Bern

Polos Geist steckt auch im Essen

Von Rahel Bucher. Aktualisiert am 20.05.2012

Im Café des Pyrénées – im Volksmund «Pyri» genannt – scheint die Zeit langsamer zu laufen als sonstwo in Bern.

Nicht nur bei Regenwetter spielt sich das Leben drinnen im «Pyri» ab.

Nicht nur bei Regenwetter spielt sich das Leben drinnen im «Pyri» ab.

Die Rechnung, bitte

Karte: Viele Getränke, vor allem alkoholische - wenige Speisen, doch die überzeugen alle in ihrer Einfachheit. Die meisten Gerichte sind auch als halbe Portion erhältlich.

Preise: Unteres Preissegment. Schön, dass es in der Stadt Bern noch Restaurants wie das «Pyri» gibt, wo auch Menschen mit kleinem Budget einmal gut und günstig auswärts essen können.

Kundschaft: Büezer und Intellektuelle, die sich am Mittagstisch heftige Diskussionen liefern. Auf einer Holztafel hinter der Bar wird die bunte Gästeschar wie folgt beschrieben: «Ex-soixante-huitards, ecologists, intellectuels, politiciens tendance gauche. Tous se retrouvent ici pour un grand melting bruyant et enfumé dans une ambiance joyeuse et bon enfant.»

Öffnungszeiten: Montag bis Mittwoch, 9 bis 23.30 Uhr, Donnerstag und Freitag von 9 bis 0.30 Uhr, Samstag von 9 bis 17 Uhr, sonntags geschlossen.

Adresse: Café des Pyrénées, Silvia Chautems, Kornhausplatz 17, 3011 Bern, Internet: www.pyri.ch

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Draussen scheint die Sonne. Trotzdem ist im Inneren des Café des Pyrénées fast jeder Tisch voll besetzt. Dunkel ist es hier zwischen den Holzmöbeln, aber urchig und gemütlich. Zudem riecht es nach Käse und Zigarettenrauch – obwohl seit dem Rauchverbot niemand mehr in der Beiz raucht.

Doch im «Pyri», wie das Restaurant im Volksmund heisst, weht kaum frischer Wind in die gute alte Stube herein, und die Zeit scheint langsamer zu laufen als sonstwo in Bern. Doch eben genau dieser altmodische Charme ist es, der dem Lokal seinen ganz eigenen Charakter verpasst - und das seit Jahrzehnten. Langsam, gemütlich, behäbig und leicht aufbrausend: So könnte man diesen in groben Zügen umschreiben.

Resistent gegenüber Veränderungen

Ganz dem Gemüt der Beiz entsprechen auch viele ihrer Gäste. An der rötlich gebeizten Bar stehen drei Männer vor ihrem Bier. Einer liest, einer diskutiert mit der tätowierten Bardame und einer schweigt. Von hinten betrachtet, sehen sie alle aus wie Polo Hofer. Aber wahrscheinlich ist das die eigene Einbildungskraft und der starke Geist von Polo, der auch im Pyri umgeht, wenn der Mundartrocker gerade einmal nicht an der Bar anzutreffen ist. Seit Jahrzehnten ist das Pyri sein Stammlokal. So erstaunt es kaum, dass das Mini-Fumoir im Pyrénées «Fumoir à la Polo» heisst. Zieht man im engen Räumlein an seiner Kippe, lächelt einem Polo von mehreren Fotos, die an der Wand kleben, einladend entgegen.

Abgesehen vom Fumoir siehts im Pyri aus wie eh und je: Das Café ist resistent gegenüber Veränderungen. Das zeigt sich nicht nur am Interieur und der Klientel, sondern auch am Menüplan und der bevorzugten Zahlungsart. Auf der ersten Seite steht schwarz auf weiss: «Wir lieben Bargeld! Deshalb akzeptieren wir im Café Pyrénées keine Kreditkarten. Danke für Ihr Verständnis. Euro = o.k.» Auf den zweiten Blick, auf Seite zwei, könnte man denken, im Pyri gebe es nichts ausser Alkohol. Hier werden Aperitifs und Spirituosen angepriesen: von Ramazotti (5 Fr.) bis Carlos I, einem spanischen Brandy (15 Fr.). Auf Seite drei folgt schliesslich eine lange Auflistung von Offen- und Flaschenweinen.

«Dieser Dreck dort vorne»

Erst auf Seite vier folgen die Speisen. Seit Jahren sind es mehr oder weniger die gleichen - viele von ihnen echte Klassiker, so etwa der Fleischkäsesalat (10 Fr.). Dieser sorgt für einen währschaften Ausgleich in dem zum Teil spanisch anmutenden Speiseangebot: Mejillones picantes (Muscheln, 6.50 Fr.) oder Calamares (6.50 Fr.). Ebenfalls legendär ist der lauwarme Tomme auf Salatbeet (13 Fr.). Wenn der flüssige Käse die Kehle schmiert und der Salat zwischen den Zähnen knackt, kommt beinahe «Alperose»-Romantik auf. Nicht zu vergessen die Kümmelkörner, die dem Essen etwas ganz Besonderes einhauchen.

Und in allem steckt eine Prise von Polos Geist, passend dazu ein Ballon Weisswein. Im Pyri wird kaum Neues ausprobiert, lieber setzt man auf Altbewährtes. Die Werterhaltung ist zum Erfolgsrezept für das Café geworden.

Um so mehr wird im Pyri diskutiert, gemeckert und gegrummelt, und wer nicht will, schweigt einfach vor sich hin. Auffallen tut man so oder so (nicht). Dementsprechend kann man hier gut und gerne auch einmal ganz alleine essen. Das Gefühl von Einsamkeit stellt sich dabei nie ein, denn mitzuhören gibt es immer allerhand Interessantes. Am Nebentisch etwa wird die Reitschule auseinandergenommen. «Dieser Dreck dort vorne», meint eine erboste Frau und bestellt gleich noch einmal ein Halbeli Rotwein. «Und habt ihr gehört, was die jetzt schon wieder . . .» (Der Bund)

Erstellt: 20.05.2012, 08:52 Uhr

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