Leitartikel: Die Reitschule sollte erwachsen werden
Von Bernhard Ott. Aktualisiert am 06.09.2010 4 Kommentare
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Am 26. September stimmt die Stadt Bern zum fünften Mal innerhalb von zwanzig Jahren über das Kultur-
zentrum Reitschule ab. Die vier Anti-Reitschul-Begehren waren chancenlos. Einzig den Sanierungskredit hiess das Volk vor elf Jahren nur äusserst knapp gut. Die Initiative zum Verkauf der Reitschule an den Meistbietenden wird wohl erneut deutlich abgelehnt werden. Mit dem Profilierungsbedürfnis von Rechtsaussen-Politikern allein ist die wiederholt aufflammende Fundamentalkritik aber nicht erklärbar.
Sicherheitsfrage als Knackpunkt
Die Ursprünge des Sonderfalls Reitschule gehen zurück auf die Jugendbewegung Anfang der 1980er-Jahre, als in Bern, Basel, Zürich und Lausanne zentrale Liegenschaften besetzt und vorübergehend als autonome Jugendzentren betrieben wurden. Bern ist die einzige unter den genannten Städten, in der das Kulturzentrum in Bahnhofsnähe nach wie vor existiert.
Allein schon die exponierte Lage bewirkt, dass die Vorgänge in und um die Reitschule seit je mit grosser Aufmerksamkeit verfolgt werden. Bis im Jahr 2004 hatte die Reitschule auch rechtlich eine Sonderstellung. Mit dem damaligen Abschluss eines Leistungsvertrags mit der Stadt wurde der viel zitierte «rechtsfreie Raum» beseitigt. Seither erlässt die Stadt die Mieten und unterstützt die Trägerschaft der Grossen Halle mit einem Programmbeitrag. Der Gesamtwert der mehrheitlich indirekten Subventionierung beträgt an die 600 000 Franken pro Jahr.
Im Gegenzug ist die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) verpflichtet, ein lebendiges Kulturangebot zu ermöglichen und die Sicherheitsvereinbarungen einzuhalten. Ersteres ist der Ikur zweifellos gelungen, wie zum Beispiel der Erfolg des Tojo-Theaters zeigt. Die Bühne macht wiederholt durch aufsehenerregende Produktionen von sich reden und bedeutete für einige Berner Theaterleute das Sprungbrett zu einer internationalen Karriere.
Die Einhaltung der Sicherheitsvereinbarung hingegen bereitet der Ikur schon etwas mehr Mühe. Die Reitschulbetreiber haben lange nicht begriffen, dass die Performance ihres Hauses im Wesentlichen an der Sicherheitsfrage gemessen wird. Gewalt und Drogenhandel auf dem Vorplatz werden nun einmal mit dem Kulturzentrum in Verbindung gebracht – ob zu Recht oder zu Unrecht, sei dahingestellt.
Dieser Sommer war erfreulich ruhig. Die Ruhe zeigt, dass die Reitschulbetreiber sehr wohl in der Lage sind, ihren Einfluss auf die selbst ernannten «antifaschistischen» Gruppierungen geltend zu machen, die unter ihrem Dach Gastrecht geniessen. So findet der krawallverdächtige antifaschistische Abendspaziergang heuer erst Anfang Oktober statt – eine Woche nach dem Abstimmungstermin. Die Organisatoren des Spaziergangs haben gegenüber dem «Bund» eingeräumt, dass das Datum der Abstimmung eine Rolle bei der Verschiebung gespielt habe. Misst man der Sicherheit oberste Priorität bei, müsste man sich die nächste Anti-Reitschul-Initiative nachgerade herbeiwünschen.
Miserable Kommunikation
Es kann aber auch sein, dass die Ende 2009 getroffene Vereinbarung über die Abläufe und die Kommunikation zwischen Stadt und Reitschule greift. Die Ungewissheit über den Charakter des gegenwärtigen Friedens rührt an ein weiteres gravierendes Problem der Reitschule: das Kommunikationsproblem. Für Aussenstehende sind die Abläufe in der Reitschule eine Blackbox – der ideale Nährboden für Gerüchte.
So war jüngst niemand in der Lage, Auskunft über die Schliessung und Besetzung der Reitschul-Cafeteria zu geben. Die Mediengruppe kommuniziert nur via Mail und geruht ihre Antworten erst mit ein- bis zweitägiger Verspätung zu geben. Ein solcher Auftritt gegen aussen ist unprofessionell und nicht dazu angetan, das Vertrauen zu fördern. Die Reitschulbetreiber sollten allmählich erwachsen werden und aufhören, sich gegen aussen als etwas Besonderes zu gebärden. Gegen innen sei ihnen die betriebene Politfolklore unbenommen. Am Tag, an dem die Reitschule zum «normalen» Kulturzentrum wird, werden auch die unsäglichen Anti-Reitschul-Initiativen der Vergangenheit angehören. (Der Bund)
Erstellt: 06.09.2010, 14:09 Uhr
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4 Kommentare
Hoho, die nehmen sich 1-2 Tage Zeit um auf Anfragen per E-Mail zu antworten, welch infantiles Verhalten! Die sollten aber wirklich erwachsen werden. Gratuliere Herrn Ott dazu, dass er trotz offensichtlichen Schwierigkeiten doch noch einen reisserischen Aufhänger für seinen "Leitartikel" zusammenschustern konnte. Antworten
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