«Man darf die Tiere nicht vermenschlichen»

Der Vorarlberger macht in Bern die Lehre als «Tierausstopfer». Seine Arbeit ist dabei zum Grossteil die eines Bildhauers.

Constantin Latt mit seinem Knochenpräparat eines Brillenkaimans.

Constantin Latt mit seinem Knochenpräparat eines Brillenkaimans. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Früher war er öfters auf der Jagd. «Und wenn ein besonders strammer Rehbock geschossen wurde, bewahrte man das Geweih als Trophäe auf», sagt Constantin Latt. Wenn hingegen eine Ente oder ein Marder geschossen worden sei, habe man nur wenig Stolz gezeigt. Das störte ihn. So präparierte der Vorarlberger schon damals Knochen von Kleintieren. Heute legt er Seehunde und Kaimane unters Messer.

Er macht mit 24 Jahren die Lehre als naturwissenschaftlicher Präparator im Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern. Nächsten Sommer wird der gelernte Landwirt der Einzige sein, der in der Schweiz dieses Fach abschliessen wird. Ob er ein Freak sei? Das komme ganz auf die Definition an. Feierabend sei auf jeden Fall Feierabend. «Bei mir zu Hause liegen keine toten Tiere herum», versichert Latt – also kein Freak. Aber angefressen müsse man schon sein.

***

Damit Latt ein Tier gut präparieren kann, muss er das Tier genau kennen, er muss wissen, wie es sich bewegt, wie es guckt, wie es lebt. Dafür geht er in Zoos oder in den Wald und beobachtet die Vögel, Echsen und Säugetiere. Wenn ihm, wie kürzlich, ein Seehund aus dem Zoo gebracht wird, folgt der blutige Teil seines Jobs: Er muss das Tier möglichst an einem Stück häuten. Die Haut und die Krallen sind die einzigen Teile dieses Präparats, die vom Tier stammen.

«Wortwörtlich ausgestopft wird seit 150 Jahren nicht mehr.» Das Innenleben der Präparate ist heute aus Holz, Gips oder Kunststoff – je nach Tier und Gebrauch. «Wenn das Präparat gemacht wird, um von Kindern ‹totgestreichelt› zu werden, nimmt man Plastik. Sonst eher Gips.» Die Haut gerbt Latt eigenhändig in der Werkstatt des Museums. Dann nimmt er Mass am Tierkadaver und schafft damit ein identisches Modell des Körpers. «Der Hauptteil meiner Arbeit ist das Bildhauern.» Das Modell wird so lange bearbeitet, bis die Stellung, die Mimik, die Körperspannung stimmt.

***

«Genaue Masse alleine reichen da nicht aus.» Am Ende müsse man von Auge ausbessern und verändern, bis das Präparat lebendig aussehe. Erst dann wird die Haut wieder aufgesetzt und zusammengenäht. Jeder Präparator hat für jedes Tier eigene Gerbrezepte und bevorzugte Arten der Modellierung. «Es gibt nicht einen richtigen Weg, damit ein gutes Präparat herauskommt. Das ist ähnlich wie beim Kochen.»

Dass Latt manchmal stundenlang an toten Tieren hantieren muss, macht ihm nichts aus. «Ich sehe den Kadaver eher als Material denn als totes Lebewesen.» Dennoch sei es wichtig, den Respekt vor dem Tier zu bewahren. Die Kritik von Tierschützern, es sei ethisch problematisch, Tiere auszustopfen, teilt Latt nicht. «Man darf die Tiere nicht vermenschlichen.»

Seine Präparate hätten zudem einen wissenschaftlichen Wert und sie trügen zur Erfüllung des Bildungsauftrages des Museums bei. Hingegen findet er es eher problematisch, wenn Präparate von menschlichen Körpern ausgestellt werden. Das berühmteste Beispiel hierfür sind die provokativen Körperwelten-Ausstellungen des Anatomen Gunther von Hagens. «Ein Mensch ist kein Tier», sagt Latt, «das ist der Unterschied.»

Nach der Lehre will Latt auf jeden Fall weitermachen. «Bis man sagen kann, ein Präparator ist gross, dauert es nach der Lehre mindestens zehn harte Jahre.» Sein Vorbild ist der Tierpräparator Georg Ruprecht, der ab den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts in derselben Werkstatt wie er heute Präparate erschuf. Ruprecht hat im Naturhistorischen Museum die gesamte historische Ausstellung über Afrika erstellt. «Die Präparate sehen unglaublich lebensecht aus, obwohl Ruprecht die Tiere nicht ein einziges Mal real erlebt hat.»

Falls Latt nach der Lehre keinen Job in einem Museum finden sollte, kann er sich vorstellen, selbstständig zu werden. «Ich würde Auftragspräparate für kleinere Museen und Jagdtrophäen für Jäger machen.» Vielleicht gehört es am Ende also doch zu seinem Job, stolze Kopf-Schulter-Trophäen von stolzen Hirschböcken zu präparieren. Vielleicht lässt sich der eine oder andere Jungjäger aber auch dazu überreden, eine Eichhörnchentrophäe anfertigen zu lassen, wer weiss. (Der Bund)

Erstellt: 21.11.2016, 07:20 Uhr

Erstellung eines Knochenpräparats

Diesen Frühling hat Constantin Latt aus einem Kadaver eines Brillenkaimans eine Skelettmontage angefertigt (siehe Bild). Dafür musste er als Erstes den Kadaver abhäuten und abfleischen, bis die einzelnen Knochen freigelegt waren. Anschliessend legte er sie in ein sogenanntes Weichbad, wo die Knochen chemisch entblutet und entfettet wurden, bis sie hell und aufgequollen waren. Dann löste Latt die Knorpel und entfernte die Reste von Muskeln und Sehnen mit einer sogenannten Mazeration.

Hauptakteur dieses chemischen Prozesses ist das Enzym Papain, das aus der unreifen Papaya-Frucht gewonnen werden kann. Erst dann konnte Latt in einem langwierigen 3-D-Puzzling das Kaiman-Skelett korrekt anordnen. Um eine möglichst lebensechte dynamische Position zu erhalten, schaute sich Latt Aufnahmen eines kriechenden Kaimans in einem Computertomografen an. Schliesslich setzte er das Skelett in der gewählten Position zusammen.

Augenfällig bei diesem Kaiman ist, dass er mit einer groben Verschiebung des Unterkiefers und mit Verdrehungen mehrerer Schwanzwirbeln leben musste. (jef)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Blog Mag Was zum Teufel sind Blockchains?
Sweet Home 10 betörende Schwimmingpools
Geldblog Konservative Strategie bietet keine Garantie

Die Welt in Bildern

Farbiger Protest: Hunderte Bauern nehmen an einer Kundgebung in Mexiko teil. Sie verlangen, dass die Landwirtschaftsklausel im NAFTA-Handelsabkommen nicht erneuert wird. (26.Juli 2017)
(Bild: EPA/Mario Guzman) Mehr...