Warum der Stadtbach aufwärts fliesst

An der unteren Gerechtigkeitsgasse fliesst der offene Stadtbach offenbar statt abwärts aufwärts. Irritiert schaut man in den Graben und fragt sich, wie das gehen soll. In der Serie «Bern-Ding» klärt der «Bund» Sie auf.

Der aufwärts fliessende Stadtbach ist kein neues «Wunder von Bern». (Adrian Moser)

Der aufwärts fliessende Stadtbach ist kein neues «Wunder von Bern». (Adrian Moser)

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Es gibt Leute, die würden behaupten, dass in Bern vieles verkehrt läuft. Die wenigsten denken dabei aber an den Stadtbach. Dieser fliesst nämlich an der unteren Gerechtigkeitsgasse statt abwärts aufwärts. Zumindest scheinbar.

Es handelt sich um eine optische Täuschung, sagt Markus Strauss, Projektleiter beim Tiefbauamt. «Das Wasser läuft immer abwärts. Aus logischen Gründen.»

Wunder von Bern?

Aller Logik zum Trotz fliesst beim Spelga-Damm in Nordirland Wasser aber nachweislich aufwärts. Dort rollen sogar Autos, deren Motoren abgestellt sind und im Leerlauf stehen, wie von Geisterhand bergwärts statt talwärts (man denke an all die Autos, die bereits im offenen Berner Stadtbach gelandet sind). Gleiche Phänomene gibt es aus Italien, Deutschland und Polen zu berichten.

Warum ist man beim Tiefbauamt also so sicher, dass es sich hier nicht auch um ein «Wunder von Bern» handelt? Nun, es war die Stadt selber, die den Lauf des Wassers verändert hat. Zumindest indirekt. Im Mai 2002 hatte der Gemeinderat beschlossen, gleichzeitig mit dem Baukredit für die Gassensanierung auch einen Kredit für die Einführung einer Begegnungszone in der unteren Altstadt zu beantragen. Ausserdem liess er einen Wettbewerb für die Neugestaltung der Einfahrt zur Gerechtigkeitsgasse durchführen. Beim «Wunder» handelt es sich um das Ergebnis ebendieses Wettbewerbs – es ist Kunst am Bau.

Wie aber wird der Eindruck erweckt, dass der Stadtbach stadtaufwärts fliesst? Mit einem Griff in die Trickkiste, wie Strauss erklärt. Der Stadtbach wird in einer unterirdischen, nicht sichtbaren, Schlaufe so umgeleitet, dass er auf einer kurzen Strecke rückwärts, eben stadtaufwärts fliesst. «Der Rückfluss ist in Tat und Wahrheit aber immer nur Abfluss.» Der Wasserlauf weist nämlich ein kontinuierliches Gefälle auf. Dieses ist aber mit rund einem Prozent so gering, dass es von blossem Auge nicht erkennbar ist. Eine zweite Schlaufe lässt den Stadtbach anschliessend wieder abwärts fliessen. Das unterirdische Schlaufenwerk spielt sich auf einer Breite von rund 2,8 Metern ab – offen gelegt wurde aber nur das gerade Teilstück, eben der «Gegenlauf im Fluss», der dem Kunstprojekt auch seinen Namen gab. Resultat: eine «diskrete Irritation des gesunden Menschenverstands», wie die Wettbewerbsjury vor fünf Jahren bemerkte.

Vor Ort verrät dem ahnungslosen Passanten nichts, was es mit dem «aufwärts fliessenden Wasser» auf sich haben könnte. Weder eine Tafel noch eine Inschrift lassen darauf schliessen, dass hier nicht die Natur auf wundersame Weise dem Verstand ein Schnippchen schlägt, sondern Menschenhand im Spiel war. Trotzdem: Laut Strauss erkundigt sich kaum jemand beim Tiefbauamt nach den Gründen für das «aufwärts fliessende Wasser».

Die Serie «Bern-Ding» rückt Dinge ins Zentrum, die es nur in Bern gibt. Bisher sind unter anderem erschienen: die farbigen Strassenschilder (17. 7.), das Caran-d’Ache-Schaufenster (22. 7.), das Knechtenloch in der Aare (28. 7.), das Bärchen des Ancien Régime (2. 8.), der Zürcher, der in der Münster-Hölle schmort (4. 8.) und «ds letschte Stägli» (7. 8.). (Der Bund)

Erstellt: 10.08.2010, 08:29 Uhr

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