Bern

Rudolf Käsermanns langer Kampf um die Kleine Allmend

Von Bernhard Ott. Aktualisiert am 29.03.2012

Der Berner Stadtrat befasst sich heute mit einer SP-Motion aus dem Jahre 1979. Mit über 32 Jahren Behandlungsdauer dürfte der Berner Gemeinderat eine gute Chance auf einen Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde haben.

Alt-Stadtrat Rudolf Käsermann auf der Kleinen Allmend – der Stätte seinen nachhaltigen Wirkens.

Alt-Stadtrat Rudolf Käsermann auf der Kleinen Allmend – der Stätte seinen nachhaltigen Wirkens.
Bild: Adrian Moser

Die gute Nachricht vorweg: Der Berner Stadtrat wird heute die Motion des 86-jährigen Rudolf Käsermann (SP) zur Neugestaltung der Kleinen Allmend mit grosser Wahrscheinlichkeit abschreiben. Die schlechte Nachricht betrifft die über 32-jährige Behandlungsdauer des im Dezember 1979 eingereichten Vorstosses. Damit dürfte der Berner Gemeinderat eine gute Chance auf einen Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde haben.

Der Stadtrat hatte den Vorstoss Ende Januar 1981 einstimmig überwiesen. «Ursprünglich hatte ich damit gerechnet, dass die Motion innerhalb eines Jahres umgesetzt werden kann», sagt Käsermann. Trotz seines fortgeschrittenen Alters ist der einstige Stadtratspräsident und Grossrat noch bei guter Gesundheit und besucht regelmässig die Mitgliederversammlungen der SP Sektion Altstadt-Kirchenfeld.

«Übergeordnete Interessen»

Die erste Fristverlängerung durfte der SP-Politiker noch als aktives Parlamentsmitglied absegnen. Das sei ihm nicht schwergefallen, weil «übergeordnete Interessen» mit im Spiel gewesen seien. So sei das Infanteriegelände auf einem Teil der Kleinen Allmend noch benützt worden. «Damals war ja noch nicht klar, ob Bern seinen Status als Garnisonsstandort verlieren wird oder nicht.»

Die folgenden mehrfachen Fristverlängerungen, die letzte bis Ende Juni 2011, musste Käsermann seinen Nachfolgern überlassen. Der einstige Präsident der Baugenossenschaft Berna, Eigentümerin einer Siedlung im nahen Burgfeldquartier, mag sich über die lange Dauer des Verfahrens jedoch nicht ärgern. «Es gab so viele Haken.» Nebst den Ansprüchen des Militärs hätten auch jene der Hornusser, der Hündeler und der Eigentümer von Familiengärten berücksichtigt werden müssen. Und, last but not least, sei es auch um die Parkplatzfrage gegangen.

«Bei grossen Anlässen werden zahlreiche Autos parkiert, deren ungeordnete Wegfahrt Lärm und Staub verursachen», begründete Käsermann im Januar 1981 seinen Vorstoss vor dem Stadtrat. Durch eine Neugestaltung könnten derlei Immissionen vermieden werden, argumentierte der SP-Politiker.

Bürgerwehr statt Zonenplan

Käsermanns Vertrauen in die Lösungskraft der Politik war aber offenbar nicht immer gleich stark. Denn drei Jahre vor Einreichung der Motion griffen die Bewohner des Burgfeldquartiers schon mal zur Selbsthilfe, um die Ansprüche weiterer Nutzergruppen in die Schranken zu weisen. «Droht im Burgfeld ein Dirnenkrieg?», lautete der Titel eines Zeitungsartikels aus dem Jahre 1976 über die Zustände auf der Kleinen Allmend. Darin wird berichtet, dass eine von der damaligen SP Burgfeld einberufene Protestversammlung Stadtrat Rudolf Käsermann ermächtigt habe, «bei den Behörden alles zu unternehmen, damit dem Treiben auf der Kleinen Allmend ein Ende gesetzt werden kann».

Aufgrund einer gemeinderätlichen Verordnung aus dem Jahre 1974, die den Strichgang in den Wohnquartieren verbot, hatte sich das Gewerbe offenbar auf die Kleine Allmend verlagert. An der Versammlung beklagten sich erboste Bürger über nächtliche «Lärmüberfälle» durch Mehrverkehr und die Belästigung ihrer Töchter durch Freier. Die damalige Stadtpolizei habe den Missständen nicht Einhalt gebieten können, sagt Käsermann. Erst durch den Einsatz einer Bürgerwehr sei wieder Ruhe eingekehrt. «In der damaligen SP-Fraktion gab es keine Berührungsängste gegenüber Law-&-Order-Anliegen», sagt Käsermann.

Wird die Frist erneut verlängert?

Mit dem nun vorliegenden Nutzungszonenplan kann Käsermann gut leben. «Er entspricht in etwa meinen Vorstellungen – bis auf die Parkplätze.» Gemäss Plan sollen auf der Kleinen Allmend 500 allwettertaugliche Parkplätze geschaffen werden, die bei Grossanlässen an maximal 50 Tagen pro Jahr zum Einsatz kommen sollen. Gut möglich also, dass diese Autos bei ihrer «ungeordneten Wegfahrt Lärm und Staub verursachen», wie Käsermann moniert hatte.

Diese Befürchtungen hegt auch der linksgrüne Stadtrat Luzius Theiler (72). Er wird heute Abend beantragen, den Nutzungszonenplan zurückzuweisen – er möchte, dass alle Parkplätze auf der Kleinen Allmend aufgehoben werden. Wird der Antrag angenommen, müsste für Käsermanns Motion wohl eine Fristverlängerung beantragt werden. (Der Bund)

Erstellt: 29.03.2012, 06:52 Uhr

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