Vielfältiges Panorama
Das Buch
Alexander Sury, Fürs Leben gern. 20 Begegnungen. Verlag Huber: Frauenfeld 2010, 224 S., Fr. 39.90
Was zeichnet ein gutes Porträt aus? Aufs Wesentliche soll sich die Aufmerksamkeit richten, sprechende Details wünscht man sich, und natürlich ist Lebendigkeit gefragt. In diesem Sinn erweist sich Alexander Sury als vorzüglicher Porträtist. Mit einer zentralen Frage nähert er sich seinen ausgewählten Personen an und zeigt daneben Sinn für die feineren Nuancen. So lässt man «fürs Leben gern» seine Porträtgalerie an sich vorüberziehen, die Neugier auf weitere Einzelheiten weckt, aber im Fragment durchaus schon ein Ganzes enthält. Diese Lebensbilder, in den letzten Jahren für die Wochenendbeilage «Der kleine Bund» geschrieben, zielen nicht nur auf Prominenz wie etwa Moritz Leuenberger, Kurt Koch, Sepp Blatter, Liselotte Pulver oder Frido Mann ab. Sie wenden sich auch einem Mann wie Louis Romain Jenzer zu, der seit Jahrzehnten im gesellschaftlichen Abseits lebt. Sie erkunden Lebensläufe wie jenen der Stauffenberg-Tochter Konstanze von Schulthess oder der «Frau mit den fünf Elefanten» – der singulären Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier. Arbeiter und einstige Verdingkinder erhalten in diesen Texten ebenso ein Forum wie die Lieblinge der Medien. Am Ende formt sich ein vielfältiges Panorama aus, das immer wieder verborgene Seiten aufdeckt.
Nicht selten blitzen tragische Momente auf, für die Alexander Sury eine bemerkenswerte Sensibilität mitbringt. In der Vita des Autors E. Y. Meyer etwa scheint die Problematik des frühen Erfolgs vor dem Hintergrund eines unwägbaren Literaturbetriebs auf; die grosse Ikone des Schweizer Films, Alain Tanner, möchte allen Trends zum Trotz «eine bestimmte Vorstellung von Kino bewahren»; Bischof Kurt Koch vermisst den Sinn für Gemeinsamkeit, woraus sich die Aura einer gewissen Einsamkeit nährt – wäre da nicht noch immer «die Freude am Glauben».
Ungeschützte Ehrlichkeit
Allerdings meldet sich auch in dieser Sammlung eine Schwierigkeit, die jedem Porträtisten des Worts bekannt ist. Prominente lassen sich weitaus weniger in die Karten blicken – nur zu gern umgeben sie sich mit einem Schutzschild aus Ironie oder geschmeidiger Causerie. Das herzhafte Lachen einer Liselotte Pulver indessen, deren Vita nicht frei von Brüchen ist, entspringt einer Naturbegabung und hat sich auch durch Schicksalsschläge nicht eindämmen lassen, wie die achtzigjährige Schauspielerin glaubhaft zu zeigen vermag. Nach einer schwierigen Phase stelle sich stets etwas Tröstliches ein, «nur muss man es bemerken und ergreifen, dann geht das Leben weiter».
Surys berührendstes Porträt aber, für das er mit der direkten Anrede auch eine andere Form wählt, gilt dem Outsider Louis Romain Jenzer, einem Narren mitten im Heer der Pragmatiker und Tüchtigen. Der ungeschützten Ehrlichkeit in dieser Geschichte – mit ihren Verfehlungen auf beiden Seiten – kann man sich nicht entziehen. (Der Bund)
Erstellt: 10.03.2010, 09:08 Uhr
Bern
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