Bern
Kommentar: Eiertanz seitwärts
Von Daniel Di Falco. Aktualisiert am 03.05.2012
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Seltsam ist es schon. Kunst sei unverzichtbar für die Auseinandersetzung einer Gesellschaft mit sich und ihrer Zeit: Das hört man immer wieder. Wenn Kunst dann aber – selten genug – eine solche Auseinandersetzung anstösst, wird sie sofort davor beschützt.
Das jedenfalls erlebt Bern seit zwei Monaten mit «Industrious». Gegen jede Kritik hat das Kunstmuseum den Kunstbegriff wie einen Fetisch angerufen, und gestern war es nicht anders: Diese Bilder seien eine «künstlerisch wertvolle Reflexion», eine «eigene künstlerische Ausdrucksform». Zudem seien die Fotografen in ihrer Arbeit so frei gewesen wie das Museum bei der Auswahl der Bilder.
Kunst kann auch PR-konform sein
Es gibt keinen Grund, an dieser Unabhängigkeit zu zweifeln. Nur stiehlt sich das Museum damit erneut aus der Frage, was man auf diesen Bildern überhaupt sieht. Und warum sie – bei aller Freiheit – gleichwohl konform sein könnten mit den PR-Botschaften eines Konzerns. Den «Dialog mit der Öffentlichkeit» führt das Museum aus gesicherter Warte: mit einem Podium, dessen Thema Finanzierungsfragen waren – nicht aber die Kunst, die es ausstellt.
Bei diesem Ausweichmanöver half ihm eine Moderatorin, die die «ganze Aufregung» für «nicht nachvollziehbar» hielt und Fragen zu den Geschäftspraktiken des Sponsors mit dem Hinweis abklemmte, sie seien das «falsche Thema» – sowie von einer WOZ-Journalistin, die als einzige Kritikerin auf dem Podium sass, sich aber nicht zuständig für künstlerische Inhalte fühlte.
Eine fast schon wundergläubige Idee
Dass ohne Sponsoren heute nichts mehr geht – geschenkt. Auftragskunst? Auch kein Problem. Es wäre nicht einmal etwas dagegen einzuwenden, wenn der nächste Sponsor eine Ausstellung zu 100 statt zu 40 Prozent finanzieren würde. Voraussetzung dafür wäre allerdings, dass man diesem Museum mehr kunstkritischen Scharfblick und mehr politische Intelligenz zutrauen könnte.
Die Verbrämung dieser Fotos als Zeugnis der «Wahrheit» (Frehner) zeugt ebenso wenig davon wie die fast schon wundergläubige Idee, man könne im Gesicht eines Arbeiters in China oder Indien, vor weisser Leinwand fotografiert, «persönliche Geschichten» lesen. (Der Bund)
Erstellt: 03.05.2012, 07:39 Uhr
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