Bern
«Von A nach Bern» mit Muskelkraft und Drahtesel
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Daten der Tour
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Die Führung beginnt auf der kleinen Schanze. Hier seien einmal die Stadtmauern gestanden, erklärt die Reiseleiterin. Irgendwann sei der Schutzwall gegen aussen zur Zwangsjacke gegen innen geworden. Die Schanzen wurden im 19. Jahrhundert eingerissen und der Boden damit für die Stadtentwicklung gegen Westen geebnet. Auf der Aarehalbinsel war es eng geworden.
Man kennt das Skript, denkt sich der Berner. Es folgt der Spaziergang durch die Hauptgassen, dann das Bundeshaus, der Halt beim Chindlifresser-Brunnen, der Glockenschlag beim Zytglogge, dann Münster, Matte, Bärengraben und zum Schluss der Fototermin im Rosengarten – denkste!
Kein Wettrennen
Man spricht Berndeutsch in der Reisegruppe und Zytglogge und Chindlifresser hauen hier schon lange niemanden mehr vom Hocker. Zwei Regeln gebe es bei der Führung zu beachten, sagt die Reiseleiterin: Erstens sei der Rundgang kein Wettrennen, und zweitens sei jeder für seine eigene Sicherheit verantwortlich. Die Touristen satteln ihre Drahtesel und schnallen die Helme auf.
Seit über zwanzig Jahren lädt der Verein Stattland Berner und Bernerinnen auf ganz spezielle Erkundungstouren durch «ihre» Stadt ein. Nicht Sehenswürdigkeiten, sondern Verstehenswürdigkeiten stehen seither im Zentrum des Interesses.
Die Rundgänge sind Spurensuchen und führen an Orte, die wohl nur wenige Berner und erst recht kein Tourist kennt. So auch «Von A nach Bern», die jüngste Tour von Stattland. Auf den Spuren der Pendlerkultur führt der Weg in den Südosten der Stadt – durch Botschaftsviertel, Genossenschaftssiedlungen, Plattenbauten und Verkehrskreisel über die Autobahn in die Gegenwart. Mobilität ist das Thema. Folgerichtig findet die Zeitreise erstmals mit dem Velo statt.
«Was für ein Spass!»
«Kommt näher, macht Fotos, kauft Postkarten!», sagt der Herr, der sich als «Professor Corte, Stadtplaner» vorstellt, und zeigt auf den Ostring-Kreisel. «Riechen Sie den Benzingeruch? Riechen Sie den Fortschritt?» Dank diesem Bauwerk sei man schneller in Thun als am Bahnhof, berichtet er voller Enthusiasmus. Und irgendwann würden die Leute in Bern wohnen und in Zürich arbeiten: «Was für ein Spass!» Der Herr im beigen Sakko ist freilich weder Professor noch Stadtplaner, noch ist er im Fortschrittsglauben der 60er-Jahre stecken geblieben.
Professor Corte heisst eigentlich Stefan Hugi, ist Laienschauspieler und mimt seit drei Jahren auf Stattland-Rundgängen mehr oder weniger bekannte historische Persönlichkeiten. Ein aussergewöhnliches Engagement, wie er selbst sagt, denn während der zweistündigen Rundfahrt taucht er insgesamt fünfmal in verschiedenen Kostümen und Rollen auf: Als Grossinvestor im Kirchenfeld, als Arbeiterkind im Murifeld, als Magd beim Schloss Wittigkofen, als Stadtplaner im Ostring und schliesslich als Velofahrer beim Zentrum Paul Klee. Und immer ist Hugi schon vor der Reisegruppe vor Ort – dank Ortskenntnis und Elektrobike.
Geschichte der Mobilität in Bern wird ungebremst weitergeschrieben
Vom gelobten Land Kopenhagen berichtet Hugi in seiner letzten Rolle. Dort wo die Velofahrer ihre eigenen Autobahnen – eben Velobahnen – hätten, wo die Mülleimer im Einwurfwinkel geneigt seien, wo Pump- und Trinkstationen den Wegrand säumten und die aufsummierten Velokilometer der Stadtbewohner auch an verregneten Tagen zum Mond und zurück reichten.
Die abschliessende Botschaft kommt nicht ganz von ungefähr, denn der Schritt vom Rundgang zur Rundfahrt hat Stattland auf Initiative der städtischen Velolobby Pro Velo gewagt. Mit der Vision einer postmotorisierten Stadt wird der Rundgang abgeschlossen – die Geschichte der Mobilität in Bern wird derweil ungebremst weitergeschrieben. Ob das Velo dereinst über das Auto siegen wird, wird sich zeigen. (Der Bund)
Erstellt: 08.05.2012, 15:15 Uhr
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