Bern
Regierungsrat Neuhaus brachte «Kaninchen-Affäre» ins Rollen
Von Simon Wälti. Aktualisiert am 15.11.2011
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Die Affäre rund um den Kleintierzüchterverein KTZV der Stadt Bern gelangt nur langsam und in Raten ans Tageslicht. Bei der Aufdeckung der dubiosen Geschäfte des Kassiers und ehemaligen FDP-Stadtrats M. K. spielte auch Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP) eine Rolle. Der Tierliebhaber – eine Voliere mit Kleinpapageien steht in seinem Büro, zu Hause in Belp hält er Kaninchen, Schafe, Gänse, Pferde und einen Hund – ist Passivmitglied des Vereins. «Im Dezember 2010 wurde ich von besorgten Vorstandsmitgliedern angesprochen», sagt Neuhaus. Er habe daraufhin die Jahresrechnung angeschaut und Unstimmigkeiten festgestellt.
Obwohl Neuhaus als Handelslehrer selber Buchhaltungsunterricht erteilt hatte, musste er nach Durchsicht der Konten feststellen: «Ich komme nicht draus.» Die Konten wurden von Jahr zu Jahr gewechselt und die Jahresrechnung von einer externen Revisionsstelle in Liechtenstein statt von den gewählten Revisoren kontrolliert. Neuhaus und Vorstandsmitglieder stellten Fragen an M. K. und dessen Bruder, der Präsident des Vereins war. Doch die Antworten, die sie erhielten, waren nicht zufriedenstellend. «Sobald der Vorstand zu bohren begann, ging der Tanz los. Auf jede Antwort hin stellten sich neue Fragen. Die Differenzen im Vorstand wurden grösser.» Neuhaus galt bald als Störenfried, der Präsident erklärte, man wolle ihn nicht mehr im Verein.
Neuhaus trug «mehrere Hüte»
Weil er wegen seines Amtes – seiner Direktion ist unter anderem die Justiz und das Konkursamt angegliedert – in persönliche Konflikte kam, zog sich Neuhaus aus der Sache zurück. «Es ist immer heikel, wenn Privates und das Amt als Regierungsrat sich vermischen.» Als Justizdirektor und Bürger trage er «mehrere Hüte». Neuhaus empfahl dem Verein, sich an den Kantonalverband Kleintiere Bern-Jura zu wenden. Kantonalpräsident Peter Iseli schaltete daraufhin eine spezialisierte Wirtschaftsprüfungsfirma ein, um Rückendeckung zu erhalten. Einzelheiten zu den Ergebnissen könne er nicht bekannt geben, sagt Iseli.
«Die Unterlagen sind jetzt bei der Justiz.» Die Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren wegen Veruntreuung, Betrug, Urkundenfälschung und eventuell ungetreuer Geschäftsbesorgung eingeleitet. Der erfinderische Kassier führte auch die Stadt hinters Licht. M. K. schrieb laut Iseli in einem Brief an die Stadt, dass das Darlehen durch eine Bürgschaft von Kleintiere Schweiz über 50'000 Franken teilweise gesichert sei. «Er schrieb, er werde die Bestätigung später noch nachreichen», so Iseli. Doch die Bürgschaft gibt es nicht, die Stadt liess sich einen Bären aufbinden.
SVP-Stadtrat übt Kritik
Die SVP der Stadt Bern will die Rolle der Stadtregierung und diejenige von Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) genauer unter die Lupe nehmen. Stadtrat Rudolf Friedli hat eine Interpellation angekündigt. Friedli kritisiert, dass rechtlich nicht klar sei, warum die Stadt Bern den Kleintierzüchterverein mit einem hohen Darlehen über 260'000 Franken unterstützt habe. Dazu komme ein Forderungsverzicht für erbrachte Leistungen von EWB über 150 000 Franken. «EWB ist zwar rechtlich selbstständig, aber der Forderungsverzicht verringert den Gewinn, den die Stadt abschöpfen kann», sagt Friedli.
Als «sonderbar» bezeichnet Friedli die Rolle von Tschäppät, der sich nicht mehr genau erinnern könne, ob er von einem Geschädigten auf das Geschäftsgebaren von M. K. angesprochen worden sei. «Tschäppät sollte in einem solchen Fall hellhörig werden und sich darum kümmern, was mit dem von der Stadt gewährten Darlehen passierte», sagt Friedli. Nun sei das Geld möglicherweise verloren. Kritik übt Friedli auch, weil es M. K. gelungen sei, Gelder von Mündeln zu veruntreuen. Gemäss Recherchen des «Bund» fehlen über 20'000 Franken. «Es ist bedenklich, dass im Sozialamt nicht besser kontrolliert wird.»
«Bei uns ist nichts zu holen»
Im Kleintierzüchterverein der Stadt Bern wartet auf den neuen Präsidenten Peter Bigler noch viel Arbeit. Forderungen in der Höhe von etwa 1,4 Millionen Franken werden geltend gemacht. Doch Bigler weiss nicht, ob der Verein oder seine Mitglieder dafür haftbar gemacht werden können. «Das ist juristisch nicht geklärt, aber die Gläubiger klammern sich natürlich an jeden Strohhalm, aber bei uns ist nichts zu holen.» Offenbar hat Treuhänder M. K. ihm anvertraute Gelder abgezweigt und für private Zwecke verwendet. Als Fragen auftauchten, speiste er seine Kunden mit Anteilsscheinen für die Anlage in der Eymatt ab, die rund ein Dutzend Baracken und ein Klubhaus umfasst. (Der Bund)
Erstellt: 15.11.2011, 06:53 Uhr
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