Bern
Warum niemand den Kaninchenbraten roch
Von Simon Wälti. Aktualisiert am 14.11.2011 1 Kommentar
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Bei Kaninchenzüchtern gibt es eine goldene Regel: Etwa jede Woche sollte man den Stall ausmisten. Im Kleintierzüchterverein der Stadt Bern hat man sich in Geldsachen nicht daran gehalten. So blieben die Machenschaften des ehemaligen Kassiers M. K., der Geld ins Rotlichtmilieu pumpte, lange unentdeckt. Tauchten an einer Vereinsversammlung einmal Fragen auf, konnte er heftig werden. «Habt ihr kein Vertrauen in mich, ich bin schliesslich Treuhänder?», fragte er dann laut Mitgliedern jeweils.
Nun steht dem Kleintierzüchterverein das Wasser bis zum Hals. Die Schulden belaufen sich auf über eine Million Franken, die Kassenführung wird in einem Protokoll des Zentralvorstands von Kleintiere Bern-Jura so beschrieben: «Alles ist undurchsichtig.» Der Zentralvorstand wurde im Sommer um Hilfe gebeten. Unbezahlte Rechnungen in der Höhe von 70'000 bis 80'000 Franken wurden gefunden.
Geprellter Treuhandkunde
Daneben veruntreute der frühere FDP-Stadtrat im grossen Stil das Geld von Anteilsscheinen der Kleintieranlage Eymatt in Bern. Dazu gibt es gemäss «SonntagsZeitung» möglicherweise eine politische Komponente: «Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) wusste allem Anschein nach schon vor Jahren, dass M. K. mit Anteilsscheinen unsaubere Geschäfte machte», schreibt die Zeitung. Ein Geschädigter habe Tschäppät darum gebeten, zu intervenieren. Daraufhin habe M. K. das Geld bis auf etwas mehr als 100 000 Franken zurückgezahlt. M. K. hatte über eine halbe Million Franken seines Treuhandkunden ohne dessen Wissen in die Anteilsscheine investiert.
Ungenaue Erinnerung
Alexander Tschäppät wies gestern diese Darstellung zurück. Von den Anteilsscheinen und den kriminellen Handlungen habe er erst durch die Medienberichte vor einer Woche erfahren. Er schliesse jedoch nicht aus, «dass mich jemand vor Jahren wegen geschuldeter Gelder auf M. K. angesprochen hat und ich dann M. K. gesagt habe, er solle die Sache in Ordnung bringen». Aber er könne sich nicht daran erinnern, wer das gewesen sein solle. Dass der Geschädigte offenbar sein Geld zurückbekommen habe, habe er ebenfalls erst aus der Zeitung erfahren. «Von irgendwelchen Anteilsscheinen habe ich vorher nie etwas gehört», versichert Tschäppät. «Ich bin ebenso überrascht über die Unregelmässigkeiten im Kleintierzüchterverein Bern wie alle anderen auch.» Ende 2010 sei zum ersten Mal der Zins für das Darlehen von 260 000 Franken nicht mehr gezahlt worden. «Der Gemeinderat und ich wurden Anfang November 2011 erstmals darüber informiert.»
Die SVP der Stadt Bern fordert nun Aufklärung über die Rolle der Berner Stadtregierung und darüber, warum sich die Stadt in diesem Ausmass engagiert hat. Stadtrat Rudolf Friedli will dazu demnächst einen Vorstoss einreichen. Friedli war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar.
EWB brauchte den Platz
Anfang September 2006 war die rund 700'000 Franken teure Anlage in der Eymatt, deren Bau die Stadt mit dem Darlehen unterstützt hatte, im Beisein von Stadtpräsident Alexander Tschäppät eröffnet worden. Die alte Anlage der Züchter in Ausserholligen musste einer Betriebserweiterung des städtischen Energieversorgers Energie Wasser Bern EWB weichen. Deshalb griff auch EWB den Kleintierzüchtern unter die Arme, aber nicht mit Geld, sondern mit «Naturalleistungen», wie Claudia Kohlschütter, Leiterin Unternehmenskommunikation bei EWB, betont. «Wir haben uns verpflichtet, die Erschliessung mit Strom und Wasser zu übernehmen.» Die Kosten beliefen sich auf 150 000 Franken. Zum Teil führte EWB die Arbeiten selber aus, externe Arbeiten wurden direkt bezahlt. «Es ging kein Geld an den Kleintierzüchterverein.» Pikantes Detail: Gerne hätte sich der Verein respektive M. K. die 150 000 Franken auf sein Konto überweisen lassen – laut Kohlschütter mit dem Vermerk «Zweck ungebunden». EWB lehnte eine solche Regelung ab.
Revision im Blindflug
Die Missstände kamen erst im Sommer 2011 ans Tageslicht, als besorgte Mitglieder den Kantonalverband einschalteten. Peter Iseli, Präsident von Kleintiere Bern-Jura, liess sich die Unterlagen zeigen und stellte fest, dass Rechnungsführung und Revision mutmasslich gefälscht waren. Die Kontonummern seien von Jahr zu Jahr verändert worden, sodass eine Kontrolle nicht möglich gewesen sei. Die Revision führte eine Firma in Liechtenstein durch. «Sie erstellte einen Bericht, ohne die Rechnung anzuschauen», sagt Iseli. Über die Anteilsscheine, bei denen der grösste Schaden entstand, existierten jedoch keine Informationen. Iseli suspendierte M. K. und dessen Bruder, der als Präsident des Vereins fungierte. Einige Tage später traten die beiden zurück. «Sie haben es vorgezogen, ihre Kaninchenhäuser zu räumen», vermerkt das Protokoll.
Man versuche in Verhandlungen mit der Stadt eine Lösung für die Rückzahlung des Darlehens zu erreichen, sagt Iseli. «Wenn der Verein aufgelöst und die Anlage aufgegeben würde, entsteht der grösste Schaden.» Wenig Hoffnung scheint es für die privaten Personen zu geben, die M. K. ihr Geld für die Anteilsscheine aushändigten. «Das ist Sache der Justiz. Der Verein hat von diesem Geld nichts gesehen», so Iseli. Gegen M. K. läuft eine Strafuntersuchung wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Veruntreuung. (Berner Zeitung)
Erstellt: 14.11.2011, 06:49 Uhr
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