Steine gegen Polizisten: «Wir wurden in einen Hinterhalt gelockt»

Polizeichef Manuel Willi nimmt Stellung zu den Ausschreitungen rund um die Reitschule am Wochenende. Mehrere Polizisten hätten ins Spital gebracht werden müssen.

Manuel Willi, Regionalchef der Kantonspolizei Bern, macht sich Sorgen um das Gewaltpotenzial rund um die Reitschule.

Manuel Willi, Regionalchef der Kantonspolizei Bern, macht sich Sorgen um das Gewaltpotenzial rund um die Reitschule. Bild: Keystone

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Herr Willi, Vermummte haben Polizisten vom Dach der Reitschule mit Steinen beworfen, 11 Polizeibeamte wurden verletzt. Was genau ist passiert?
Aufmerksame Bürger haben uns wegen der brennenden Strassensperren alarmiert. Als die Polizei bei der Reitschule eintraf, wurden die Einsatzkräfte mit einem regelrechten Steinhagel eingedeckt und mit Feuerwerk beschossen. In einer zweiten Phase kam es zu einem Angriff vom Dach der Reitschule: Vermummte warfen aus mehreren Metern Höhe Steine gegen Polizisten. Wenn einen so ein Brocken am Kopf trifft, ist man ohne Helm tot, das überlebt man nicht. Das ist kein Lausbubenstreich mehr, ernsthafte Verletzungen werden einfach so in Kauf genommen. Das besorgt mich sehr.

Selten hatte die Polizei so viele Verletzte zu beklagen. Wie gravierend sind die Verletzungen?
Etliche Beamte wurden von Steinen getroffen, einige haben schwere Hämatome davongetragen. Dazu kommen Brand- und Gehörverletzungen wegen der abgefeuerten Feuerwerkskörper. Mehrere Polizisten mussten zur Kontrolle ins Spital. Alle konnten aber zum Glück wieder nach Hause gehen. Für sie sind aber solche Einsätze wegen des grossen Verletzungsrisikos eine auch grosse Belastung.

Haben Sie Krawallmacher identifizieren können?
Während des Angriffs geht es in der der ersten Phase darum, diesen abzuwehren und die Sicherheit wiederherstellen zu können, in der zweiten Phase um die Ermittlungen. Wir verfügen über Bildmaterial, das wir nun auswerten. Die vermummten Täter sind aber nur sehr schwer zu identifizieren. Die Leitung der Ermittlungen liegt nun bei der Staatsanwaltschaft, zurzeit wird wegen Gefährdung des Lebens ermittelt. Zeugen sollen sich bei der Polizei melden.

Bei der Reitschule gibt es immer wieder Krawalle. Wie gravierend schätzen Sie den jüngsten Vorfall ein?
Es ging den Vermummten dem Anschein nach darum, mit der Strassensperre die Polizisten in einen Hinterhalt zu locken und zu verletzen. Die Täter hatten so viele Steine und Flaschen gesammelt und sich gezielt positioniert, dass von einer akribisch vorbereiteten Aktion gesprochen werden kann. An einen so massiven Angriff, bei dem die Reitschule so klar als Tatort diente, kann ich mich als Polizeichef nicht erinnern.

Wie haben die Reitschulbetreiber auf die Krawalle reagiert?
Unsere Einsatzleitung hat sofort auf das Kontakttelefon der Reitschule angerufen, und zwar mehrfach. Aber es ist niemand ans Telefon gegangen – wie dies in der Vergangenheit leider öfter der Fall war. Die erneuten Auseinandersetzungen zeigen, das Sicherheitskonzept der Reitschule funktioniert nicht.

Inwiefern?
Die vermummten Täter konnten sich nach dem Angriff auf die Polizisten ungehindert in die Reitschule zurückziehen. Bei normalen Clubs werden die Türen geschlossen, wenn es vor dem Lokal Randale gibt. Bei der Reitschule ist dies nicht der Fall. Für uns ist es aber nicht einfach so möglich, denn Tätern in die Reitschule zu folgen und sie dort zu verhaften. So ein Einsatz wäre wegen der vielen unbeteiligten Besucher extrem heikel, diese würden gefährdet. Denn die Täterschaft würde sich wohl kaum ohne Gegenwehr festnehmen lassen.

Die Reitschule warnte am Freitagabend die Menschen auf der Schützenmatte mit Plakaten vor polizeilichen «Schlägertrupps». Was geht Ihnen da durch den Kopf?
Zuerst einmal möchte ich betonen: Die Polizei hat nichts gegen die Reitschule, es gibt auch dort viele positive Kräfte. Aber wir treten punkto Sicherheit an Ort und Stelle, ich sehe derzeit eher einen Rück- als einen Fortschritt. Die Gewalt und auch die Unterstützung der Gewalt sind einfach nicht tolerierbar. Die Reitschulbetreiber tragen hierbei eine grosse Verantwortung. Die Reitschule verweigert nach wie vor konsequent das Gespräch mit der Polizei. Das kann ich bei allem Verständnis nicht nachvollziehen.

Die Ausschreitungen sind womöglich eine Reaktion auf eine neue Strategie der Polizei: Einsatzkräfte haben am Freitagabend auf der Schützenmatte in oranger Weste und mit Schutzhelm Präsenz markiert. Warum dies?
In der Umgebung der Reitschule gab es in den letzten Wochen verschiedene Gewaltdelikte. Ziel der Aktion war es, Präsenz zu markieren, die Dealerei einzudämmen und Straftaten zu verhindern. Dies haben wir mit gut sichtbaren Fusspatrouillen erreicht. Zahlreiche Passanten haben die Aktion begrüsst.

Ganz im Gegensatz zur Reitschule…
In der Tat ist die Aktion bei den Reitschulbetreibern gar nicht auf fruchtbaren Boden gestossen. Sie haben den Einsatz bekämpft, obschon er ausserhalb des Perimeters der Reitschule stattgefunden hat. Wir haben etwa den Vorplatz nicht betreten.

Plant die Polizei nun regelmässig «präventive Kontrollen» durchzuführen?
In den nächsten Tagen werden wir den Einsatz eingehend analysieren und danach über das weitere Vorgehen entscheiden. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.03.2016, 19:42 Uhr

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Auseinandersetzungen auf der Schützenmatte

Auseinandersetzungen auf der Schützenmatte Am Wochenende kam es zu Konfrontationen zwischen der Polizei und linksautonomen Aktivisten.

Reaktion der Reitschule

In einer Stellungnahme vom Sonntag beziehen sich die Reitschulverantwortlichen auf die Vorfälle vom Wochenende. Dabei werfen Sie die Frage nach Sinn und Zweck der polizeilichen Präventivaktion auf: «Möchte eine grössere Anzahl Mitglieder des Polizeikorps [...] eher präventive Sicherheit oder Provokation vermitteln?», heisst es dort.

Möglicherweise könne die Polizeiführung nicht nachvollziehen, wieso eine bewehrte Polizeipräsenz «von vielen Menschen – gerade bei der Reitschule – als schlichte Provokation» angesehen werde, schreibt die Mediengruppe auf Anfrage. «Möglicherweise will die Polizeiführung aber auch gar nicht, dass der Abend angenehm und friedlich verläuft.»

Die Reitschulverantwortlichen distanzieren sich überdies von Angriffen auf die Feuerwehr, die Gewalt gegen die Polizei hingegen wird nicht explizit verurteilt. Aber: «Ganz grundsätzlich appelliert die Reitschule immer wieder an die Vernunft aller Akteure und fordert den Respekt gegenüber der körperlichen und physischen Integrität unserer Mitmenschen.»

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