Nicht satt – aber glücklich

In der Lorraine gedeiht ein Pilotprojekt der Stadtgärtnerei: Urbanes Gärtnern en miniature. Die Hacke schwingt eine einstige Guerilla-Gärtnerin.

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Der Innenhof der Überbauung Vordere Lorraine (Volo) liegt noch fast ganz im Schatten, erst auf das oberste Drittel der Häuserfront fällt Morgensonne. Im Hof spriesst Gemüse: Peperoni, Karotten, Cherrytomaten und Salate wachsen in einem Dutzend grosser Behältnisse. Beinahe übersieht man einen gelben Einkaufswagen neben den Sonnenblumenstauden, so stark überwachsen ist er. Die Stadtgärtnerei hat Wagen, Säcke und SBB-Paletten im Frühjahr herbeigeschafft – gefüllt mit Bio-Erde aus der Eigenentwicklung.

Wissen, woher der Salat stammt

DerBund.ch/Newsnet berichtete über ein Projekt der Stadtgärtnerei: Mobile, temporäre Gärten will man schaffen. Und damit den Bernern ermöglichen, im Quartier eigenes Gemüse anzupflanzen. «Immer mehr Leute wollen heute wissen, woher ihr Salat stammt», erklärte der städtische Bereichsleiter Familiengärten Walter Glauser. Als Symbol für die mobilen Gemüsegarten wählte man den gelben Einkaufswagen – anders als im Supermarkt sehe man in diesem mit eigenen Augen, wie das Gemüse wächst.

In der Lorraine läuft nun der Pilotversuch: «Läuft es dort gut, werden wir die Gärten 2013 in wesentlich grösserem Rahmen aufziehen», sagt Glauser. Für ein Fazit sei es noch zu früh, aber ein wichtiger Punkt sei erfüllt: «Es gibt jemanden, der die Initiative ergreift und Verantwortung übernimmt.»

Die ehemalige grüne Stadträtin Martina Dvoracek steht vor einem massigen Sack voll dunkler Erde. Sie beugt sich über eine Tomatenstaude und ihre Finger fahren prüfend über einen Fleck am dicksten Zweig. Dvoracek hat sich mit sieben Nachbarinnen zusammengeschlossen, um beim Pilotversuch mitzuwirken. Der Pachtvertrag mit der Stadt läuft über sie. Für einen Sack zahlen die Frauen 10 Franken pro Jahr, für Kisten 20 Franken. «Jede von uns hat ihre eigenen Pflanzen, pflegt und erntet sie.» Das Giessen teile man sich auf. «Satt wird man nicht davon – aber glücklich», sagt Dvoracek und schmunzelt. Die Pflanzen seien schön anzusehen und man baue eine richtige Beziehung zu ihnen auf.

«Keine Transportwege und alles biologisch»

Dvoraceks Absätze klappern, als sie zum nächsten Behälter wechselt. Weshalb sie mobile Gärten bevorzuge? «Da braucht man sich nicht zu bücken», sagt sie und lacht herzhaft. Freimütig schickt sie hinterher: «Ich bin wohl nicht mal Hobbygärtnerin, höchstens begeisterte Anfängerin.» Und trotzdem: «Der Salat schmeckt super.» Essen, was man selber gesät habe, das sei schon etwas. «Keine Transportwege und alles biologisch.»

Biologische Setzlinge und keine Chemie – das sind Auflagen der Stadt. «Aber das entspricht ohnehin unserer Lebensphilosophie», sagt Dvoracek. Sie sehe das im grösseren Kontext des Gesellschaftsphänomens «urban gardening». Ein Stück Natur zurück in die Stadt bringen wolle sie. Gerade Kinder lernten im Gemüsegarten viel, sagt Dvoracek und nickt zur Glasfront im Innenhof, hinter der die Kita-Zwerge spielen. Dann erzählt sie von ihrem kleinen Neffen, dem sie kürzlich eine grüne Tomate gezeigt hat. Was das sei, habe sie ihn gefragt. «Apfel», die Antwort. «Auch das muss man erst erfahren», sagt Dvoracek.

Von der Guerilla- zur Stadtgärtnerin?

Als ehemalige Guerilla-Gärtnerin des Grünen Bündnisses wollte Dvoracek das Stadtbild noch in wilder Eigenregie aufpeppen. Und nun bepflanzt sie brav die Töpfe der Stadt? Dvoracek schüttelt den Kopf: Bevormundet fühle sie sich keinesfalls. «Wir sind ja auf die Stadt zugegangen, nicht umgekehrt.» Im Volo sieht man es denn auch nicht allzu streng mit den Vorgaben der Stadtgärtnerei. Obwohl diese ausdrücklich schnellwachsendes Gemüse empfiehlt, gedeiht in einem Sack ein stattlicher Kürbis, daneben schaut ein Blumenkohl aus der Erde. Die Bohnen, die noch die Stadtgärtnerei gepflanzt hatte, sehen indes nicht besonders gesund aus. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 07.08.2012, 16:02 Uhr)

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