Bern
Warum Interlaken keine Krise kennt
Von Mathias Morgenthaler. Aktualisiert am 21.01.2012
(Bild: Quelle: interlakentourism.ch)
Stefan Otz ist ein gefragter Mann. Das ist bei einem Tourismusdirektor zwar nichts Aussergewöhnliches, aber dass man von Kollegen aus anderen Destinationen um Rat gefragt wird, diesen Respekt muss man sich erst einmal erarbeiten. In letzter Zeit erhielt der Direktor von Interlaken Tourismus einige Anrufe aus Graubünden und dem Wallis. Im Kern ging es um die Frage: Wie zieht man Kundschaft aus Asien und dem arabischen Raum an?
«Es gibt kein Geheimrezept», kann Otz in solchen Fällen nur antworten. Und: Wer sich diese Frage erst jetzt stellt, ist ziemlich spät dran. Als Stefan Otz vor acht Jahren kurz nach Stellenantritt zum ersten Mal nach Dubai flog, setzte es in Interlaken kritische Bemerkungen ab. Damals zeichneten Gäste aus den Golfstaaten für gerade mal 3000 Logiernächte verantwortlich. In den letzten acht Jahren ist diese Zahl auf knapp 40'000 hochgeschnellt. «Entscheidend ist, früh zu antizipieren, welche Märkte interessant werden könnten», sagt Stefan Otz.
Das gilt nicht nur für die Golfstaaten, sondern auch für Asien und Südamerika. In São Paulo etwa war Interlaken präsent, noch bevor Schweiz Tourismus die Bedeutung der schnell wachsenden Mittelschicht in Brasilien erkannte. Eine von den Jungfraubahnen und Interlaken Tourismus bezahlte Vertreterin wirbt seit 2008 am Zuckerhut für das Berner Oberland. Oder Indien: Seit langer Zeit unterstützen die Jungfraubahnen indische Filmteams bei ihren Dreharbeiten vor imposanter Berner Bergkulisse. Im Frühling 2011 ernannte Gemeindepräsident Urs Graf den bekanntesten Bollywood-Regisseur Yash Chopra zum «Ambassador of Interlaken» und gab bekannt, ein Zug der Jungfraubahnen und eine De-luxe-Suite des Hotels Victoria-Jungfrau würden nach ihm benannt. Im Herbst letzten Jahres trafen sich zum zweiten Mal 40 indische Reiseveranstalter in Interlaken zum Indian Workshop. Kein Zufall also, dass Indien heute der viertwichtigste Markt ist für Interlaken (vgl. Tabelle oben).
Klar mehr Logiernächte als Bern
Diese Beispiele zeigen, wie früh Interlaken damit begonnen hat, die Abhängigkeit von den Märkten Schweiz, Deutschland und Grossbritannien zu reduzieren. «Auch wir haben Einbussen im Deutschland-, England- und Amerika-Geschäft», sagt Stefan Otz, «aber die boomenden neuen Märkte haben diese Entwicklung mehr als kompensiert.» Unter dem Strich bleibt jedes Mal ein deutliches Plus. 2010 legte Interlaken bei den Logiernächten trotz historisch starkem Franken um gut 5 Prozent zu und erzielte ein Rekordergebnis. 2011 lief es, trotz Eurokrise und schwachem Dollar, nochmals besser. 809'118 Logiernächte verzeichneten die Hotels in Interlaken, Matten und Unterseen – 2,5 Prozent mehr als im Vorjahr und 119'000 Übernachtungen mehr als die ganze Stadt Bern.
Stefan Otz führt diesen Erfolg einerseits auf verkaufsorientiertes Marketing zurück. 1,6 Millionen Franken seines 4,5-Millionen-Budgets kann er jährlich ins Marketing investieren. Das grösste Kapital ortet Otz aber in der einmaligen Lage Interlakens: «Wir profitieren von einer einmaligen, gottgegebenen Ausgangslage. Wir sind hier das Basislager für Ausflüge in die hochalpine Landschaft.» So scheinen das auch die Touristen zu sehen. Im Schnitt bleiben sie 2,4 Tage. Gäste, die eine Woche Ferien buchen in Interlaken, sind eine Ausnahme.
Gebetsteppiche mit Kompass
«Interlaken ist eine Weltstadt – aber eine mit frischer Luft, prächtiger Bergkulisse und sauberem Wasser», sagt Stefan Bollhalder. Der 51-Jährige kennt sich aus mit Weltstädten. Er leitete 5-Stern-Häuser in Jakarta, Peking und Hongkong, bevor er sich um die Direktorenstelle im Victoria-Jungfrau Grand Hotel & SPA bewarb. Seit Mitte November ist Bollhalder im Amt, eine erste Zwischenbilanz nach knapp zwei Monaten fällt positiv aus. «Alle 427 Betten sind belegt», kann der Direktor beim Gespräch Mitte Januar stolz vermelden. Interlaken sei nach Luzern die zweitwichtigste Tourismusstadt der Schweiz. Im ersten Halbjahr 2011 verzeichnete das Victoria-Jungfrau zwar bei Gästen aus Deutschland ein Minus, dafür kamen markant mehr Gäste aus den Golfstaaten, Indien und Asien. Im Bestreben, auf alle Kundenwünsche einzugehen, scheut das Hotel keinen Aufwand. So gibt es im Victoria-Jungfrau Gebetsteppiche mit eingenähtem Kompass zwecks perfekter Ausrichtung nach Mekka, an manchen Abenden ist der Spa-Bereich für Frauen reserviert, Kunden, die um 22 Uhr auf dem Zimmer Halal-Food essen wollen, werden umgehend bedient.
Für Asiaten ist Europa günstig
Der Anteil der Schweizer Kunden, die über die Hälfte der Logiernächte beisteuern, entwickelte sich im ersten Halbjahr leicht positiv. «Wir haben eine gute Mischung, sowohl bezüglich Herkunftsländern als auch zwischen Privatkunden und Kongresskunden», sagt Bollhalder. In Asien und im arabischen Raum sei der starke Franken kein Handicap. «Die Chinesen besuchen gerne in fünf Tagen sieben Länder. Europareisen sind für sie dank des tiefen Euros derzeit günstig – der Abstecher in die Schweizer Berge fällt da nicht ins Gewicht.»
Bollhalder will an der neuen Wirkungsstätte trotz dem Erfolg nicht alles beim Alten belassen. Ihm sei aufgefallen, dass es bei der Stadtbevölkerung Berührungsängste gegenüber dem 5-Stern-Haus gebe, sagt der gelernte Koch. Diese Hemmschwelle wolle er abbauen, «weil ich als Neuzuzüger die Einheimischen kennen lernen will und weil auch unsere Kunden den Austausch schätzen würden». Bollhalder will daher die drei Restaurants für die Ortsbewohner attraktiver machen. So bezahlen Einheimische an ihrem Geburtstag nichts fürs Essen.
Ein Eldorado für Backpacker
Das Victoria-Jungfrau mag das Aushängeschild Interlakens sein, die stärksten Zuwachsraten verzeichnet aber die Parahotellerie. Mit 134'000 Übernachtungen in Jugendherbergen und Hostels (+19 Prozent) ist Interlaken ein Mekka für Backpacker. Im Mai wird zudem beim Ostbahnhof eine neue Jugendherberge eröffnet, die 40'000 Übernachtungen pro Jahr anpeilt. «Ich kenne keinen zweiten Ort, wo man aus dem Intercity steigt und praktisch am Fuss eines Viertausenders steht», sagt David Bühler, Präsident des Vereins Interlaken Hostels & Adventure. Die imposante Bergwelt und die Aussicht, in gut zwei Stunden auf dem Jungfraujoch zu stehen, zögen junge Touristen aus aller Welt magisch an. Zudem liege Interlaken günstig auf den populären Reiseachsen Paris–Rom und Prag–Barcelona. David Bühler bezeichnet den Jugendtourismus als «Lebensversicherung für eine Destination»: «Die vielen Studenten, die heute nach Interlaken kommen, kehren in zehn bis zwanzig Jahren als Hotelkunden zurück.» Zahlkräftige Kunden sind sie schon heute. Eine Studie aus dem Jahr 2006 zeigt, das Backpacker im Durchschnitt pro Tag mehr Geld ausgeben als Kunden, die in einem 3-Stern-Hotel übernachten. «Jedes Jahr buchen 25 000 Gäste in Interlaken einen Gleitschirmflug, das allein bringt einen Umsatz von vier Millionen», rechnet Bühler vor. Wer sich in der Luft nicht wohlfühle, könne sich für Riverrafting, Canyoning, Eisklettern oder einen Elektrovelo-Ausflug entscheiden.
Wachstumsmarkt Jugendreisen
Bühler, der seit 14 Jahren Gastgeber im mehrfach ausgezeichneten Backpacker Villa Sonnenhof ist und dort die Logiernächtezahl von 7000 auf 48'000 gesteigert hat, möchte, dass Interlaken künftig noch stärker als Backpacker-Eldorado vermarktet wird. Es habe sich zwar viel zum Guten verändert, seit der Hotelierverein dem Backpacker-Pionier Erich Balmer verbieten wollte, eine Massenlagerunterkunft zu eröffnen; der Hostelbereich habe aber noch nicht das Gewicht, das er verdiene. «Der Anteil des Jugend- und Studententourismus liegt heute weltweit bei 20 Prozent», sagt Bühler. In Interlaken, wo er bloss 10 Prozent betrage, gebe es daher noch grosses Potenzial.
20 Prozent junge Rucksacktouristen in Interlaken? Das wäre Victoria-Jungfrau-Direktor Stefan Bollhalder dann doch zu viel. Aber auch Bollhalder weiss, dass David Bühlers Worte in Interlaken Gewicht haben. Am 31. Januar soll der EVP-Mann vom grossen Gemeinderat zum höchsten Interlakner gewählt werden.
Sie stören sich nicht am starken Franken: Immer mehr Gäste aus den Golfstaaten reisen nach Interlaken. Foto: Interlaken Tourismus (Der Bund)
Erstellt: 21.01.2012, 10:06 Uhr
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