Bern
Reitschule und Polizei bezichtigen sich gegenseitig der Gewalt
Von Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 24.09.2011 25 Kommentare
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«Polizisten in Reitschule angegriffen und festgehalten», teilte die Kantonspolizei gestern mit. Sie schildert die Vorkommnisse vom Donnerstagabend um 18.30 Uhr folgendermassen: Zwei Zivilfahnder seien in der Reitschule «massiv angegriffen» worden, als sie «eine verdächtige Person» verhaftetet hätten. Der Mann selbst habe keine Gegenwehr geleistet. Doch die Polizisten seien «durch anwesende Drittpersonen bedrängt und auch am Verlassen der Örtlichkeit gehindert worden». Im Innenhof seien die Polizisten «tätlich angegangen» worden, weshalb sie Verstärkung angefordert hätten. Es sei ihnen gelungen, eine Person anzuhalten, welche «mit den Fäusten auf die Polizisten eingeschlagen hatte». Die Polizisten seien dann «von 30 bis 40 Personen massiv bedrängt» worden, es sei auf sie eingetreten worden. Erst durch Reizstoff-Einsatz sei es gelungen, die Personen auseinanderzutreiben.
Keine Angriffe auf Polizisten
Die Mediengruppe der Reitschule zeichnet ein ganz anders Bild der Vorkommnisse. Sie gelangte gestern – noch vor der Polizei – von sich aus an den «Bund», weil sie den Polizeieinsatz als absolut unverhältnismässig betrachtet und sagt, Gewalt sei einzig von den Zivilbeamten ausgegangen. Die Reitschüler belegen ihre Version mit einem Video – gedreht von einem Gast. Die Mediengruppe will das Video am Montag veröffentlichen. Der «Bund» hat es bereits gesehen.
Zu Beginn liegt ein junger Mann in Handschellen am Boden. Ob der Reitschüler vorher tatsächlich auf Polizisten eingeschlagen oder sich lediglich verbal gegen die vorhergehende Verhaftung gewehrt hat, wie die Mediengruppe beteuert, ist nicht eruierbar. Als die Zivilpolizisten den Mann aufrichten, klammern sich vier oder fünf Reitschüler an ihn, um eine Abführung zu verhindern. Es gibt ein Gedränge, ein Gezerre, ein Zivilpolizist fordert per Telefon Verstärkung an. Doch die Lage scheint recht ruhig, von einem massiven Bedrängen der Beamten durch 30 bis 40 Personen kann keine Rede sein. Hektischer wird es erst, als ein Zivilbeamter einer Frau, die sich am Verhafteten festhält, mit der Hand ins Gesicht fährt. «Schlag sie nicht», schreit der Reitschüler in Handschellen, worauf ihn der Zivilpolizist würgt. Nun gibt es Tumulte, ein Polizist geht einen Mann an, ein anderer wird von einem Zivilbeamten aus dem Knäuel gezogen, während ihm ein zweiter Polizist Reizgas ins Gesicht zu sprayen scheint – warum, ist nicht ersichtlich. Als die Polizisten die beiden Verhafteten abtransportieren, versetzt ein Zivilbeamter einem Mann unvermittelt einen Kniestoss. Dann verlassen die mittlerweile acht Zivilpolizisten die Reitschule. Auf dem Video ist kein tätlicher Angriff gegen einen Polizisten zu erkennen.
«Neuer Tiefpunkt im Verhältnis»
Die Reitschule verurteile den Polizeieinsatz gestern Abend «aufs Schärfste». Sie schreibt, die Darstellungen der Geschehnisse vonseiten der Polizei «entbehren jeglicher Grundlage und sind als Schutzbehauptung zur Rechtfertigung des gestrigen unverhältnismässigen Polizeieinsatzes zu werten». Die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule Bern (Ikur) werde mit einer Aufsichtsbeschwerde gegen die fehlbaren Beamten vorgehen. «Die gestrigen Übergriffe von Zivilfahndern gegen Reitschüler stellen einen neuen Tiefpunkt im Verhältnis zwischen Reitschule und Polizei dar», schreibt die Mediengruppe. Auch die Junge Alternative kritisierte in einer Mitteilung «das brutale und unverhältnismässige Vorgehen» der Spezialeinheit Krokus wie auch «die lügengetränkte Medienmitteilung der Kantonspolizei». Der verhaftete Reitschüler wurde gestern gegen Abend aus der Haft entlassen und wird gemäss der Polizei unter anderem wegen versuchter Körperverletzung und Gewalt gegen Beamte verzeigt. Der 29-jährige Nigerianer, der als Erster verhaftet wurde, wird wegen illegalen Aufenthalts angezeigt.
Im Stadtrat wird die Reitschule demnächst wieder zu reden geben. Im November wird er über den mit dem Gemeinderat neu ausgehandelten Leistungsvertrag befinden, der im Parlament auf Widerstand stösst. (Der Bund)
Erstellt: 24.09.2011, 09:12 Uhr
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25 Kommentare
Die Polizeimeldung mehr oder weniger 1:1 abgeschrieben. Ist das die neue Art von Journalismus oder dürfen mittlerweile aufgrund von Stellen-Kürzungen im Medienbereich die Mediensprecher der Polizei gleich direkt Zeitungsartikel veröffentlichen? Antworten
Bei den Anschuldigungen der Polizei gegen die Reitschule handelt es sich um haarsträubende Rechtfertigungsversuche eines unverhältnismässigen und brutalen Polizeieinsatzes. Eine gezielte Provokation, um die Reitschule zu diskreditieren?
Die Reitschule Bern wird am Montag ein Video veröffentlichen, das beweist, dass es die Polizei mit der Wahrheit nicht so genau nimmt.
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