Bern

Protest gegen Holcim-Ausstellung im Kunstmuseum

Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 16.04.2012

Gewerkschafter prangern «staatlich subventionierte Konzernwerbung» an. Ein gutes Dutzend Politiker und Menschenrechtler haben am Samstag vor dem Kunstmuseum demonstriert.

1/3 Die Menschenrechtsorganisation Multiwatch schiesst scharf gegen die Ausstellung «Industrious»: «Diese Ausstellung ist ein leuchtendes Beispiel für die Vereinnahmung der Kunst durch Profitinteressen von Grossunternehmen».
Adrian Moser

   

Ein gutes Dutzend Gewerkschafter, Politiker und Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen haben sich am Samstag vor dem Kunstmuseum Bern zu einer Protestkundgebung versammelt. Sie warfen dem Kunstmuseum vor, mit öffentlichen Geldern Konzernwerbung zu betreiben und die Situation von Arbeitern in Entwicklungsländern zu verklären.

Auslöser der Demonstration ist die Ausstellung «Industrious», die derzeit im Museum zu sehen ist. Sie zeigt grossformatige, stark stilisierte Fotografien von Produktionsstätten und Arbeitern des Zementkonzerns Holcim. Die Fotografien wurden für den Jubiläumsband zum 100-jährigen Bestehen Holcims erstellt. Holcim ist Hauptsponsor der Ausstellung und übernimmt mit gut 40 Prozent einen beträchtlichen Anteil der Ausstellungskosten.

«Vereinnahmung der Kunst durch Profitinteressen»

Unter den Demonstranten befand sich auch Shalini Gera, Vertreterin der indischen Leiharbeitergewerkschaft PCSS. Sie will während der Holcim-Jubiläumsfeierlichkeiten auf die Arbeitsbedingungen in indischen Holcim-Werken hinweisen. «In der Provinz Chhattisgarh beschäftigt Holcim rund 4500 Personen», erklärt Gera. «80 Prozent davon sind Leiharbeiter. Ihr Lohn liegt unter drei Franken pro Tag.» Viele der Arbeiter seien Bauern, die ihr Land durch Enteignung an Holcim verloren hätten. «Mit ihrem Einkommen können die Arbeiter kaum überleben», so Gera. Sie macht Holcim zudem dafür verantwortlich, dass ein indischer Bauernführer seit 11 Monaten inhaftiert ist. Nun verlangt die Gewerkschafterin, dass das Kunstmuseum Bern Bilder des Bauernführers und von verarmten Holcim-Arbeitern zeigt. «Diese Fotografien zeigen die Realität, wie sie wirklich ist», so Gera.

«Diese Ausstellung ist ein leuchtendes Beispiel für die Vereinnahmung der Kunst durch Profitinteressen von Grossunternehmen», sagt Barbara Rimml von Multiwatch. Die Menschenrechtsorganisation, der unter anderem Swissaid und Brot für alle angehören, hat soeben ein Sachbuch zu den Arbeitsbedingungen in indischen, guatemaltekischen und kolumbischen Holcim-Werken veröffentlicht.

In einem offenen Brief attackiert Multiwatch den Direktor des Kunstmuseums, Matthias Frehner: Die Ausstellung sei «Werbung pur». Frehner wird aufgefordert, in der Eingangshalle des Museums auf das Schicksal von Holcim-Arbeitern hinzuweisen. Frehner war gestern nicht erreichbar. «‹Industrious› ist keine Holcim-Ausstellung», sagt Ruth Gilgen, Presseverantwortliche des Kunstmuseums. Die Forderungen von Multiwatch werde die Geschäftsleitung heute Montag diskutieren. (Der Bund)

Erstellt: 16.04.2012, 06:58 Uhr

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