Im Profil: Vom Kokain-Deal zum TV-Mann

Von Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 23.10.2010

Der 35-jährige Nigerianer Emanuel Mark Bamidele bekam eine zweite Chance.

Emanuel Mark Bamidele. (Valérie Chételat)

Emanuel Mark Bamidele. (Valérie Chételat)

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«In meiner ersten Nacht in der Schweiz, im Asylheim, wachte ich auf, weil ich Männer sprechen hörte. Sie waren damit beschäftigt, Geld und weisse Kügelchen zu zählen. «Wir machen Business in der Stadt», sagten sie, «wenn du willst, kommst du morgen mit.» Ich hatte einen Franken und fünfzig Rappen im Sack, und ich dachte: Ich will auch Business machen. So wurde ich Drogendealer. Mir war nicht bewusst, was ich damit anrichte, dass Drogen Leben zerstören. Es war die erste Option, die sich mir bot, und es schien keine Alternativen zu geben.»

«Weisst du, wie das ist, die ersten hundert Franken in den Händen zu halten? Diese schöne blaue Note? Weisst du, was du damit in Nigeria kaufen kannst? Ich habe meine erste Hunderternote in ein Buch gelegt, damit sie nicht verknittert. Und dann wollte ich die nächsten hundert. Ich habe mich in das Geld verliebt. Ich ging aus, ich kaufte Kleider – ich habe immer alles gleich wieder ausgegeben. Das allermeiste Geld, das Dealer verdienen, bleibt in der Schweiz.»

«Dealen ist ein Fluch. Wenn du einmal drinsteckst, könnten sie dir einen Job bei der UBS anbieten, du würdest weiterdealen. Du bist zu beschäftigt, um Alternativen zu sehen. Du willst immer mehr. Wenn du im Ozean schwimmst und Durst hast, und dir jemand sagt, du sollst nicht trinken: Hörst du auf ihn? Dealen tötet dein Potenzial. Du bist ständig im Stress: Wo ist die Polizei? Wo kriege ich Nachschub? Du kannst nicht mehr entspannt einen Kaffee trinken. Als ich dealte, hatte ich keine Ahnung, dass ich zu dem fähig bin, was ich heute mache. Wenn du dealst, ist Dealen dein Leben.»

«Im September 2000 wurde ich ausgeschafft, die nächsten drei Jahre lebte ich in Nigeria. Weil meine Frau Schweizerin ist, konnte ich 2003 zurückkehren. Wir haben zwei Söhne, ich habe an der Fachhochschule Elektro- und Kommunikationstechnik studiert, ich habe Deutsch gelernt, habe mir selbst Wissen angeeignet. Ich lebe jetzt hier meinen Traum: Meine Mission ist es, einen Beitrag zur Integration der Afrikaner in der Schweiz zu leisten. Ich möchte gegen ihr negatives Image antreten. Dafür habe ich vor vier Jahren African Mirror TV gegründet. Im Internet findet man das Programm unter www.africanmirror.org. Wir besuchen Veranstaltungen von Migranten, Integrationsanlässe, Feste, Demonstrationen. Wir decken jene Anlässe ab, die das übrige Fernsehen nicht bringt. Wir machen Fernsehen von der Basis.»

«Ich möchte meine Erfahrungen einbringen, möchte helfen, das Problem mit afrikanischen Dealern in den Griff zu kriegen. Nicht als Informant für die Behörden, auf keinen Fall, aber als Kenner. Ich weiss, wie das Geschäft läuft, ich war Teil davon. Ich habe mich mit Alard du Bois-Reymond, dem Direktor des Bundesamts für Migration, getroffen. Ihm gefällt mein Vorschlag, eine DVD zu realisieren, die wir ankommenden Asylbewerbern zeigen können. Wir müssen die jungen Männer aufklären, ihnen bewusst machen, welche Leiden Drogen bereiten, dass sie die Ausschaffung riskieren, wenn sie dealen. Die Unwissenheit ist das eine Problem, das andere sind fehlende Alternativen. Wir müssen diesen Menschen Jobs geben.»

«African Mirror TV bekommt immer mehr Aufträge. Derzeit entwickeln wir etwa den Fernsehsender der Aids-Hilfe Bern. Aber unsere Ressourcen sind beschränkt. Die Postproduktion mache ich alleine. Ich benötige dringend motivierte Leute, zum Beispiel jemanden, der mir hilft, Beiträge zu editieren. Gerne auch einen Asylbewerber: Das wäre allemal eine bessere Beschäftigung, als zu dealen. Vorläufig ist unser Kanal nur im Internet zu empfangen. Ich träume davon, dass die Schweizer dereinst zu Hause auf dem Sofa nicht nur SF schauen oder RTL, sondern auch African Mirror TV». (Der Bund)

Erstellt: 26.10.2010, 16:42 Uhr

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