Konzertbühnen warten auf starke Frauen

Für Gleichstellung in der Musikbranche braucht es Vorbilder, glaubt der Verein Helvetiarockt.

Maru Rieben experimentiert gerne und spielt deshalb auch das in Bern erfundene Musikinstrument Hang.

Maru Rieben experimentiert gerne und spielt deshalb auch das in Bern erfundene Musikinstrument Hang. Bild: Valérie Chételat

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn ein Mädchen Maru Rieben fragt, ob sie Schlagzeugerin werden solle, dann antwortet diese: «Ja, natürlich. Aber zügle das Schlagzeug einmal in ein anderes Zimmer, dann reden wir noch einmal darüber.» Rieben ist Schlagzeuglehrerin und hat als erste Frau die Swiss Jazz School Schlagzeug als Hauptfach absolviert.

Sie spielt ein von Männern dominiertes Instrument in der ohnehin männerlastigen Musikbranche. «Auf der Bühne zählen wir fünf bis zehn Prozent Frauen», sagt Regula Frei, Geschäftsstellenleiterin von Helvetiarockt. Unter DJs sei der Frauenanteil ähnlich, in der Tontechnik noch tiefer. Es ist nicht bloss ein Vorurteil, dass die meisten Frauen als Sängerinnen oder im besten Fall noch als Bassgitarristinnen in Erscheinung treten.

Um die Situation der Frauen in der Musik zu verändern, wurde 2009 der Verein Helvetiarockt gegründet. Dieser mauserte sich inzwischen zur Koordinationsstelle für Musikerinnen in Jazz, Pop und Rock. Seit 2013 gibt es Workshops, und an diesem Wochenende findet der erste Empowerment Day statt.

Auch dieser Anlass mit Diskussionsrunden, Workshops und natürlich Konzerten hat zum Ziel, mehr Frauen auf die Bühne zu bringen. Bei der fortlaufenden Arbeit geht es auch ums Vernetzen. So haben sich mittlerweile 450 Musikerinnen bei Helvetiarockt registriert. Was dies konkret bringe, sei schwer zu messen, sagt Frei. Aber immerhin liefere das Register ein Argument gegen die Meinung, es gebe ja keine Musikerinnen.

An der Jazzschule durchboxen

Maru Rieben ist eine Vorreiterin – aus einer persönlichen Revolution heraus. In der 5. Klasse habe sie mit Klavierspielen angefangen, als rebellierende Teenagerin wieder aufgehört. Mit 20 wusste sie, dass es das Schlagzeug sein soll. «Ich bin nicht sehr kräftig und zudem kränklich, das Schlagzeug war für mich ein Symbol der Kraft», sagt sie. Leicht hatte sie es als Schlagzeugerin unter Männern nicht.

«An der Jazzschule musste ich mich durchboxen», sagt sie. Vielleicht habe dies aber auch mit ihrem Charakter zu tun. Sie sei aufmüpfig und feministisch gewesen. «Den Charme hatte ich damals noch nicht entdeckt.» Auch äusserlich spielte sie nicht mit weiblichen Vorzügen: «Ich hatte kurze Haare, eine strenge Brille und trug niemals ­körperbetonte Kleider», sagt sie.

Bei Helvetiarockt ist man überzeugt, dass fehlende weibliche Vorbilder einer der Gründe sind, weshalb der Geschlechteranteil auf und neben der Bühne ungleich verteilt ist. Deshalb soll an der ersten von fünf geplanten Durchführungen des Empowerment Day das Thema Vorbilder ein Schwerpunkt sein. Als Vorbild für die nächste Generation habe sie versagt, sagt Rieben.

Sie sei keine Set-Schlagzeugerin in Rock und Pop. Sie widmete sich dem Jazz, der Performance und vor allem der experimentellen Musik mit viel kleinerem Publikum. Darin war sie erfolgreich, die Wahrnehmung hält sich aber in Grenzen. Als Schlagzeuglehrerin bildet sie auch heute mehrheitlich Buben aus. Schülerinnen seien die Ausnahme. Ein Anfang ist dies aber trotzdem: Die von ihr ausgebildeten Schlagzeuger tragen in die Welt hinaus, dass sie von einer Frau ausgebildet wurden.

Nicht so verbissen wie Männer

In der Musikbranche gibt es bei der Gleichstellungsfrage die gleichen Probleme wie in anderen Berufsfeldern: die Vertretung der Frauen in wichtigen Entscheidungsgremien, die Lohngleichheit und allen voran die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. «Das ist ein grosses Thema», sagt Rieben.

Weil sie Musikerin sei, habe sie sich gegen eigene Kinder entschieden. Denn Musiker verdienten oft wenig und arbeiteten unregelmässig. Schliesslich scheint aber auch das kompetitive Klima der Branche einen Einfluss zu haben. Weshalb gibt es weniger Frauen im Musikbusiness? Eine Erklärung ist für Rieben, dass Frauen weniger verbissen sind. Sie stellten im Gegensatz zu Männern den Beruf nicht über alles.

Der Haupterwerb von Rieben ist nach wie vor der Schlagzeugunterricht. Ansonsten hat sie sich musikalisch zurückgezogen. Wegen eines Bandscheibenvorfalls musste sie eine Theaterproduktion fahren lassen und Konzerte absagen. «Ich wollte kräftiger sein, als ich es bin. Aber es gibt auch noch andere Kräfte als die physische.» (Der Bund)

Erstellt: 18.06.2016, 08:26 Uhr

Empowerment Day

Die Empowerment Days mit Diskussionen, Workshops und Konzerten finden am Samstag/Sonntag, 18./19. Juni statt. Das Programm und alle weitere Informationen unter: //www.empowermentday.ch/

Artikel zum Thema

«Ich stehe schon etwas im Rampenlicht»

Am Sonntag spielt sie auf der Gurten-Waldbühne: Angela Glauser mit ihren «Giele» von Cachét. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

KulturStattBern Out of Komfortzone: Tschingelhell

Zum Runden Leder Schleimiger Schelm

Die Welt in Bildern

Ein kleines Kunstwerk: Webervögel bauen ein Nest auf einem Bambusbaum in Lalitpur, Nepal.
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...