Bern

Reitschüler sitzen fest im Sattel

Von Rahel Bucher. Aktualisiert am 27.09.2010 9 Kommentare

Zum fünften Mal innerhalb von zwanzig Jahren haben sich die Bernerinnen und Berner für den Erhalt des alternativen Kulturzentrums Reithalle entschieden – gestern so deutlich wie noch nie.

Mit einer Mehrheit von 68,4 Prozent Nein- gegenüber 31,6 Prozent Ja-Stimmen hat die Stadtberner Bevölkerung gestern der rechtsbürgerlichen Initiative «Schliessung und Verkauf der Reitschule» eine klare Absage erteilt. Zum fünften Mal hat sie sich damit an der Urne für das autonome Kulturzentrum ausgesprochen. Dementsprechend gross war die Freude bei all den Menschen, die am Sonntag auf dem Vorplatz der Reitschule dem Abstimmungsresultat entgegengefiebert hatten. «Ich freue mich so fest. Unsere spontane Kultur, die aus dem Herzen kommt, wird in Bern geschätzt», kommentierte etwa Lilo Spahr vom Kino der Reitschule den Ausgang der Abstimmung. Um der kollektiven Freude noch mehr Ausdruck zu verleihen, entschieden die Reitschüler kurzerhand, während 68,4 Minuten Freibier zu verteilen.

Die wunden Punkte

Auch der Gemeinderat, der sich von Anfang an gegen die Initiative ausgesprochen hatte, zeigte sich gestern Nachmittag erfreut. «Das Resultat ist eine klare Absage an eine populistische und jugendfeindliche Initiative», sagte Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP). Die Bernerinnen und Berner hätten damit ein klares Bekenntnis zu Toleranz und kultureller Vielfalt abgelegt.

Er thematisierte aber auch die wunden Punkte rund um die Reitschule; so etwa Gewalt und Demonstrationen. Das Ja zur Reitschule dürfe nicht mit einem Ja zum Chaos und zur Nichtbeachtung von Regeln verwechselt werden, sagte er. Dementsprechend äusserte Tschäppät die Hoffnung, dass der antifaschistische Abendspaziergang vom kommenden Samstagabend friedlich verlaufe – auch um das Resultat zu honorieren. Das wünscht sich auch Agnes Hofmann von der Mediengruppe der Reitschule. «Der Spaziergang soll ein kräftiges, aber friedliches Zeichen setzen.» Schlussendlich könne sich die Reithalle selber lieb sein, indem sie möglichst wenig Angriffsfläche biete, sagte Initiant und SVP-Grossrat Erich Hess zum Thema Demonstration und Gewalt.

Bestes Resultat für Reitschule

Zusammen mit den rechtsbürgerlichen Unterstützern aus SVP und FDP forderte er, die Reitschule bis Ende 2011 zu schliessen und an den Meistbietenden zu verkaufen. Unter dem Deckmantel des kulturellen Angebots werde in der Reitschule Extremismus, Drogenhandel und Kriminalität gefördert, argumentierten die Initiativ-Befürworter. Ihr Anliegen blieb chancenlos: mit 25 122 gegen 11 610 Stimmen. Für das gute Resultat dürften auch das Engagement und die Aktionen des Nein-Komitees «Reitschule bietet mehr» beigetragen haben. Zudem wurde der Abstimmungskampf für die Reitschule von Kulturschaffenden wie Züri West und Patent Ochsner unterstützt. Geprägt hat den Abstimmungskampf aber vor allem Müslüm. Mit dem Song «Erich, warum bisch du nid ehrlich?» eroberte der Berner Komiker Semih Yavsaner die Hitparade. Auf Youtube verzeichnet sein Videoclip über 363 000 Klicks – Müslüm ist durch das Lied schweizweit bekannt geworden.

Zum vierten Mal wurde nun eine Abstimmung über eine Anti-Reitschule-Initiative abgelehnt. Doch noch nie war die Ablehnung so hoch wie dieses Mal. 1990 wurde der Abbruch der Reitschule mit 57,6 Prozent abgelehnt. Die Initiative zur Umnutzung der Reitschule in ein Einkaufszentrum erlitt im Jahr 2000 mit einer Zweidrittelmehrheit Schiffbruch, und zur Initiative «Keine Sonderrechte für die Reitschule» sagten 65 Prozent der Stimmenden Nein. Den aktuellen Abstimmungsausgang wertete Lilo Spahr gestern als grossen Erfolg: «Die Kultur der Reithalle ist erwünscht und wird von der Öffentlichkeit getragen.»

Vorstoss im Grossen Rat

Anders beurteilte das Erich Hess. Die Reitschule möge zwar in der Stadt Unterstützung geniessen, je weiter man aufs Land hinausgehe, desto stärker nehme diese aber ab. Obwohl unzufrieden mit der Abstimmungsniederlage, zeigte sich Hess gestern optimistisch. «Ich fühle mich ermutigt, gegen den rechtsfreien Raum inmitten der Stadt Bern weiter anzukämpfen.» Darum plant er, einen weiteren Vorstoss im Grossen Rat einzureichen.

Noch immer hält auch das trojanische Pferd vor der Reitschule Stellung. Es hat den Abstimmungskampf unbeschadet überstanden – und ist dabei auch zum Symbol geworden für eine Reitschule, die nun «heiter weiter reitet». Das überdimensionale Holzpferd hingegen wird am kommenden Freitag abgebaut. (Der Bund)

Erstellt: 27.09.2010, 07:28 Uhr

9

Kommentar schreiben







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

9 Kommentare

Nicole Meier

27.09.2010, 09:31 Uhr
Melden

Ob das Kulturelle Angebot so Wertvoll ist, muss jeder für sich selber beantworten. Es ist aber eine Schande was man aus dem schönen Gebäude gemacht hat. Denn Optisch ist es der grösste Schandfleck der Stadt. Antworten


petra Stähli

27.09.2010, 08:55 Uhr
Melden

Einen Vorstoss im Grossen Rat also, oho. Und dann eine kantonale Abstimmung über die Reitschule? ...als hätten zB Bieler oder Fruttiger etwas zur Reithalle zu sagen - Herr Hess, suchen sie sich andere Themen. Antworten



Bern

Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen

Fernstudentin an der FFHS

Award für beeindruckende Weiterbildungsbiografie

Abopreise vergleichen

Der Handy-Abovergleich mit Ihrem gewünschten Mobiltelefon und Prepaid-Angeboten.

Online-Wettbewerb

Wir feiern - Sie profitieren. Einen Tag lang freie Fahrt ab CHF 25.- mit Bahn, Bus und Schiff im gesamten BLS-Gebiet.

DAS GELD und ich

Börsen auf Höchstständen: Wie weiter?

WERBEN SIE ONLINE

Nehmen Sie Kontakt mit uns auf. Wir beraten Sie gerne.