerwohnung in der Genossenschaft Giebel, die insgesamt 11 Erwachsene und 15 Kinder zählt. Das Wort Sippe will sie aber nicht hören: «Auch bei uns hat jeder seine Privatsphäre.» Der grösste Unterschied zu normalen Miethäusern? «In Miethäusern ruft man die Verwaltung an, wenn es irgendwo klemmt. In einer Genossenschaft löst man die Probleme selber.»

Bisweilen sind sie ganz banal: Kürzlich war der Abfluss verstopft. Da trafen sich die Bewohner zur Besprechung, derjenige mit dem Ämtli «Technischer Dienst» liess anschliessend den Rohrreiniger kommen. Es sind feine Unterschiede. Aber für Isabel Uehlinger bedeuten sie viel: «Ich schätze dieses selbstverwaltete Wohnen», sagt sie. «Das Haus gehört uns Genossenschaftern. Da muss man Verantwortung übernehmen, aber man darf auch mitreden.»

Niedergang und Auferstehung

Verantwortung übernehmen? Mitreden? In den letzten dreissig Jahren war das offensichtlich ziemlich out. Der gemeinnützige Wohnbau liegt in der Schweiz seit 1980 praktisch darnieder. In Biel, wo Genossenschaften einst jedes vierte Logis anboten, versammeln sie heute nur noch 15 Prozent der Wohnungen. In der Stadt Bern werden aktuell nur 10 Prozent von gemeinnützigen Wohnbauträgern angeboten. Auch hier war die Zahl über 30 Jahre rückläufig. Aufgrund des schwindenden Interesses befand der Grosse Rat 2003, die Förderung von gemeinnützigem Wohnbau sei obsolet.

Keine zehn Jahre später ist plötzlich alles anders: Die UNO erklärte 2012 zum Jahr der Genossenschaften. Generalsekretär Ban Ki-moon erklärte, sie erinnerten daran, dass es möglich sei, wirtschaftliche Ziele und soziale Verantwortung zu verbinden. Migros, Coop, Raiffeisen und Mobiliar – die berühmtesten Genossenschaften der Schweiz – streichen in Werbekampagnen ihre Gesellschaftsform hervor.

In der Stadt Bern wird bei allen Neueinzonungen eine bestimmte Fläche für gemeinnützigen Wohnungsbau zur Verfügung gestellt. Auch der bürgerlich dominierte Grosse Rat korrigierte seinen Entscheid und stellte 2009 zwei Millionen Franken jährlich für Wohnbauförderung zur Verfügung. Selbst der marktliberale Bundesrat Johann Schneider-Ammann ist ganz angetan von den Baugenossenschaften. Es brauche mehr, findet er, und zwar «vor allem dort, wo Normalverdienende Mühe haben, eine bezahlbare Wohnung zu finden». Die Äusserung des Volkswirtschaftsministers deutet es an: Dass das Modell derzeit eine Auferstehung feiert, hat wenig mit Nostalgie zu tun. Dafür sehr viel mit sozialen Verdrängungsprozessen, Wohnungsnot und ökonomischer Logik.

Mieten sind 26 Prozent günstiger

Daniel Blumer, Wohnbauförderer des Kantons Bern und Kenner der schweizerischen Genossenschaftslandschaft, braucht exakt fünf Striche, um das Erfolgsrezept der Genossenschaften zu skizzieren. Vier für ein flaches Rechteck. Einen für jene rote Linie, die quer durch die obere Hälfte des Quaders läuft. «Unter der roten Linie sind die Kosten einer Liegenschaft, darüber liegt die Rendite, die ein privater Bauherr auf seinem Mietshaus abschöpft. Bei Baugenossenschaften fällt diese Rendite weg. Sie bleibt bei den Mietern.»

Was das bedeutet, zeigt eine vor wenigen Wochen veröffentlichte Studie über Wohnbaugenossenschaften in der Stadt Biel: Ihre Nettomieten liegen durchschnittlich 26 Prozent unter dem regulären Mietzinsniveau. Das hängt auch damit zusammen, dass diese Wohnungen eher kleiner und älter sind als die übrigen Mietwohnungen. Aber eben nicht nur: Die Rendite, die vier bis acht Prozent ausmachen kann, fällt weg. Für Daniel Blumer ist die Gleichung ganz einfach: «Wohnbaugenossenschaften dämpfen die Mietzinssteigerungen.»

Für Isabel Uehlinger aus der Giebel-Genossenschaft steht ein anderer Gedanke im Vordergrund: «Es gibt mir ein gutes Gefühl, zu wissen, dass sich an unserer Miete niemand bereichert.»

Gegenbeispiel Länggasse

Dann ist da noch der andere Effekt von Wohnbaugenossenschaften, der soziale. Daniel Blumer illustriert ihn gerne am Berner Lorrainequartier. «Hier gibt es traditionell eine grosse Zahl von Wohnbaugenossenschaften.» Deren Bewohner engagierten sich oft stark für das Quartier. «Sie sitzen in den Schulkommissionen, sie veranstalten Quartierfeste, sie haben oft Kinder. Auch wenn sich die soziale Struktur der Lorraine in den letzten Jahren spürbar verändert hat – die Genossenschaften sorgen für Durchmischung und Stabilität.»

Das negative Gegenbeispiel sei die Länggasse, so Blumer. Im ehemaligen Arbeiterquartier stellten Genossenschaften die Ausnahme dar. Die Folgen träten nun offen zutage: «Die Mietpreise gehen im aktuellen Boom durchs Dach. Normalverdiener müssen sich ausserhalb der Länggasse nach erschwinglichem Wohnraum umsehen. Kurz: Das Quartier steht an einem Wendepunkt.»

«Keinerlei Einschränkungen»

Trotz diesen vielen positiven Aspekten gibt es für Blumer noch einige Widerstände zu überwinden: «In erster Linie müssten Genossenschaften häufiger und gezielter Baugrund von den Gemeinden zugesprochen erhalten.» Nebst den strukturell-politischen gibt es aber noch die anderen Vorbehalte: Genossenschaften seien träge, heisst es oft. Es würden endlose basisdemokratische Debatten geführt. Man werde zu ehrenamtlicher Arbeit verdonnert und sei ewig an die Genossenschaft gebunden.

Isabel Uehlinger kann das nicht bestätigen. Sie fühle sich in keiner Weise eingeschränkt. «Ich kann jederzeit ausziehen, die Kündigungsfrist beträgt drei Monate.» Und die ehrenamtliche Arbeit? «Alle zwei Monate eine Sitzung mit dem Vorstand – das ist verkraftbar.» Inzwischen sind ihre Kinder heimgekehrt. Isabel Uehlinger macht sich ans Mittagessen. Es gibt nicht Spaghetti bolognese. Sondern Bratkartoffeln mit Spiegelei. (Der Bund)

Erstellt: 07.07.2012, 13:09 Uhr

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3 Kommentare

Franz Mueller

07.07.2012, 15:12 Uhr
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Schöner, wohltuender Beschrieb, wie es in einer Gen. zugehen kann und auch sollte. Leider sieht die heutige Realität oft ganz anders aus: ehrenamtliches schaffen ist unbeliebt. Junge Mieter meinen zu Unrecht, dass mit der Bez. des Gen. Betrages alles im Butter wäre, sie nichts sonst zu tun bräuchten. Das Gegenteil ist der Fall, es braucht Fronbuez, von allen Genossen ohne Ausnahmen, damit es passt Antworten


Franz Mueller

07.07.2012, 16:08 Uhr
Melden 3 Empfehlung 0

So nebenbei: wohnte über 30 Jahre in zwei Wohngen. in BS. Die Alten Gen.schafter starben, mit den Jungen bekamen wir immer mehr Probleme! Möglichst billig wohnen, ja gerne! Etwas tun für das Haus, den Garten pflegen, im Winter Schnee räumen? An die GV kommen? Trotz gutem Gratis-Abendessen, nein danke! Wir mussten leider sogar zwei jungen Paaren wegen Nichtbeachtung der Gen. Vorschriften künden! Antworten



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