Tausende tanzten durch Bern

Mindestens 10'000 Personen haben in der Nacht auf Sonntag tanzend und feiernd die Berner Innenstadt in Beschlag genommen. Der Anlass verlief friedlich und soweit bekannt auch ohne grössere Zwischenfälle.

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Leuchtfackeln hüllen den Nachthimmel über dem Bundesplatz in tiefrote Nebelschwaden, Pfiffe und Jubelschreie schwellen darunter zu einem gellenden Konzert an. Dann setzen Beats ein und eine entfesselte Masse gibt sich tanzend der Musik hin – alles andere scheint vergessen.

Um die 10'000 Personen haben in der Nacht auf Sonntag die Berner Innenstadt in einen brodelnden Hexenkessel verwandelt. Die meist jugendlichen Teilnehmer zogen von der Reitschule aus zum Bahnhof und weiter durch die Innenstadt. Die Polizei riegelte grossräumig ab, unternahm aber nichts, um den nicht bewilligten Grossanlass zu unterbinden – wie im Vorfeld angekündigt, hielt sie sich zurück. Ohne Garantie auf Vollständigkeit, kann um 2 Uhr nachts von einem friedlichen Anlass gesprochen werden. Laut einer Meldung der Nachrichtenagentur SDA gab in den frühen Morgenstunden die Band Patent Ochsner ein Überraschungskonzert vor der Reitschule.

Widerstands-Tanz

Bereits kurz vor acht Uhr beginnt sich am Samstagabend der Vorplatz der Reitschule mit Jugendlichen zu füllen, innert kurzer Zeit ist er gerappelt voll. Auf der benachbarten Schützenmatte fahren cirka zehn Soundmobile auf. Es bilden sich rasch immer grössere Menschentrauben um die Gefährte; Wie Glühbirnen die Mücken, ziehen sie Tanzende an. Um 21 Uhr erstreckt sich die Menschenmenge schon bis zum oberen Bollwerk – auf der Schützenmattstrasse gibt es weder für Busse noch für den Personenverkehr noch ein Durchkommen.

Kurz nach 21 Uhr kriecht dann ein erstes Soundmobil ab der Schütz. Die Menschenmenge flutet die Strasse und setzt sich in Richtung Bahnhof in Bewegung. Die Spitze des Zuges bilden vielleicht 40 Personen, die grösstenteils Teil vermummt sind. Mit zwei Bannern riegeln sie die Strasse ab: «Resisdance», steht auf einem; «Recht auf Kultur» auf dem zweiten. Mehrmals zünden die Vermummten Leuchtfackeln und Böller. Von der Menge in ihrem Rücken wird dies jeweils mit Jubel quittiert.

«Rewind to 87»

Wenige Meter vor dem Umzug schreitet Manuel C. Widmer. Der Berner Stadtrat (GFL) ist im Komitee des Vereins Berner Nachtleben. «Das löst bei mir Gänsehaut aus», sagt Widmer sichtlich bewegt. Die Jugendlichen hätten bestimmt unterschiedliche Beweggründe, hier dabeizusein. «Aber grundsätzlich zeigt sich eine riesige Unzufriedenheit der Jugend». Für ihn sei das «Rewind to 87» – eine solche Präsenz habe er das letzte Mal in den 80ern erlebt, nach der Besetzung von Reithalle und Dampfzentrale. Ähnlich sieht es Stadtrat Hasim Sancar, vom Grünen Bündnis, den man am Bollwerk antrifft. Er finde es wichtig, dass die Jugend ihre Freiräume verteidige. «Die Politik muss das Potenzial der Reitschule jetzt endlich erkennen», sagt Sancar. «Ich glaube ich habe in Bern noch nie soviele Jugendliche auf einem Haufen gesehen.»

Tatsächlich ist es bereits das zweite Mal innert weniger Wochen, dass Jugendliche die Berner Innenstadt für eine grossangelegte Strassenparty in Beschlag nehmen. Anlass zur Demonstration im Mai gab die Verfügung des Regierungsstatthalteramtes, welche dem Gastro- und Partybetrieb der Reitschule einschneidende Einschränkungen auferlegen sollte.

Der Hintergrund des gestrigen Grossanlasses ist weniger eindeutig. Dazu aufgerufen wurde über Facebook unter dem Motto «Tanz dich frei 2.0». Unter fast gleichem Namen hatte in Bern bereits im vergangenen Jahr eine Tanzdemo stattgefunden. Kapitalismuskritische Gruppierungen aus dem Umfeld der Bewegung «reclaim the streets» zeichneten damals verantwortlich. Die Organisatoren der aktuellen Strassenparty gaben sich offiziell nicht zu erkennen. Dem Aufruf hatten sich aber verschiedene Exponenten angeschlossen: so die Betreiber der Reitschule, Gastrobetriebe und Nachtklubs wie etwa das Kapitel, aber auch Linksparteien und andere Interessengruppen.

Party, Party und nochmal Party

Lässt man die Teilnehmer selber zu Worte kommen, erhält man zu den Gründen ihrer Anwesenheit die unterschiedlichsten Auskünfte. «Wir wollen ein Zeichen setzten, gegen die Einschränkung des Nachtlebens», sagt etwa ein Solothurner, der mit Freunden eigens für die Party angereist ist. Ähnliches formulieren auch drei junge Frauen aus der Umgebung Thun. «In erster Linie sind wir hier, um Party zu machen. Wir wollen aber auch die Reitschule unterstützen.» Auch ein Vermummter äussert sich: «Tanz dich frei» habe grundsätzlich nichts mit der Reitschule zu tun, sagt er. «Der Anlass richtet sich gegen die Gentrifizierung und damit gegen den Kapitalismus.» Denn der Druck zur Aufwertung der Stadtteile gehe ja mit dem kapitalistischen Konkurrenzkampf einher. «Die Tanzdemo soll Spass machen und die Leute sensibilisieren.» Auch eine junge Frau aus der Stadt Bern weist darauf hin, dass der Hintergrund von «Tanz dich frei» ursprünglich antikapitalistisch, und die ganze Nachtlebensdebatte dabei neu sei. Ihr sei dies allerdings einerlei: «Ich kann hinter beidem stehen.» Vor allem wolle sie ja auch Party machen, sagt sie und lacht.

Und Party wird an diesem Abend tatsächlich gemacht. Es ist schwer abzuschätzen, wie viel Alkohol fliesst – doch bald überzieht ein eigentlicher Teppich aus Aludosen, Bechern, Flaschen und Pappe die Innenstadt. Die Stimmung ist ausgelassen, an jeder Ecke und in allen Gassen wird getanzt, gelacht und geschäkert. Gerade in den Gassen muss die Flüssigkeit auch wieder weichen – vor allem die jungen Männer zeigen bei der Verrichtung ihres Geschäfts kaum Hemmungen. Die SDA schreibt am Sonntagmorgen, die Sanitätspolizei habe zahlreiche Alkoholleichen geborgen.

Nur sehr vereinzelt kommt es zu unschönen Szenen. Gegen die Fassade des Hotel Schweizerhof fliegen laut einem «Bund»-Reporter Feuerwerkskörper, gegen die Scheiben des Du Theatre gar Flaschen. Zu unangenehmen oder gefährlichen Situationen kommt es derweil kaum. Und wenn, dann sind sie häufig selbstverschuldet. So hält den Atem an, wer dem jungen Mann zuschaut, der flink den Käfigturm erklettert und auf einem schmalen Sims hoch über dem Boden seine Tanzlust auslebt. Ähnliche Szenen spielen sich an der Fassade der Valiant Bank am Bundesplatz ab und sogar am Bundeshaus selbst: Der ganze Platz brüllt, als ein Maskierter den Balkon des Parlamentgebäudes erklimmt, und im Triumph seine Piratenfahne schwenkt.

Tier- statt Statthaltermasken

Party zu machen, das scheint tatsächlich das dominierende Ansinnen der allermeisten an diesem Abend zu sein. So zeigt kaum eine der vielen Masken das Konterfei von Regierungsstatthalter Christoph Lerch. Noch an der letzten Demonstration hatten die Jugendlichen gerade damit gegen die umstrittene Verfügung zur Reitschule Stimmung gemacht. Stattdessen trägt man nun Fantasiemasken, Tierköpfe oder sonstige Verkleidungen.

Die Politik hat an diesem Abend keinen grossen Auftritt. Der Fahnenträger der Jungsozialisten wird auf dem Bundesplatz beinahe umgerissen, als eine Gruppe hüpfend und lachend über ihn strauchelt. Einer vom Bleiberechtkollektiv (sie sind mit Transparenten auf dem Bundesplatz präsent), murmelt irgendwann: «Apolitischer Scheiss. Ich geh schlafen.» Die Vermummten schliesslich, die beim Umzug noch stolz vorneweg marschierten, stehen etwas verloren im Getümmel. Er habe ja persönlich kein Problem mit dem Hype, der jetzt um die Tanzdemos gemacht werde, sagt der weiter oben schon zu Wort gekommene Vermummte. «Aber es ärgert schon etwas, dass 90 Prozent dieser Leute sich zuvor wohl noch nie in die Reitschule getraut haben.»

Politik findet an diesem Abend allerdings schon statt: und zwar im selbstvergessenen Feiern Tausender im öffentlichen Raum. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.06.2012, 05:32 Uhr)

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