Bern
Wiederholt sich die Geschichte?
Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 14.05.2012 20 Kommentare
Die Tanzdemo
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Das Kommando kommt kurz nach 0.30 Uhr am Samstag. Eine Handbewegung des Anführers, dann geht es blitzschnell. Neben dem Pingpong-Tisch bei der Reitschule schlüpfen zwei Dutzend junge Männer aus ihren bunten Klamotten. Braune Oberarme schlenkern durch die Luft, greifen in Rucksäcke und ziehen schwarze Stoffknäuel hervor: Kapuzenpullover und Mützen mit Sehschlitzen. Nach wenigen Sekunden ist der schwarze Block uniformiert. Dann stehen die Burschen da und warten auf das nächste Kommando. Jenes zum Losmarschieren.
Hörte man sich in der vergangenen Woche in der Reitschule um, so waren sie die grösste Sorge der Aktivisten. «Ich hoffe nur, dass es gelingt, die destruktiven Kräfte zu kontrollieren», sagt ein Reitschüler wenige Minuten vor Demobeginn.
Kurz: Es gelingt. Rund 3000 Personen zogen am frühen Samstagmorgen vom Vorplatz der Reitschule zum Bundeshaus und wieder zurück. Drei Stunden dauerte die Tanzdemo. Brunnenfiguren wurden bestiegen, Bushäuschen erklommen, Leuchtfackeln und Knallpetarden gezündet. Aber: «Sachbeschädigungen gab es keine», sagt Nicolas Kessler, Sprecher der Kantonspolizei, am Sonntag. Die Polizei habe lediglich einige Tags und ein paar Sticker festgestellt. «Der Umzug verlief friedlich. Es gab keinen Grund, einzuschreiten.»
Der Stadtberner Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) sagt: «Die Demonstranten haben ein friedliches Zeichen gesetzt. Wir haben dieses Signal wahrgenommen.»
Das neue Regime ist in Kraft
Zurück auf den Vorplatz. Es ist 0.45 Uhr. Seit fünfzehn Minuten ist das neue Regime von Regierungsstatthalter Christoph Lerch (SP) in Kraft. Die Vorplatzbar müsste jetzt geschlossen sein, die Musik aus – und die Personen, die sich noch auf dem Vorplatz aufhalten, sollten verschwinden. Aber wer wollte diese Auflagen umsetzen? Genau ihretwegen sind die rund 2000 Jugendlichen ja herbeigeströmt. Weil sie «nicht einverstanden» sind «mit der Schliessung des Vorplatzes», wie es eine junge Frau aus Bern ausdrückt. Und nun warten alle 2000 Besucher darauf, dass irgendwas passiert. Die Menge steht unter Strom. Wann gehts los? Was ist das Ziel? Wo ist die Polizei?
«Nur mit der Ruhe», sagt die Aktivistin, die sich mit einem Stapel Papier in der Hand einen Weg über den Vorplatz bahnt. Auf ihren Flugblättern steht der Schlachtruf der heutigen Nacht: «Nehmt Ihr uns den Vorplatz, nehmen wir uns die Stadt.»
Riesenechse mit Lautsprechern
Punkt 1 Uhr gehen die Lichter auf dem Vorplatz aus. Unvermittelt öffnet sich die Pforte zur Grossen Halle. Worauf sich, schwer und träge wie eine Riesenechse, ein mit Lichtgirlanden und Transparenten geschmücktes Sound-Mobil aus dem schwarzen Loch schleppt. Zeit für die Beastie Boys: Aus den Lautsprechern dröhnt «You gotta fight for your right (to party)», das offizielle Fanal des Reitschule-Widerstands. Die Besucher johlen und drängen zum Wagen. Dann setzt sich der Umzug langsam in Bewegung – über die Schützenmatte, das Bollwerk hoch. Aus den umliegenden Bars und Seitengassen strömen immer neue Teilnehmer hinzu, bis sich der Umzug vom Bahnhof bis zur Speichergasse erstreckt.
Wie war das 1987?
Ist das jetzt eine neue Jugendbewegung? Viele Teilnehmer sind davon überzeugt. Immer wieder fallen die Stichworte Zaffaraya-Räumung und 1987. Auch damals gab es Nachtdemos. Auch damals protestierten Tausende Jugendliche gegen die «Vernichtung von Freiräumen» und für die Reitschule. Sogar die Symbolik ähnelt sich. 1987 trugen die Demonstranten Masken von Polizeichef Marco Albisetti. Am Samstag sind es Papp-Gesichter des Regierungsstatthalters. Gegen 2 Uhr morgens tanzen Hunderte von Christoph Lerchs vergnügt über die Spitalgasse.
Und auch im Internet werden die Ereignisse verknüpft. Das erste Youtube-Video, das Bilder der Tanzdemo zeigt, ist unterlegt mit «Hansdampf» von Züri West. Der Song war 1987 eine der Hymnen der Jugendbewegung.
Vielleicht ist es auch nur Nostalgie. Als die Tanzdemo um 2.15 Uhr beim beleuchteten Bundeshaus ankommt, steht ein älterer Reitschule-Aktivist etwas abseits. Es sei schon schön, sagt er, aber er weiss dann doch noch etwas an dieser Demo auszusetzen: Dass die Demonstranten an der UBS-Filiale vorbeiziehen, ohne dass ein einziger Farbbeutel fliegt – eine Sünde. Er lächelt. «S’isch eifach nümm wie früecher.»
Um 4 Uhr auf dem Vorplatz
Kurz nach 3 Uhr fallen Regentropfen aus dem schwarzen Himmel über dem Bundesplatz. Umringt von immer noch Hunderten Tänzern rollen die Sound-Mobile los. Durch die Spitalgasse, über den Bahnhofplatz, das Bollwerk hinunter, zurück zum Vorplatz. Hier wird nach 4 Uhr noch ein bisschen weitergefeiert. Bis die Jungs vom schwarzen Block wieder in ihre Alltagsklamotten schlüpfen und sich die Riesenechsen in ihre Höhle verkriechen. (Der Bund)
Erstellt: 14.05.2012, 06:54 Uhr
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20 Kommentare
Nun hat Bern wie andere Grossstädte auch, die illegalen Strassenparties. Geschieht der Stadt recht, wenn sie es vorzieht einen beliebten Jugendtreffpunkt zu schliessen. Respekt an die 3000 (waren es nicht eher mehr?) Feierwilligen, alles blieb friedlich, energiegeladen und ohne Ausschreitungen. Man wird sich an solche Strassenfeste gewöhnen dürfen, freue mich auf den Sommer! Antworten
Ich freue mich schon jetzt auf viele unterhaltsame Kommentare :-)
Mein Beitrag: Von mir aus könnte jedes Wochenende so eine Veranstaltung stattfinden.
War bisher selten an einem Anlass, der so voller Energie und trotzdem friedlich war!
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