«Jetzt kann ich im Familienalltag zusätzliche Kompetenz beweisen»

Teilzeitarbeit für den Mann: ja oder nein? Fünf Elternpaare erzählen, wie sie die Erwerbs- und Familienarbeit aufteilen – oder was sie daran hindert, es zu tun.

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Daniel Morgenthaler und Michèle Graf: Die Agenda steht oft im Mittelpunkt


Die Historikerin Michèle Graf und der Verkehrsplaner Daniel Morgenthaler wollten ihre Kinder unbedingt partnerschaftlich betreuen. Beide entschieden sich, ihr Arbeitspensum auf 50 Prozent zu reduzieren. Inzwischen sind ihre beiden Buben zu jungen Männern herangewachsen. Wieder gewachsen ist auch das Pensum – auf 80 Prozent. Die Lust auf Teilzeit ist dem Paar also nicht vergangen. «Für mich ist es ein Privileg, nicht voll arbeiten zu müssen», sagt Michèle Graf. Und Daniel Morgenthaler betont den «Gewinn an Lebensqualität» – auch aus der Perspektive der Kinder. Wer seine Eltern in verschiedenen Rollen erlebe, lerne deren Stärken und Schwächen viel besser kennen: «Für Kinder bedeutet Teilzeitarbeit, dass sie von Beginn weg Vielfalt erleben.»

Michèle Graf sagt, sie arbeite «extrem gern», sei zeitweilig darum auch «die Ernährerin» gewesen. Wünschte sie sich im Grunde einen 100-prozentigen Hausmann an ihrer Seite? Sie winkt ab: «Ich wollte, dass auch mein Partner stets anspruchsvollen, erfüllenden Tätigkeiten nachgehen kann.» Er siehts nicht anders, verweist aber auch auf wichtige Voraussetzungen: Beide seien sie vergleichbar gut ausgebildet, hätten vergleichbar gute Stellen und verdienten in vergleichbarem Mass. Das erleichtere ein Teilzeitmodell. Die wichtigste Voraussetzung bleibe freilich, «dass beide wirklich die Verantwortung teilen wollen». Immerhin gelte es im Alltag auch die Kehrseiten des Modells zu meistern: «Die Agenda steht oft im Mittelpunkt. Wir sind viel am organisieren und am aushandeln.» (mul)

Alexandra Jaus und Urs Wolfisberg: Sie machen genau halbe-halbe


Wie es sich anfühlt, Vollzeit zu arbeiten, wissen die Chemikerin Alexandra Jaus und der Maschineningenieur Urs Wolfisberg genau. Doch bei der Geburt ihrer heute 8, 6 und 4 Jahre alten Kinder hat das Paar aus dem Liebefeld sein Arbeitspensum stets reduziert. Heute machen sie halbe-halbe: Beide arbeiten zu 60 Prozent, beide tragen zu gleichen Teilen Hausarbeiten und Kinderbetreuung mit. Für Alexandra Jaus ists ein befriedigender Zustand. Gemessen an der immer noch gängigen Perspektive für die «Hausfrau mit drei Kindern» sei ihre Situation komfortabel. Denn: «Ich hatte Mühe mit der Vorstellung, ganz mit Arbeiten aufzuhören.» Sie schätze die geistige Herausforderung und auch das soziale Umfeld der Arbeitswelt. Urs Wolfisberg wiederum sagt, mit dem schrittweisen Abbau seines Arbeitspensums habe er sein Aufgabengebiet erweitert: «Zuvor war ich vor allem im technischen Umfeld sehr gefordert, jetzt kann ich zusätzliche Kompetenzen im Familienalltag beweisen.»

Er räumt ein, dass der Wandel hin zum Teilzeithausmann nicht ohne Widerstände verlaufen ist. Beim Schritt auf 60 Prozent habe er Bekannten gar versichern müssen, er sei nicht gesundheitlich angeschlagen. Und im Betrieb sei er anfänglich der erste Projektleiter ohne volles Pensum gewesen. Und die Bilanz? Trotz aller Hürden seis ein «sehr empfehlenswertes Modell», sagen beide. Und: «Die Kinder kriegen ein ganz anderes Bild von Familie. Sie sehen gelebte Emanzipation. Sie sehen: Papa kann auch kochen; Mama geht auch gern ins Büro.» (mul)

Christoph Neuhaus und Julia Zhu Neuhaus: Sie hält ihm zu 100 Prozent den Rücken frei


Am 13. Mai 2014 hat sich das Leben von Regierungsrat Christoph Neuhaus komplett verändert. Zumindest privat. Denn an diesem Tag ist sein Sohn zur Welt gekommen. Und er hat den Regierungsrat vom ersten Tag an auf Trab gehalten: «Der Schlafentzug war heftig», sagt Neuhaus. Doch war es nicht allein dieser Umstand, welcher den Politiker veranlasst hat darüber nachzudenken, etwas weniger zu arbeiten. «Ich führte viele Diskussionen mit meiner Frau zu diesem Thema.» Sie hätte es gerne gesehen, wenn der Regierungsrat beruflich etwas kürzer getreten wäre. «Ich habe mir dann tatsächlich überlegt, mein Pensum zu reduzieren», sagt Neuhaus. Auch, weil in den ersten Lebensjahren eines Kindes so viel passiere. «Ich merkte, wie viel ich in der Entwicklung meines Sohnes wegen meines Amts verpasse».

Trotzdem ist Neuhaus von einer Pensenreduktion schnell wieder abgekommen. Denn: Ein Stück weit hätte Neuhaus auch die Reaktionen der Öffentlichkeit befürchtet, wie er einräumt. «Ich wurde schliesslich als 100-prozentiger Regierungsrat gewählt und nicht als 80-prozentiger. Ich fühle mich meinem Amt verpflichtet. Zudem hätte ich wohl dauernd das Gefühl hinterherzuhinken, wenn ich nicht 100 Prozent arbeiten würde», so Neuhaus. Die Zeit mit seinem Sohn könnte er unter diesen Umständen gar nicht geniessen. Im Moment verzichtet seine Frau, Julia Zhu Neuhaus, deshalb aufs Arbeiten. Und hält ihm den Rücken frei. «Wir machen jetzt das Beste daraus», so Neuhaus. (gum)

Rachel Picard und Reto Baumann: Das grosse Geld hat sie nie interessiert


Vollzeit zu arbeiten, kam für Rachel ­Picard und Reto Baumann schon zu kinderlosen Zeiten nicht infrage. Als der heute 4,5-jährige Sohn auf die Welt kam, reduzierte die Geografin Picard ihr Arbeitspensum von 70 auf 60 Prozent. Baumann, der in einem grösseren Unternehmen für IT und Buchhaltung verantwortlich ist, reduzierte seinerseits von 80 auf 70 Prozent. An dieser Aufteilung änderte auch die Geburt des zweiten Kindes – einer Tochter – vor 18 Monaten nichts. Dass mit Baumann der Mann etwas mehr arbeitet, sei Zufall, sagt er. Die Pensen zu tauschen, könne er sich jedenfalls gut vorstellen – er möge nämlich die Familien- und Hausarbeit ebenso, wie seinen Beruf. «Aber meine Partnerin will auch nicht unbedingt mehr arbeiten.»

Für ihr Arrangement erhalten die beiden von allen Seiten Zuspruch – sogar von Pärchen, die eine klassische Rollenaufteilung leben. «Ich frage mich manchmal schon, wieso diese dann ihr Modell nicht ändern», sagt Baumann. Für ihn habe die Teilzeitarbeit jedenfalls nur positive Aspekte. «Ich erlebe nie so lustige, ehrliche und unbeschwerte Momente, wie wenn ich Zeit mit meinen beiden Kindern verbringe.» Aufstiegsmöglichkeiten in der Berufswelt sind für Teilzeit-Arbeitende zwar bescheiden, als Verzicht empfinden Baumann und Picard das aber nicht. Die «Karriereschiene» habe sie sowieso nie interessiert. «Für uns sind Geld und Prestige nicht entscheidend dafür, ob wir eine Arbeitsstelle oder ein Lebensmodell attraktiv finden.» (chl)

Mirjam Tschumi und Jürg Walder: Sie mussten sich oft erklären


Eines war bei der Familiengründung für Mirjam Tschumi Walder und Jürg Walder klar: Auch mit den Kindern sollten beide ihre beruflichen Ziele weiterverfolgen können. Und so haben sie geschafft, was sie sich vorgenommen haben: Beide konnten sich gleich stark beruflich weiterentwickeln und beide kümmern sich gleich viel um die beiden mittlerweile sieben- und zehnjährigen Töchter und haben auch eine äquivalente Beziehung zu den Mädchen. Stets arbeiteten die stellvertretende Stadtschreiberin von Langenthal und der Leiter der Verwaltung des Instituts für Weiterbildung an der PH Bern zwischen 70 und 80 Prozent.

Indes mussten sich die beiden oft erklären. Jürg Walder dafür, weshalb er mit reduziertem Pensum arbeitet, Mirjam Tschumi dafür, weshalb sie als Frau «so viel» arbeitet. Für Mirjam Tschumi und Jürg Walder hat ihr Modell viele Vorteile: «Es wird eine Phase nach den Kindern geben, deshalb ist es wichtig, beruflich dran zu bleiben. Wir bewegen uns als Paar mit unserem Modell zudem nicht in völlig unterschiedlichen Lebensrealitäten und haben so viel Verständnis für die Situation des anderen». Jürg Walder hat sich bereits früh auch allein um die Kinder gekümmert: Nach den Mutterschaftsurlauben von Mirjam Tschumi hat er jeweils unbezahlten Urlaub bezogen. Bewusst wohnt die Familie heute im Städtchen Burgdorf: Für die Kinder sind die Wege zu den Freizeitaktivitäten nicht weit, sie müssen nicht hingefahren werden, was dem berufstätigen Paar Organisationszeit erspart. (gum)

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(Erstellt: 29.11.2014, 12:26 Uhr)

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