Bern

Er passte in keine «Schublade»

Von Bernhard Ott. Aktualisiert am 09.05.2012

Der 56-jährige Urs Frieden (GB) tritt Anfang Juni aus dem Berner Stadtrat zurück. Der einstige Linksaktivist hat sich über die Parteigrenzen hinweg Achtung verschafft.

Tritt zurück: Urs Frieden im Fan-Lokal HalbZeit, das vom Verein Gemeinsam gegen Rassismus betrieben wird.

Tritt zurück: Urs Frieden im Fan-Lokal HalbZeit, das vom Verein Gemeinsam gegen Rassismus betrieben wird.
Bild: Valérie Chételat

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Nein, mit seinem verhältnismässig schlechten Abschneiden bei den letztjährigen Nationalratswahlen habe sein Rücktritt aus dem Stadtrat nichts zu tun, sagt Urs Frieden auf Anfrage. Nachdem er bei den Grossratswahlen vor zwei Jahren den Einzug ins Kantonsparlament knapp verpasst hatte, landete Frieden bei den letztjährigen Wahlen in den Nationalrat abgeschlagen auf dem 21. Platz der grünen Liste. «Ich habe allenfalls mit dem 15. statt dem 21. Platz gerechnet.» Allfällige weitere negative Gründe für seinen Rücktritt aus dem Stadtrat ein halbes Jahr vor den Stadtberner Wahlen stellt Frieden in Abrede. «Ich empfinde keine Wehmut und bin nicht frustriert.» Er wolle es vielmehr der auf seinen Platz nachrückenden Ökonomin Esther Oester ermöglichen, sich bis zu den Wahlen einen Namen zu machen. «Ich wollte mich nicht wiederwählen lassen, um nach kurzer Zeit wieder zurückzutreten.» Denn eine volle dritte Legislatur wäre nicht mehr infrage gekommen.

Ein Vorderbänkler der ruhigen Art

Bereits bei seiner Wahl in den Stadtrat im Jahr 2004 wurde der einstige WOZ-Journalist und damalige stellvertretende Sportchef des «Blicks» im «Bund» als potenzieller «Vorderbänkler» tituliert. Diesen Anspruch hat der Polizistensohn aus dem Nordquartier denn auch ein­gelöst. Frieden war zwar nicht der Wortführer seiner Fraktion. Mit seiner moderaten Art schaffte er sich aber bald Respekt über die Fraktionsgrenzen hinaus. Dies prädestinierte ihn für die Rolle des «überparteilichen» Ratspräsidenten, in die er im Jahr 2010 geschlüpft ist.

Abschied von der Politik

Auch als «höchster Stadtberner» hat der einstige Aktivist der Jugendbewegung in den 1980er-Jahren seine Ursprünge aber nicht geleugnet. So setzte er sich in seinem Präsidialjahr für einen verstärkten Austausch zwischen Jugend und Politik ein. Auch sein Engagement gegen Rassismus im Sport, das er in den 1990er-Jahren mit der Gründung des Vereins Gemeinsam gegen Rassismus begründet hatte, führte Frieden weiter. «Ich habe die grösste Zeit meines Lebens der Arbeit in ausserparlamentarischen ­Organisationen gewidmet.» Mit dem Abgang aus dem Stadtrat geht auch die politische Karriere des einstigen Spielers der Schweizer Fussball-Juniorennationalmannschaft endgültig zu Ende. Eine Kandidatur für den Berner Gemeinderat hat Frieden nie ernsthaft erwogen. «Es ist undenkbar, einen 56-jährigen Mann auf eine 50-jährige Frau folgen zu lassen», sagt er unter Anspielung auf die Ende Jahr aus der Stadtregierung zurücktretende Parteikollegin Regula Rytz. Eine erneute Kandidatur für den Grossen Rat wiederum komme «aus beruflichen Gründen» nicht infrage, sagt der Kommunikationschef Integration und Gesundheit beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK).

Kritik an Redekultur im Stadtrat

Dem Stadtrat wünscht Frieden eine «Verwesentlichung der Parlamentsarbeit». Die Zahl der Vorstösse, die alleine dem «Frustabbau» und der «Chropfläärte» dienten, sei nach wie vor hoch. Die erhoffte Abkehr vom Blockdenken, die mit dem Sieg der Mitteparteien in den letzten Wahlen hochgekommen ist, habe sich nicht erfüllt. «Die Wortgefechte finden mittlerweile nicht mehr zwischen zwei, sondern zwischen drei Blöcken statt.» Mit einer Reduktion der Anzahl Vorstösse alleine sei es nicht mehr getan. «Es brauchte einen Mentalitätswandel», sagt Frieden. Eine ähnliche Kritik formulierte Frieden am Ende seines Präsidialjahres. In Sachen Rededisziplin nahm er hierbei aber überraschenderweise die Grünliberalen aus. «Die Grünliberalen haben gezeigt, wie man effizient debattieren und erst noch Kompromisse schmieden kann.» Berührungsängste hat Frieden nie gezeigt. (Der Bund)

Erstellt: 09.05.2012, 08:22 Uhr

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