Überforderte Berner Gemeindearchive

Für die Betreuung von Gemeindearchiven ist oft weder Geld noch Personal vorhanden.

Vorbildlich: Systematisch abgelegte Dokumente des schweizerischen Literaturarchives. In manchen Berner Gemeinden sieht das anders aus.  (Symbolbild/Archiv)

Vorbildlich: Systematisch abgelegte Dokumente des schweizerischen Literaturarchives. In manchen Berner Gemeinden sieht das anders aus. (Symbolbild/Archiv) Bild: Gaetan Bally/Keystone

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«Soeben wurden auf Anordnung 3,5 Tonnen Archivmaterial vernichtet, leider können wir Ihnen deshalb keine Hand bieten.» Das war die Antwort eines Berner Gemeindeschreibers an Gianna Weber von der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich. Sie befasst sich im Rahmen ihrer Doktorarbeit mit dem Verdingkinderwesen in Bern und Zürich.

Der geschilderte Vorfall zeigt exemplarisch, welch geringe Bedeutung gewisse Gemeinden ihren Archiven zukommen lassen. Besonders vor dem Hintergrund, dass sich der Vorfall zu einer Zeit ereignete, als das Thema Verdingkinder bereits in aller Munde war.

Auch andere Gemeindearchive zeigten sich wenig kooperativ: Im Zusammenhang mit ihrer Arbeit schrieb Weber über hundert Berner Gemeinden an. Nur von jeder vierten erhielt sie überhaupt eine Antwort. Davon hatten bloss 14 relevantes Material, einige davon nur noch wenig, 11 Gemeinden hatten gar nichts mehr.

Mangelndes Bewusstsein

Die meisten Akten in den Gemeindearchiven dürften nicht die Brisanz besitzen, wie jene im Fall der Verdingkinder. Die Tatsache, dass diese in einigen Fällen aber verloren gegangen oder gar vernichtet worden sind, wirft dennoch die Frage auf, wie es überhaupt dazu kommen konnte.

Laut der Berner Staatsarchivarin Barbara Studer sei das Hauptproblem, dass die Archive in den Gemeinden keine Priorität haben: Vielerorts fehle bei den zuständigen Personen das Bewusstsein für die Wichtigkeit des Archivs und das nötige Fachwissen. Oft werde deshalb auch das Falsche aufbewahrt oder gar weggeworfen.

Das Problem wird dadurch noch verschärft, dass oftmals nicht mehr nachvollzogen werden kann, ob Archivalien verloren gegangen sind. Laut Studer seien etwa die Akten in vielen Gemeinden nicht durchnummeriert. Ohne fortlaufende Nummerierung ist es aber unmöglich zu erkennen, ob etwas abhanden gekommen ist.

Ein weiterer Faktor sind laut Studer die fehlenden finanziellen Mittel: Ein Archiv professionell zu betreuen ist teuer. Gerade kleinere Gemeinden würden häufig Mühe damit bekunden, die Ausgaben im Budget unterzubringen. Trotz dieser Schwierigkeiten, welche in einigen Gemeinden bis heute bestehen, sei die Situation aber besser als noch vor rund zwei Jahren, so Studer. Die Bemühungen ehemaliger Verdingkinder an ihre eigenen Akten zu kommen, habe einiges in Bewegung gebracht. Die Zusammenarbeit mit der zuständigen Aufsichtsbehörde – den Berner Regierungsstatthalterämtern – und dem Staatsarchiv etwa habe intensiviert werden können.

Problem Digitalisierung

Studer sieht aber auch neue Probleme auf die Gemeindearchive zukommen. Im Rahmen der Digitalisierung sind auch die Ansprüche an die Archivierung gestiegen: Daten auf einer CD seien etwa 10 Jahre haltbar. «Bei einem Archiv hat man aber einen Zeithorizont von 300 Jahren.» Die Datenträger und Datenformate unterlägen ausserdem einem schnellen Wandel. Wenn die Archive hier nicht mithalten können, gehen unweigerlich Informationen verloren.

Die Regierungsstatthalterämter, denen die Kontrolle der Gemeindearchive unterliegt, sind sich der Problematik bewusst. Laut Kurt von Känel, Geschäftsführer der Berner Regierungsstatthalterämter, überprüfe man deshalb zurzeit «systematisch» die Gemeindearchive im Kanton Bern.

Probleme, die bei den Untersuchungen häufiger zum Vorschein kämen, seien etwa Feuchtigkeit in den Räumen, welche im Zusammenhang mit Schimmelbildung eine Rolle spiele. Teilweise seien aber auch die Lagerungsvorschriften nicht eingehalten worden: Mancherorts wurden etwa die Archivalien unsachgemäss in Schachteln abgelegt oder nicht richtig nummeriert. «Liegen solche Probleme vor, wird das aber in der Regel von der Gemeinde bereinigt», so von Känel. Dass Akten verschwunden seien, könne von Känel nicht bestätigen.

Thema gewinnt an Brisanz

Das Thema dürfte im kommenden Jahr erneut an Brisanz gewinnen: Dann soll nämlich die wissenschaftliche Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen beginnen. Dieses nationale Forschungsprogramm wurde 2015 im Rahmen des Gegenvorschlags zur Wiedergutmachungsinitiative vom Parlament beschlossen. (Der Bund)

Erstellt: 14.10.2016, 06:56 Uhr

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