Bern

Plötzlich hechtet der Frosch nach der Fliege

Von Katrin Schregenberger. Aktualisiert am 01.04.2012 2 Kommentare

Warten muss nicht langweilig sein. Die Fachhochschule hat in einem Versuch getestet, wie Warten zum Vergnügen werden könnte. Die Installation in der Schalterhalle der Einwohnerdienste Bern gefiel aber nicht allen.

Videoinstallation in der Schalterhalle der Einwohnerdienste der Stadt Bern: Sie wirkte nicht auf alle Kunden beruhigend.

Videoinstallation in der Schalterhalle der Einwohnerdienste der Stadt Bern: Sie wirkte nicht auf alle Kunden beruhigend.
Bild: Adrian Moser

Kaum jemand wird sich freuen, wenn er beim Postschalter die Nummer 460 zieht und auf der Anzeigetafel erst eine rot leuchtende 400 steht. Endlich am Schalter angelangt, ist man dann meist völlig erschöpft von dem langen Warten.

Ein interdisziplinäres Projekt der Hochschule der Künste Bern (HKB) und des Inselspitals Bern hat sich nun das Ziel gesetzt, Warten in ein Vergnügen zu verwandeln. Die Projektgruppe führte unter der Leitung von Harald Klingemann von der HKB in den letzten zwei Wochen unterschiedliche «künstlerische Interventionen» durch. Als Versuchsort dienten die Schalterhalle der Einwohnerdienste Bern und der Wartesaal der Anästhesie im Inselspital. Die erste «handlungseinladende» Intervention sollte den Kunden durch eine Blubbersäule animieren. Per Knopfdruck konnte der «Handelnde» Luftblasen in der Säule aufsteigen lassen. Die zweite Intervention versetzte den Wartenden in eine beobachtende, fast meditative Rolle. Sie fand letzte Woche statt.

Gefilmter Stillstand

Vogelgezwitscher, Wasserrauschen, spielende Kinder – das hörten Wartende bis gestern in der Schalterhalle der Einwohnerdienste. Die Geräusche waren Teil einer Videoinstallation, der «beobachtungsorientierten» Intervention. Auf vier Bildschirmen liefen Videosequenzen, die auf den ersten Blick aus nicht mehr als einem einzigen Bild bestanden. Was man sah, waren Blumen und Porzellanfiguren – gefilmter Stillstand. Das heisst aber nicht, dass in dem Film nichts passierte: Wer im richtigen Zeitpunkt hinschaute, sah plötzlich einen Frosch, der nach einer Fliege hechtete oder ein herunterfallendes Blütenblatt. Die Idee dahinter: «Der Film strukturiert die Zeit in unregelmässigen Abständen», sagt Birgit Krueger, die zusammen mit Eric Schmutz das Werk geschaffen hat.

Zu den Interventionen der Fachhochschule gehörten nicht nur die LED-Bildschirme mit Blumenstillleben, sondern auch Wandverkleidungen, Duftsäulen, zwei bequeme Stühle und ein Polstersessel. Dieser freilich schien mehr abzuschrecken als einzuladen: «Ich habe schon oft beobachtet, wie ein Kunde sich auf den normalen Stuhl daneben statt auf den Sessel setzt», erzählt Alexander Ott, Leiter der Einwohnerdienste.

In den letzten zwei Wochen gab es in der Schalterhalle auch «Kunden», die sich den ganzen Tag in der Schalterhalle aufhielten. Sie waren die Augen des Projektteams und beobachteten, ob die Interventionen etwas «nützten». Reagieren die Wartenden auf die Bildschirme? Werden sie «ruhiger»? Und auch die subjektive Meinung der Testpersonen floss in das Projekt ein. Nach dem Warten wurden die Kunden interviewt und über ihr Warteerlebnis befragt. Wie war die Raumtemperatur? Die Lichtverhältnisse? Ist etwas positiv aufgefallen? Im Inselspital massen die Interviewer zusätzlich die Pulsstärke der Wartenden. «Uns interessiert, ob die subjektive Wahrnehmung der Wartezeit mit dem Stresszustand des Körpers korreliert oder nicht», sagt Professor Kurt Läderach, Projektverantwortlicher vom Inselspital Bern.

Eines ist sicher: Die Interventionen haben nicht allen Kunden gefallen. «Was ist Ihnen negativ aufgefallen?», ist die Frage, die Michael Huber, der soeben noch in der Schalterhalle gewartet hat, gestellt wird. «Die komischen Bildschirme», sagt er. Das Warten ist für ihn durch die Installation nicht kurzweiliger geworden: «Da würde man lieber ein schönes Bild von einem Berner Künstler aufhängen als diese Bildschirme mit Kinderstimmen im Hintergrund.» Gerade in der heutigen Zeit, wo Stromsparen angesagt sei. Ob viele der Testpersonen so empfanden, steht erst im Juni fest. Dann sind die Daten ausgewertet. (Der Bund)

Erstellt: 31.03.2012, 10:42 Uhr

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2 Kommentare

Ursula Schüpbach

01.04.2012, 13:37 Uhr
Melden 1 Empfehlung 0

"Wer im richtigen Zeitpunkt hinschaute, sah plötzlich einen Frosch, der nach einer Fliege hechtete oder ein herunterfallendes Blütenblatt." Ja, das kann passieren. Antworten


michael vogt

02.04.2012, 01:17 Uhr
Melden

jede elektronische wiedergabe von ton und bild hat ein design, das wiederum uns designet. dort, wo man hingehen m u s s , soll keinesfalls ein solches designing stattfinden. es gibt keine design-therapie für ein kollektiv. als ich das letzte mal mit einem überlandbus (früher postauto) fuhr, lief dort über lautsprecher musik: designphilosohische ahnungslosigkeit. gilt auch für bild. let it be! Antworten



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