Stadttheater mit Defizit – trotz mehr Besuchern
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Während sich das Augenmerk auf die anbrechende neue Ära des Fusionsproduktes «Konzert Theater Bern» (KTB) unter dem neu gewählten Intendanten Stefan Märki richtet, hat die vor der Auflösung stehende Theatergenossenschaft Bern die Zahlen für die Saison 2010/11 unter der Direktion von Marc Adam vorgelegt.
Wie in der vorherigen Saison schloss das Stadttheater auch die letzte Spielzeit als rechtlich eigenständige Institution mit einem Defizit ab. Hatte es in der Spielzeit 2009/2010 nach vier Jahren mit schwarzen Zahlen noch 60 0000 Franken betragen, so resultierte in der letzten Saison ein Verlust von knapp einer halben Million Franken. Der Hauptgrund liegt wie schon im vergangenen Jahr beim publikumsmässig stagnierenden Musiktheater; die mit Abstand teuerste der drei Sparten sollte laut Budget 75 Prozent der Betriebskosten einspielen. Der kumulierte Bilanzverlust der im Juni 2011 liquidierten Theatergenossenschaft beträgt nach Abzug der Reserven und des Genossenschaftskapitals – knapp 1,3 Millionen Franken.
Defizitrahmen nicht ausgeschöpft
Die drei Finanzträger Kanton, Stadt und die Regionalkonferenz haben gemäss einer vertraglichen Vereinbarung ihren Anteil an diesem Defizit bereits bezahlt. Die als Obergrenze definierte Summe von 1,5 Millionen Franken zur Deckung der Verluste musste dabei nicht ausgeschöpft werden. Als «Gegenleistung» für die Übernahme des Bilanzverlustes hat die Stiftung KTB von der liquidierten Theatergenossenschaft die Spielstätte in den Vidmarhallen samt Kostümfundus übernommen.
Henri Huber, einer der beiden Liquidatoren und langjähriger Verwaltungsratspräsident der Theatergenossenschaft, hätte vor der Stabübergabe an Konzert Theater Bern gerne eine ausgeglichene Rechnung präsentiert. Als er vor zwölf Jahren Einsitz nahm in der Theatergenossenschaft, betrug das Defizit rund 1,25 Millionen Franken: «Am Ende der Ära Eike Gramss 2007 hatten wir die Verluste auf eine halbe Million reduziert, jetzt bewegt sich der Verlust wieder in der Grössenordnung wie am Anfang.»
95 000 Zuschauer
Mehr Sorge als das erwartete Defizit bereitet Huber die Entwicklung bei den Zuschauerzahlen im Stadttheater Bern. Die ökonomische Situation des Drei-Sparten-Hauses ist massgeblich abhängig vom Musiktheater. Dabei ist der generelle Trend bei den Zuschauerzahlen positiv: 95 000 Zuschauerinnen und Zuschauer besuchten in der letzten Spielzeit die insgesamt 342 Vorstellungen des Stadttheaters Bern, dies bedeutet eine Zunahme um gut acht Prozent (in der Saison 2009/2010 betrug der Zuwachs 2,7 Prozent). Für diesen erfreulichen Anstieg ist in erster Linie die Schauspielsparte verantwortlich mit rund 40 000 Zuschauern (Vorperiode: 32 000).
Die Rolle des Intendanten
Zu den am besten ausgelasteten Schauspielproduktionen gehörten in den Vidmarhallen «Parzival» von Lukas Bärfuss (87 Prozent), «Woyzeck» von Georg Büchner (93 Prozent), «Andorra» von Max Frisch (94 Prozent). Weniger gut lief hingegen «Quartett» (41 Prozent). Die Vidmarhallen im Liebefeld haben sich, das belegen die Zahlen eindeutig, als Spielstätte definitiv etabliert. Auf regen Publikumszuspruch stiess im Grossen Haus am Kornhausplatz die Theateradaption des Films «Herbstzeitlose». (Auslastung: 83 Prozent).
Das Ballett konnte mit rund 10 000 Zuschauern den Stand der vorherigen Spielzeit halten. Das Musiktheater verbuchte magere 38 000 Zuschauer, was ebenfalls etwa den Zahlen aus der Spielzeit 2009/10 entspricht. Im Bereich Oper erreichte «Don Giovanni» (83 Prozent) die beste Auslastung, während «Tosca» nur 63 Prozent erzielte und «Die Tote Stadt» gar nur auf 47 Prozent kam. «Jetzt ist mit der neuen Stiftung die Voraussetzung gegeben, um die Trendwende zu schaffen», sagte Henri Huber. Der Jurist und ehemalige Gemeindepräsident von Köniz will zwar der künftigen Leitungscrew von Konzert Theater Bern keine Ratschläge erteilen, ist aber für sich zu einer Einsicht gelangt: «Der Intendant ist mit seiner Persönlichkeit und seinem Gespür für den Plus einer Stadt die zentrale Figur.» In Basel und Luzern hätten die Intendanten Georges Delnon und Dominique Mentha nach ihren Amtsantritten eine Trendwende beim Publikumsschwund geschafft. Henri Huber nennt zwar keine Namen, aber die Schlussfolgerung ist naheliegend: Bern und Marc Adam haben nicht zueinandergepasst.
Als «Systematiker» habe er immer nach Gesetzmässigkeiten gesucht», sagt Huber. «Ich musste aber lernen, dass es im Theater keine Regeln für den Erfolg gibt – ganz im Unterschied zu einer Gemeinde, wo ich im Budgetprozess Erfahrungszahlen extrapolieren kann und so der Wahrheit meist nahekomme.» In der Kunst des erfolgreichen Theatermachens in Bern versucht sich nun neues Personal. (Der Bund)
Erstellt: 13.01.2012, 11:52 Uhr
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