Bern
Wo die Berner Intelligenzija ihre Schunken findet
Von Simon Jäggi. Aktualisiert am 07.05.2012 1 Kommentar
Jubiläum
Die Münstergass-Buchhandlung wird in diesem Jahr vierzig Jahre alt. Ein Jubiläum, das in Anbetracht der turbulenten Zeiten, die der Buchhandel in selber Zeit durchlebt hat, bemerkenswert ist. Ein Jubiläum aber auch, an dem sich ein Stück Zeitgeschichte erzählen lässt. Ulrich Riklin gründet die «Buchhandlung für Soziologie» 1972, damals an der Münstergasse 41. Die politischen Bewegungen, die im Zuge von 1968 entstanden, werden hier mit Literatur unterfüttert: die Trotzkisten etwa, die Maoisten – alle bekommen sie ihre Ecken. In den 1980er-Jahren verliert die Soziologie ihre zentrale Bedeutung als Inbegriff der Gesellschaftskritik, die Buchhandlung erhält ihren heutigen Namen und geschäftet auch im neuen Lokal an der Münstergasse 33 unter dem Motto «Klein blieben, besser sein». Der technologische Wandel in den vierzig Jahren ist enorm und verändert die Arbeit der Angestellten, deren Zahl ständig steigt, grundlegend. 1987 kommt der erste Computer, 1996 die erste Webseite. Und seit 2003 können Kunden auch per SMS bestellen. Mehr Geschichte und Geschichten zum Jubiläum: www.muenstergass.ch
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In der Psychologie gebe es das Konzept der Zeitfenster, erzählt Ulrich Riklin und kramt aus einem Regal seines Gedächtnisses einen angelesenen Gedanken hervor – sein Gedächtnis ist durch 55 Jahre unbändigen Lesens prall gefüllt. Es gebe solche Zeitfenster, in denen ein Einzelner zum Beispiel fähig sei, eine Sprache akzentfrei zu erlernen. Zu Beginn der 1970er-Jahre stand in gesellschaftlicher Hinsicht ein solches Fenster offen, glaubt Riklin – heute scheinen es ihm Jahre zu sein, in denen vieles möglich war, vieles entstand. Kellerkino, Kitchener, Zytglogge-Verlag, Chinderbuchladen.
Und seine Buchhandlung, die er «ohne viel zu überlegen» gründete, wie er vierzig Jahre später neckisch behauptet, in der Kaffeeküche eines Geschäfts sitzend, das weit über eine Million Franken Umsatz jährlich macht. Aussergewöhnlich an der Münstergass-Buchhandlung ist aber bestimmt nicht ihr stetiges Wachstum, sondern die Tatsache, dass es sie noch gibt. Und mit ihrer Auslage kulturwissenschaftlicher Literatur und ausgewählter Belletristik hat sie zweifellos ihren festen Platz im Stadtinventar der Berner Intelligenzija.
Lob an Amazon
Wäre er nochmals zwanzig, würde er es wieder tun? Sollte ein solches Fenster offen stehen, dann ja, sagt der 60-Jährige Riklin – wohl wissend, dass dies zurzeit nicht der Fall ist. Für sein erstes Lokal bezahlte er 200 Franken. «Da konnte man etwas machen.» Bei 15?000 Franken Ladenmiete wäre der Druck ein ungleich anderer gewesen. Und so rutscht man in die Diskussion über die Zukunft des Buchhandels.
Riklin stellt von Beginn weg klar: Buchhandlungen werde es nach wie vor geben. Aber in der Folge erweist er sich nicht als Romantiker, dazu ist er viel zu sehr ein Vorwärtsdenker. Er lobt auch mal Amazon für «raffinierte» Empfehlungen oder gibt zu, der Buchpreisbindung nicht hinterherzutrauern, obwohl er sich für ein Ja eingesetzt hat: Grosskunden würden jetzt eher davon abgehalten, im Ausland einkaufen zu gehen.
Schunken gehen oft über den Ladentisch
Wenn Riklin zurückblickt, erstaunen eher die Dinge, die gleich geblieben sind. Das Buch, dieses 3000 Jahre alte Medium, sei nicht verschwunden. Weder Radio und Fernsehen noch das Internet konnten ihm viel anhaben. Auch das E-Book habe weiterhin das Buch als Referenz – in der Werbung werde noch immer mit dem physischen Buch geworben. Und die Welt in dieser Tiefe, in dieser Genauigkeit zu beschreiben, das könne weiterhin nur die Literatur. Riklin nennt ein Beispiel: Péter Nádas’ «Parallelgeschichten», 1728 Seiten lang. «Es kommen noch immer erstaunlich viele Menschen in unseren Laden, die opulente Werke kaufen und lesen.»
Der Laden – das ist auch etwas, was Riklin nüchtern einräumt – stellt ohnehin nur den kleinen Körper dar. «Das grosse Hirn liegt hier», sagt er, als er ins Büro im ersten Stock tritt, wo Mitarbeiter vor den Computern sitzen und Grosskunden bedienen. Hier wird auch die Zukunft dieser Buchhandlung entschieden. Ob Bibliotheken, Verwaltungen oder Institutionen weiterhin zu den Kunden gehören. Sie machen drei Viertel des Umsatzes aus. Die Zentralbibliothek etwa, die in derselben Gasse steht, importiert inzwischen eine Mehrheit der Titel aus dem Ausland.
Arbeit trotz Parkinson
Die Anekdoten aber, die entstehen auch künftig im Ladenlokal; deren weiss Riklin einige zu erzählen aus den letzten vier Jahrzehnten. Etwa von dem Herrn, der zwei Jahre lang ein Buch über thailändische Eisenbahnen gesucht hat. Die Münstergass-Buchhandlung hat es gefunden. Riklin, der sich sonst bescheiden gibt, kehrt seine selbstbewusste Seite hervor. Mit 3000 Lieferanten arbeite die kleine Münstergass-Buchhandlung zusammen, grössere Geschäfte beschränkten sich auf 150 Verlage. Alles beschaffen zu können, das war seit je Riklins Ehrgeiz. Und dieser hat den Ruf des Ladens geprägt, in dem auch mal das Sekretariat eines Bundesrates anruft, wenn ein Titel sofort vorhanden sein muss.
Noch heute steht Riklin vier Tag die Woche im Laden, trotz der Krankheit. Er leidet an Parkinson. Er hat im letzten Jahr seine Anteile am Laden an drei Nachfolgerinnen verkauft. Zu seinem 60. Geburtstag hat er sich Eintagesfliegen gewünscht, echte Eintagesfliegen. Genügsam seien diese, schreibt er im Blog der Buchhandlung, «unbeschwert und sehr, sehr flüchtig». (Der Bund)
Erstellt: 07.05.2012, 16:25 Uhr
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1 Kommentar
Dies ist die einzige Buchhandlung in Bern wo ich reingehe und meist ungewollt mit mehr Büchern rausgehe, als ich eigentlich kaufen wollte. Es scheint, dass mit einem Angebot, das nicht dem langweiligen und eintönigen der grossen Ketten entspricht, immer noch genügend Leute in eine Buchhandlung gelockt werden können. Ich wünsche auf jeden Fall viel Glück für die nächsten 40 Jahre! Antworten
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