«Fifty», der Bettler mit Kinderwagen, ist gestorben

Unter Berns Lauben kannte man das Stadtoriginal Werner Nicolet als strickenden Bettler.

Das Stadtoriginal «Fifty» ist 77-jährig gestorben.

Das Stadtoriginal «Fifty» ist 77-jährig gestorben. Bild: Lukas Lehmann/Keystone

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Viele Bernerinnen und Berner erinnern sich an Werner Nicolet, den hageren Bettler, der jahrelang in Berns Gassen unterwegs war. Vor allem Kinder staunten über den Mann in Frauenkleidern und mit dem Strickzeug. Dank seiner strohgelben Haare war Nicolet schon von weitem erkennbar – für viele gehörte er zum Strassenbild. In den letzten Jahren war «Fifty» – unter diesem Namen war Nicolet Nicolet auf der Gasse bekannt – in Bern weniger zu sehen, verbrachte er doch seinen Lebensabend in einem Pflegeheim in Spiez. Dort verstarb Nicolet in der Nacht auf Montag, wie die «Berner Zeitung» am Mittwoch berichtete.

«Liebenswert, aber eigen»

«Liebenswert, aber eigen»: Mit diesen Worten erinnert sich Barbara Mühlheim, Betriebsleiterin der Drogenabgabestelle Koda und grünliberale Grossrätin, an Nicolet. Kennen gelernt hat sie Fifty, als dieser noch in der offenen Drogenszene bei der kleinen Schanze anzutreffen war. «Da war er noch nicht süchtig», sagt Mühlheim. Seine psychischen Probleme hätten ihn aber schon damals verfolgt. Auf der kleinen Schanze fühlte er sich akzeptiert, obwohl er häufig von anderen ausgenutzt wurde. «Das ewige Dilemma von Nicolet», so Mühlheim. Durch die Nähe zur Drogenszene rutschte er letztlich in die Heroinsucht. 1994 kam er zur Drogenabgabestelle Koda, die ihm zur zweiten Heimat wurde.

Bei Fifty stand weniger die Heroinabgabe denn die psychische Stabilisierung und Erhöhung seiner Lebensqualität im Vordergrund, sagt Mühlheim. Nicolet wollte in der Stadt präsent sein. «Wir halfen ihm, sein Plakat neu zu schreiben und Grammatikfehler zu korrigieren. Das war ihm wichtig.» Das Betteln habe er schon fast wirtschaftlich betrieben, sagt Mühlheim. Daneben konnte er in der Koda duschen und erhielt Pflege. So behandelte eine Podologin seine Füsse, damit er auch im Alter nicht auf seine geliebten Stöckelschuhe verzichten musste, denn Fifty wäre eigentlich lieber eine Frau gewesen.

Irgendwann ging es nicht mehr: Das Stadtoriginal war immer weniger fähig, für sich selbst zu sorgen. «Nicolet rutschte aufgrund seiner psychischen Probleme aus dem Leben», wie Mühlheim es ausdrückt. Im September 2014 wurde er ins Alters- und Pflegeheim Solina in Spiez verlegt. Hier kümmerte sich das Pflegepersonal um ihn. Stadtoriginale kennt man, viele erinnern sich an ihn und wissen eine Geschichte zu erzählen. Über sein Leben ist aber wenig bekannt, kaum einer kannte Nicolet gut. Auf Facebook gibt es Stimmen, die Fifty als Teil der Stadt beschreiben. Dennoch soll er in Spiez wenig Besuch gehabt haben. (Der Bund)

(Erstellt: 24.02.2016, 22:00 Uhr)

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