Mit Ängsten auf Schweizer Werte werfen

Mit «Home» gibt es am Buskers eine Installation der besonderen Art. Mit viel Kreativität und handwerklichem Geschick wird dort das Konzept Heimat kritisch hinterfragt.

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Das diesjährige Buskers wartet mit der vielseitigen Installation «Home» auf, die sich mit den Themen Heimat und Zuhausesein befasst. Verschiedene Berner Künstler haben sich der Thematik mit viel handwerklichem Einsatz angenähert. Das Resultat ist während des Buskerfestivals auf dem Münsterplatz zu sehen. Lisette Wyss, Mitgründerin des Buskers-Festivals und Initiatorin der «Home»-Installation, freut sich darüber. «So ein Projekt braucht Leute mit Ideen und Idealismus, die dann auch noch bauen können», sagt sie.

Bienenlarven statt Cervelat

Die heimatliche Vertrautheit wird auf dem Münstlerplatz zumindest in kulinarischer Hinsicht schnell über den Haufen geworfen. Denn der Essensstand «Beezeria» serviert nicht etwa Raclette-Schnitten oder Cervelat. Zu kaufen gibt es dort Toastbrot, das mit gebratenen Bienenlarven belegt ist. Daniel Ambühl, der hinter dem Projekt steckt, ist mit missionarischem Eifer dabei, den zögernden Festivalbesuchern die Essbarkeit von Insekten näher zu bringen. Denn die Kerbtiere seien als Nahrungsmittel zu Unrecht stigmatisiert. «Viele haben das Gefühl, dass das so ein primitiver Frass ist und haben deshalb eine Barriere im Kopf,» sagt er. Dabei sei es doch absurd, dass in der Schweiz pro Jahr 100 Tonnen Bienenlarven weggeschmissen werden – obwohl es sich dabei sowohl um gute, als auch um fett- und proteinreiche Nahrung handle. Und tatsächlich: Das Bienenbrot schmeckt gar nicht so schlecht.

Der Schiessstand gegen Ängste

Ein Heimatverlassen der anderen Art bietet der Schiessstand «Chrache» des Berner Künstlerkollektivs RAST. Jaqueline Schnyder, die den Stand mitkonzipiert hat, erklärt, dass hier mit Ängsten auf Schweizer Werte geworfen werden könne. Orientierung bietet hierbei die Studie «Sicherheit 2016», die ermittelte, wovor sich Schweizerinnen und Schweizer am meisten fürchten. Grosse Angstfaktoren sind unter anderem Krieg und Migration. Beim Schiessstand Chrache sind diese Ängste auf Würfel gemalt, mit denen man auf hölzerne Zielobjekte wie etwa Helvetia, Fondue und das Bundeshaus werfen kann. Wer trifft erhält ein Abzeichen - «und eine neue Identität», wie Schnyder erklärt.

«Weg mit der Loft!»

Gleich neben dem Schiessstand steht ein mobiles Musterhaus – eine schön eingerichtete Loftwohnung, die durch Glaswände Einblicke in verschiedene Zimmer gewährt. Unter anderem findet dort ein Audio-Rollenspiel statt. Die Besucherinnen und Besucher tragen dabei Kopfhörer und werden darüber informiert, was sie fühlen und erhalten Anweisungen wie sie sich verhalten sollen. Den Umstehenden wird so ein Beziehungsdrama vorgespielt, das sich laufend wiederholt. Die Audio-Installation spiele mit dem Traum der Durchschnittsschweizer nach einer Verlobung auf der Südostasienreise und dem Beziehen einer trendigen Neubauloft, sagt Lisette Wyss - «plötzlich denkt man dann: weg mit der Loft, weg mit dem Neubau!».

Das Lebensnotwendige in einem Quadratmeter

Ebenfalls von Lisette Wyss konzipiert und gebaut ist das «Drehhaus», das mit Downsizing bis hin zum absoluten Minimum als Zukunftsmodell gegen die Zersiedelung daherkommt. Ganz im Sinne der «Small-House»-Bewegung hat Wyss zusammen mit Renato Grob ein Haus (oder eher: ein Häuschen) gebaut, in dem alles Lebensnotwendige in einem Quadratmeter Platz findet. Ist das «Drehhaus» in waagrechter Position, so dient es als Bett, Büchergestell inklusive. Wird es in die vertikale gedreht, so wird es zur Miniküche.

Heimat als Haltung

Die Vielseitigkeit der Installationen verdeutlicht, dass «Home» viele verschiedene Facetten hat. Heimat ist nicht nur ein Ort, sondern kann auch eine Haltung sein. Und auf dem Münsterplatz zeigt sich am diesjährigen Buskers, dass es lohnenswert ist, sich ab und zu kritisch damit auseinanderzusetzen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.08.2016, 17:04 Uhr

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