Nachbarschaftshilfe mit Ablaufdatum

Vier Berner Studentinnen üben sich für Nachhaltigkeit am Esstisch. Sie planen ein Netzwerk von Gemeinschaftskühlschränken – damit weniger geniessbare Lebensmittel unangetastet im Abfalleimer landen.

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In einem Quartiervorgarten steht ein grosser Kühlschrank, und jeder darf sich ungefragt daran bedienen. Was utopisch klingt, wollen vier junge Frauen in Bern nun in die Tat umsetzen. Ihre Vision: ein Netzwerk von öffentlichen und frei zugänglichen Gemeinschaftskühlschränken.

Die Studentinnen stören sich daran, dass beim Thema Foodwaste der Fokus zu sehr auf überschüssige Lebensmittel von Grossverteilern gelegt wird – indem Hilfsorganisationen solche Waren an Bedürftige weitergeben. Für das Grüppchen ist das aber nur eine Seite der Medaille: «Rund 45 Prozent der entsorgten Lebensmittel stammen aus Privathaushalten», sagt Gruppenmitglied Kathrin Michel.

«Bern isst Bern»

Unter dem Motto «Bern isst Bern» sollen in der Lorraine Essensabfälle reduziert werden. Am 2. April wird der Gemeinschaftskühlschrank hinter dem Lola-Laden in Betrieb genommen. Auf der gleichnamigen Facebook-Seite informieren die Initiantinnen seit vergangenem Samstag über ihr Konzept.

Dieses klingt simpel: «Jeder kann Nahrungsmittel, die er nicht mehr braucht oder die ihm nicht schmecken, in diesen Kühlschrank legen», sagt Michel. Insofern die Produkte frisch oder abgepackt seien und das Verfallsdatum noch nicht überschritten hätten. Zudem sollte auf Sauberkeit geachtet werden.

Trotz Gutgläubigkeit soll der Prototyp in der Anlaufphase regelmässig durch eines der Gruppenmitglieder auf Hygienezustand und abgelaufene Produkte kontrolliert werden. Längerfristig hoffe man auch auf die Unterstützung freiwilliger Ämtli-Anwärter aus dem Quartier.

Die Idee von proaktivem Foodsharing ist nicht neu. In Basel, Winterthur und einigen Städten Deutschlands werden schon heute Foodsharing-Konzepte nach ähnlichem Prinzip erfolgreich praktiziert.

Fünf Kühlschränke bis 2016

Bei dem einen Objekt in der Lorraine solle es nicht bleiben. Michel und ihre Kolleginnen träumen von einem stadtweiten Netzwerk mit mindestens «einem Kühlschrank pro Quartier». «Unser Ziel ist es, bis zum nächsten Jahr mindestens fünf Gemeinschaftskühlschränke im Grossraum Bern zu realisieren.»

Erste Abklärungen für einen zweiten Standort im Liebefeld seien getroffen. Dabei wurde ihnen bereits Unterstützung vonseiten der Studentinnenschaft der Universität Bern zugesichert.

In Berns Norden stiessen die jungen Frauen schnell auf Gleichgesinnte: Daniel König, Inhaber des Lola-Ladens, begrüsst das Projekt mit offenen Armen. «Foodwaste ist heutzutage ein grosses Problem. Es wäre wünschenswert, dass weniger Lebensmittel im Abfall landen.» So würde der Bioladen künftig auch Lebensmittel mit überschrittenem Verkaufsdatum dem Gemeinschaftskühlschrank beisteuern.

Breite Unterstützung

Wie viele andere Studierende verfügen Michel und ihre Kolleginnen über begrenzte finanzielle Mittel. So hoffen sie auf Unterstützungswillige. Mehrfach konnten sie schon von der Gunst generöser Projektbefürworter Gebrauch machen. Im vergangenen Oktober überzeugten sie gar Juroren mit Nachhaltigkeitsaffinität von ihrer Idee: Im Rahmen des Berner «Impact Workshop» wurden sie mit einer Auszeichnung für soziale und ökologische Projektideen sowie einem Startkapital von 1000 Franken belohnt.

Daraufhin steuerte die Marke Electrolux den ersten Kühlschrank für den Standort in der Lorraine bei. Für weitere Standorte sicherte ihnen ein Quartierladen aus der Lorraine bereits Occasionsmodelle zu.

Für Michel birgt das Thema Kühlschranktyp allerdings auch Konfliktpotenzial: «Wir möchten keinesfalls mit einem Projekt gegen Foodwaste unnötig Strom verbrauchen.» Daher wünschten sie sich Kühlschränke mit bestmöglicher Energieverbrauchskennzeichnung.

Die Stromkosten in der Lorraine werde der Lola-Laden übernehmen, bei künftigen Projekten hoffen die vier jungen Frauen noch auf Sponsoren mit einem Herz für Nachhaltigkeit. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.03.2015, 12:35 Uhr

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