«In den Polizeikessel zu laufen, bringt nichts»
Von Simon Jäggi. Aktualisiert am 02.02.2012 9 Kommentare
Aktivist David Böhner zweifelt am Sinn von Demos in Polizeikesseln. (Bild: Franziska Scheidegger)
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Am Samstagnachmittag um 15 Uhr wird vor der Heiliggeistkirche nochmals ein neuer Anlauf gestartet: Die Anti-WEF-Demo soll zwei Wochen später wiederholt werden, wie der Webseite der linksextremen Gruppierung Revolutionärer Aufbau (RAS) zu entnehmen ist. Ein Bewilligungsgesuch ist bei der städtischen Gewerbepolizei bisher nicht eingetroffen, wie Leiter Marc Heeb auf Anfrage sagt. Ob wieder mit einem Grossaufgebot zu rechnen ist, darüber ist bei der Medienstelle der Kantonspolizei nichts in Erfahrung zu bringen; auch ob sie wieder mit Ausschreitungen rechnet, will die Polizei nicht sagen.
Die Demo ist eine Reaktion auf den massiven Polizeieinsatz vor eineinhalb Wochen. Die Kantonspolizei erstickte mit einem Grossaufgebot die unbewilligte Kundgebung im Keim und kesselte die rund hundert Demonstranten ein und führte sie einzeln ab – mit der Begründung, im Vorfeld sei zu Gewalt aufgerufen worden. Bei den Diskussionen um die Verhältnismässigkeit ist eine Erkenntnis fast untergegangen: Die Anti-WEF-Demos scheinen kaum noch zu mobilisieren – im Gegensatz zu früheren Jahren (siehe Bildstrecke).
Was sind die Gründe für den Niedergang? David Böhner ist seit Beginn eine wichtige Figur der globalisierungskritischen Bewegung in Bern und war aktiv in der inzwischen aufgelösten Anti-WTO-Koordination, die den Widerstand gegen das Weltwirtschaftsforum mitorganisiert hat – bis 2006 auch die Kundgebungen in Bern. Für Böhner ist die Repression einer der Hauptgründe, warum die Bewegung ihre Mobilisierungskraft verloren hat: «Viele Leute sind durch die massiven Polizeieinsätze eingeschüchtert worden.» Es könne auch nicht Ziel sein, «frontal in die Konfrontation zu laufen», findet Böhner: «In einen Polizeikessel zu laufen, bringt nichts.»
Kritik am Revolutionären Aufbau
Doch die Teilnehmer der Anti-WEF-Demo von vorletztem Wochenende taten genau das: Sie liefen direkt in den Polizeikessel. Auch in der linken «Wochenzeitung» (WOZ) wird diese Strategie in einem Artikel kritisiert. Geschrieben hat ihn der Berner Journalist Dinu Gautier, selber jahrelang Teilnehmer der Anti-WEF-Kundgebungen. Im Artikel kritisiert der ehemalige WOZ-Inlandredaktor Andrea Stauffacher, die Galionsfigur des Revolutionären Aufbaus, die an der Demo verkündet habe, solche Repressionserlebnisse würden die Anwesenden nur stärken. «Mit Verlaub: Würde das stimmen, die Anti-WEF-Bewegung wäre in den Kesselorgien des letzten Jahrzehntes dermassen kräftig geworden, dass WEF-Chef Klaus Schwab schon längst das Weite gesucht hätte. Das Gegenteil ist passiert.»
Gautier wirft dem Revolutionären Aufbau vor, dass dieser gar keine breite Bewegung wolle. Empörung sei das eine, sagt Gautier auf Anfrage – diese in Mobilisierung umzumünzen, aber das andere. Der Occupy-Bewegung sei das eher gelungen, auch wenn diese in der Schweiz eher schwach sei. Und auch Böhner findet, dass die Empörung vorhanden wäre – das zeige die Entwicklung in Europa, etwa mit den Platzbesetzungen in Spanien.
Am Samstag werden mehr Leute kommen
Die Differenzen zwischen RAS und anderen Organisationen, welche die Anti-WEF-Demos mittrugen, brachen nach dem Landquarter «Kessel» auf. Den RAS-Aktivisten wurde damals vorgeworfen, dass sie die tausend Leute aufgefordert hätten, in Landquart aus dem Sonderzug zu steigen – was manche als Auslöser der Einkesselung sahen.
Für Böhner sind die internen Streitereien ein weiterer Grund für die Schwäche der Bewegung. Bemerkenswert ist auch, dass die Demo vom vorletzten Samstag zu einem Zeitpunkt angesetzt wurde, als die globalisierungskritischen Veranstaltungsreihe Tour de Lorraine im Gang war – auch Böhner ist dort massgeblich beteiligt: «Der Termin war nicht gerade ideal», meint er lakonisch. An der Demo vom Samstag wird er aber teilnehmen wegen des aus seiner Sicht «völlig jenseitigen» Polizeieinsatzes, der viele Leute wütend gemacht habe. Und weil er es wichtig finde, dass der Widerstand gegen das WEF auf die Strasse getragen werde. Böhner glaubt denn auch: Diesmal werden mehr Leute kommen. (Der Bund)
Erstellt: 02.02.2012, 07:04 Uhr
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9 Kommentare
Ich kann Böhner und Gautier nur zustimmen! Nach Landquart war für mich Schluss mit Anti-WEF Demos. Der RAS kann sich auf die Fahne schreiben, die globalisierungskritische Massenbewegung kaputt gemacht zu haben. Komisch, nur, dass eine Organisation, mit der niemand (mit gesundem Menschenverstand) etwas zu tun haben will, in der ausserparlamentarischen Linken solch einen Einfluss hat. Antworten
Und wo liegt das Problem des RAS um eine Bewilligung zu ersuchen? Würde den Aktivisten da einen Zacken aus der Krone fallen? Zu stolz um über den eigenen Schatten zu springen? Falls keine Bewilligung erteilt wird kann immer noch unbewillig demonstriert werden - es gar nicht erst zu versuchen ist schlicht Verweigerung der Teilnahme an der Zivilgesellschaft Schweiz. Antworten
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