Bern

Polos Pop-Operette

Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 06.12.2011

Mit viel Tamtam wird für das Musical «Alperose» geworben, das am 17. Februar 2012 seine Uraufführung erlebt. Am Montag hat sich das Ensemble erstmals in einer Industriehalle getroffen.

Aufgekratzte Runde mit Samichlous: Das «Alperose»-Ensemble diskutiert das Musical.

Aufgekratzte Runde mit Samichlous: Das «Alperose»-Ensemble diskutiert das Musical.
Bild: Manu Friederich

Das Musical ist Teil seiner Altersvorsorge: Polo Hofer. (Bild: Franziska Scheidegger)

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Wenn das so weitergeht, hat man bald nicht mehr nur die Wahl zwischen dem realen und dem virtuellen Sein, sondern auch zwischen dem richtigen Leben und dem Leben im Musical-Format. Kein anderer Unterhaltungszweig hat sich in den letzten Jahren dermassen mit Schaffensdrang hervorgetan, und dabei wurde so gar kein Lebensbereich ausgelassen. Es gibt Musicals über die alten Römer, das junge Heidi, über allerlei Grafen, Vampire und Freudenmädchen, über Katzen und Kannibalen, über die Kaiserschlacht von Wassenberg, Abba und Boney M, und neuerdings gibt es auch ein Musical übers Mormonen-Buch.

Dass nun auch Polo Hofer – oder genauer gesagt sein Liedgut – zum Musical-Gegenstand wird, erstaunt da eigentlich nicht mehr weiter, im Zuge der grassierenden Swissness und (Obacht, ein neuwertiges Wort) Verbodenseearenaisierung des Unterhaltungsbereiches ist der Grosserfolg vorprogrammiert. Am 17. Februar nächsten Jahres gehts in der Berner Festhalle los.

Die Musical-Macher haben um über zwanzig Polo-Lieder «eine Geschichte über Liebe und Freundschaft, Heimweh und Fernweh» gestrickt, und die Werbetrommel ist bereits am Wirbeln wie verrückt: Die Migros offeriert eine (etwas zuckrig geratene) «Alperose»-Torte, drei (wohl ziemlich hastig designte) «Alperose»-Uhren sind auf den Markt geworfen worden, die BLS hat einen Werbe-Zug aufs Gleis gelassen, und der Fernseh-Trailer klingt wie eine Mischung aus Privat-Radio-Eigenwerbung und Aktions-Durchsagen in den Migros-Filialen («mit de gröschte Hits vom Polo Hofer – jitz di beschtä Tickets reserviere!»).

Lebenshilfe vom Chlous

Szenenwechsel: In einer ehemaligen Halle der Wifag-Fabrik im Wyleregg treffen sich die Akteure des Musicals «Alperose» erstmals zur Probe. Man sitzt im Halbkreis beisammen, diskutiert die Seite 18 des Drehbuchs, wo der Protagonist Johnny offenbar erste Lebensmisslichkeiten zu erdulden hat. Irgendwo sitzt ein Musical-Pianist an einem Krompholz-Digital-Piano und studiert Partituren.

Es sind sympathische junge Menschen, die da zusammengefunden haben. Lägen da nicht farbige Ballone, poppige Sonnenbrillen und bunte Luftschlangen bereit, man würde nicht als Erstes darauf tippen, dass diese Runde im Milieu der Pop-Operette tätig ist. Vielleicht sind sie ein bisschen begeisterungsfähiger als gewöhnliche Menschen, sie lachen aufgekratzt, wenn der deutsche Regisseur einen Scherz macht, und sie finden es sehr lustig, wenn Marc Dietrich (einst die Schnaps-Stimme von Peter, Sue & Marc) als Überraschungs-Samichlaus auftritt und seiner Truppe «e Chratte voller Freud», «Solidarität» und ein bisschen Lebenshilfe mitbringt: «Mit Säubschtvertroue schaffe mir das mit links – Houhoho!», sagt der Chlous, und die Runde freut sich. Marc Dietrich wird die Rolle des Stammtischbruders Heiri bekleiden, ein Gesinnungs-Rabauke und EU-Lästerer. Ein potenzieller Publikumsliebling.

Hofers Altersvorsorge

Ohnehin scheint die Vorfreude unter den Musical-Befürwortern bereits ziemlich in die Gänge gekommen zu sein. Gegen 30 000 der 100 000 Tickets sind bereits abgesetzt, das Musical wird zwei Monate in der Festhalle gastieren, danach wird die Halle von der BEA okkupiert. Nach Ausweichmöglichkeiten wird gefahndet, aber zunächst gelte es zu schauen, wie «Alperose – das Musical» beim Publikum überhaupt ankomme.

Einer der wenigen Langhaarigen unter den Mitwirkenden ist Stefan Mens, der musikalische Leiter des Musicals. Er sei begeistert von der Thematik, schliesslich sei er selber früher als Rockgitarrist durch die Lande gezogen – unter anderem mit der Berner Gruppe Foolhouse. Ihm steht eine Band zur Seite, in welcher mit HP Brüggemann und den Enderli-Brüdern drei Polo-Schützlinge mitwirken. Er habe sie als sehr offen und neugierig erlebt, auch wenn gewisse Deutungen älterer Polo-Gassenhauer in der Band durchaus schon für Diskussionen gesorgt hätten. «Ich werde mich bemühen, das gängige Musical-Pathos für diese Produktion zu drosseln», sagt der Mann, der schon für den musikalischen Part des «Heidi»-Musicals verantwortlich zeichnete. «Polo Hofers Lieder in einem ‹Phantom of the Opera›-Duktus umzusetzen, wäre ja auch schrecklich», sagt er.

Und Polo Hofer selber? Er habe sich noch nicht eingemischt, versichern alle Beteiligten. Öffentlich hat er verlauten lassen, dass er erwarte, dass seine Songs durch das Musical keinen charakterlichen Schaden erleiden, dass er kein Musical-Fan sei, die Sache aber durchaus befürworte. Und er hoffe, dass das Musical möglichst lange gespielt werde. Schliesslich sei es Teil seiner Altersvorsorge. (Der Bund)

Erstellt: 06.12.2011, 09:15 Uhr

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