Bern

In Sorge um Syrien

Von Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 09.02.2012

Der Filmemacher Mano Khalil nimmt von Bümpliz aus mit Besorgnis Anteil an den Umwälzungen in seiner syrischen Heimat – und ist selbst aktiv. Am Mittwoch hat er mit Landsleuten gegen den Präsidenten demonstriert.

Gegen die Brutalität des syrischen Regimes: Der Regisseur Mano Khalil sprach gestern zu kurdischen Demonstranten.

Gegen die Brutalität des syrischen Regimes: Der Regisseur Mano Khalil sprach gestern zu kurdischen Demonstranten.
Bild: Manu Friederich

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Mano Khalil sagt nichts mehr. Wasser tritt in seine Augen. Der in Bümpliz lebende kurdische Filmemacher holt sich eine Serviette und tupft sich die Augen ab. «Entschuldigung», sagt er.

Eben noch hat er geredet und geredet, rasch und vehement. Mano Khalil kann gar nicht anders, wenn es um seine Heimat Syrien geht, um die Taten, die der Diktator Bashar al-Assad seine Schergen begehen lässt. Doch dann kam der Regisseur, der spätestens seit seiner preisgekrönten Dokumentation «Unser Garten Eden» (2010) einem breiten Publikum ein Begriff ist, auf das Gesicht dieses kleinen Jungen zu sprechen. «Das traurige Gesicht Syriens», sagte er. Ein zerfetztes Gesicht. Er hat den Jungen in den Nachrichten gesehen, vor wenigen Tagen. Ein Scharfschütze hatte ihm gezielt in den Kopf geschossen. «Sie haben ihre Menschlichkeit verloren», sagt Mano Khalil. «Sie», das sind die «Shabiha», die Milizen des Assad-Clans.

Die Angst ist stets da

Das Bild des Jungen nimmt Mano Khalil wohl auch deshalb so mit, weil er vor dreieinhalb Monaten erstmals Vater wurde. Das verändere einen, sagt der 47-jährige Regisseur. Man werde «sensibler», «besorgter». Mano Khalils Freude, den eigenen Sohn wachsen zu sehen, wird bedrängt von seinen Sorgen: um seine sechs Schwestern und zwei Brüder, die alle in Syrien leben. Um seine Heimat überhaupt. Wenn er von einer syrischen Nummer angerufen werde, nehme er den Anruf oft nicht entgegen, sagt er. Stets ist da die Angst, seiner Familie könne etwas zugestossen sein.

Als Mano Khalil selbst noch ein Junge war, lebte er in Qamishli, einem Städtchen im Nordosten Syriens, an der Grenze zur Türkei. Jeden Morgen, wenn er in die Schule kam, musste er wie alle Kinder seinen rechten Arm ausstrecken und schwören, dass er sich mit seiner Seele und seinem Blut opfern wird für seinen Führer Hafiz al-Assad, den Vater von Bashar. Er wurde gross in «Syrie al-Assad», Assads Syrien, ging in die Assad-Bibliothek, lief über den Assad-Staudamm. Die arabisch-nationalistische Baath-Partei kontrolliert das Land seit seiner Geburt. «Faschisten» nennt sie Mano Khalil nur. Vor bald sechzehn Jahren ist er aus Syrien geflüchtet. Er konnte nicht mehr dort leben, als Filmemacher, der Geschichten von Kurden erzählte, die es im Verständnis des Regimes gar nicht geben durfte.

Aufstand von Bümpliz aus

Beim Aufstand des syrischen Volkes war Mano Khalil von Anbeginn dabei – von Bümpliz aus. Im März letzten Jahres eröffnete er unter falschem Namen ein Facebook-Profil. Er postete Aufrufe, koordinierte Zusammenkünfte, «lasst uns alle dorthin gehen», schrieb er. Niemand wusste, dass er sich in der Schweiz befindet. Bald hatte er 5000 Freunde. Er stellte eine Liste ins Netz. «Neun Punkte der syrischen Revolution.» Die Liste hat sich rasch vervielfältigt, hie und da bekomme er sie selbst wieder zugeschickt, sagt Mano Khalil und lacht. Syrer, die Angst hatten, überwacht zu werden, schickten ihm Videos von Übergriffen, die er dann auf Facebook und Youtube stellte. «Doch dieses Tabu ist längst gefallen», sagt Khalil. Mittlerweile laden die Menschen in Syrien ihre Videos selbst hoch. Sie erhängen bei Demonstrationen Assad-Puppen, sie reden über Skype mit Journalisten, sie zeigen ihre Gesichter – wie Mano Khalil selbst. Assad hat nun andere Probleme, als sie zu verfolgen. Der Präsident gehe immer brutaler vor, sagt Mano Kahlil. Er lasse ohne Skrupel eigene Leute umbringen, um Terroranschläge zu fingieren. Assad werde versuchen, die Syrer gegeneinander aufzuhetzen, fürchtet Mano Khalil.

Nur noch zwei Möglichkeiten

Um zwei Uhr nachmittags geht Mano Khalil auf den Bundesplatz, wo sich gegen hundert Syrer versammelt haben, um gegen das Regime zu demonstrieren. Als Mano Khalil dazukommt, wird ihm das Megafon gereicht. Man kennt ihn hier. In Kurdisch und Arabisch spricht er zu den Menschen. Er sieht nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder Bashar al-Assad und sein Bruder würden bald getötet. Oder Syrien stürze vollends in einen Bürgerkrieg. Er sei dagegen, jemanden zu töten, sagt er. Aber Hussein oder Ghadhafi hätten leider gezeigt, dass Diktatoren meist «bis zum letzten Atemzug» an ihrer Macht festhielten. Da ein friedlicher Umsturz wohl nicht möglich sei, müsse halt ein übergelaufener Soldat der Luftwaffe den Palast bombardieren. Wenn Assad bald umkomme, «dann werden viele Leben gerettet».

Er habe oft Mühe gehabt in letzter Zeit, einzuschlafen, sagt Mano Khalil, als er das Megafon abgegeben hat. So viel Brutalität habe er gesehen. Wegen Herzproblemen musste er kürzlich ins Spital. «Das Herz eines Menschen ist so klein, es kann nicht so viele Sorgen tragen.»

Seit Jahren liegt bei Mano Khalil ein fertiges Drehbuch in der Schublade. Der Film – «verlorene Träume» – spielt in Syrien. Sobald Assad weg ist, will er mit dem Dreh in seiner Heimat beginnen. (Der Bund)

Erstellt: 09.02.2012, 07:09 Uhr

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