Bern
Im Innern der Insel
Von Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 29.09.2011
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Das Inselspital in Zahlen
Das Inselspital umfasst 33 Kliniken und 6 Institute. Auf dem Campus wird in insgesamt 55 Gebäuden eine Fläche in der Grösse von 82 Fussballfeldern genutzt.
Das Inselspital liegt an einem Hang – unterirdische Gänge machen es möglich, dass Patienten vor dem Wetter geschützt transportiert werden können. Der tiefste Punkt ist der
Eingang zur Frauenklinik an der Effingerstrasse, am höchsten ist die reformierte Inselkapelle gelegen.
Über 7000 Mitarbeiter betreuen Tag für Tag über 300'000 Patienten, von denen knapp 40'000 länger als einen Tag im Spital verweilen – im Durchschnitt bleiben sie sechs Tage lang. Die Gesamtkosten des Betriebs belaufen sich auf
rund 1 Milliarde Franken pro Jahr.
Stichworte
Stefan Zimmermann tritt in die Pedale. Er will uns seinen Arbeitsplatz zeigen – die unterirdischen Gänge des Inselspitals. Ohne Velo ginge das schlecht. Nicht weniger als zwölf Kilometer an unterirdischen Korridoren laufen auf dem Areal ineinander. Die Gänge unter Tag sind zusammen also gleich lang wie die gesamte Freiburgstrasse, die hier an der Oberfläche beginnt.
Normalerweise schiebt Stefan Zimmermann hier Patienten – seit bald 20 Jahren. Unzählige Menschen hat er in dieser Zeit in ihren Betten durch die unterirdischen Gänge gestossen oder – wenn es deren Zustand erlaubte – mit dem Elektromobil transportiert. Von Trakt zu Trakt, von Abteilung zu Abteilung. Vom Bettenhochhaus zum Anna-Seiler-Haus zum Beispiel. Das sind 500 Meter. Die Patienten hätten meist das Gefühl, es sei weit über einen Kilometer, sagt Stefan Zimmermann. Er rede stets mit ihnen, denn manchmal sei ihnen nicht recht wohl hier unten. Das versteht man. Die Gänge sind finster. In den Neunzigerjahren haben Künstler einige Wände bemalt, um das Gesamtbild etwas freundlicher zu gestalten. Aber abgesehen davon: Rohre, Kabel, Beton. Wären da nicht die Schilder, die den Weg weisen zu den verschiedenen Häusern, man wäre orientierungslos.
288 Fahrräder und keine Kurven
Die düsteren Gänge werden längst nicht nur für Patiententransporte genutzt. Auch die Wäsche oder der Kehricht oder das Essen werden durch diese Korridore transferiert. Kurven gibt es nicht hier unten. Nur Ecken. Deshalb sind die Spiegel wichtig, damit man den Gegenverkehr nahen sieht. Denn immer wieder kommen einem Fahrräder entgegen. Deren 288 sind momentan unter dem Campus in Betrieb. Mitarbeiter nutzen sie, um schnell vom einen zum anderen Arbeitsort zu gelangen. Auf Plaketten am Lenker steht angeschrieben, welcher Abteilung der Fahrer angehört: Rehab, Physio, Logopädie. Auch Ärzte fahren hier durch die Gänge, jene der inneren Medizin zum Beispiel, die Generalisten, die an Betten gerufen werden, um den gesamten Menschen zu beurteilen statt nur das Herz oder die Leber. Oder Physiotherapeuten, die bettlägerigen Patienten das Knie biegen gehen. Aber auch jene von der IT-Abteilung, die irgendwo einen Computer zum Laufen bringen müssen.
Wir geben das Fahrrad ab und treffen auf Andreas Egger. Zusammen mit zwei Kollegen ist er zuständig für ein System, das für das Funktionieren des Spitalkomplexes ebenso wichtig ist wie die unterirdischen Gänge: die Rohrpostanlage – ein Geflecht von Röhren, das über hundert Stationen in verschiedenen Gebäuden miteinander verbindet. Vollautomatisch. In jeder Büchse steckt ein Chip. Transportiert werden kann damit eigentlich alles, was nicht schwerer als 800 Gramm ist und in eine der Büchsen mit einem Durchmesser von zehn Zentimetern passt. Befördert werden die Büchsen mit Luft, durch Druck und durch Sog.
Insgesamt gibt es drei Verteilstationen. Eine davon befindet sich im ersten Untergeschoss des Bettenhochhauses. Hier werden die ankommenden Büchsen gebremst und dann verteilt – Frauenspital hier, Kinderklinik da. Jene Büchsen, die für Abteilungen im Bettenhochhaus bestimmt sind, werden unters Dach geblasen. Von dort fallen sie, angetrieben durch ihr Eigengewicht, an ihren Zielort. Dort werden sie geleert und dann inhaltslos an ihren Ursprungsort zurückgeschickt.
Blutproben durch die Express-Röhre
Etwa sechzig Prozent aller Rohrpost-Ladungen seien Laborproben, sagt Andreas Egger. Viel Blut, etwas Gewebe. Zwanzig Prozent sind Dokumente, zehn Prozent Röntgenbilder. Es komme aber auch vor, dass eine Pflegefachfrau einer Kollegin ein Halstuch zukommen lasse. Aber das sei eigentlich nicht die Idee. Über die Hälfte aller Büchsen landet im medizinischen Labor. So kommt es hier öfters zu Stau, und deshalb gibt es eine Express-Linie. Hier kommen die Notfall-Büchsen herein, Proben, die sofort analysiert werden müssen. Oberhalb der Büchsen-Führung hängt ein Glöckchen. Wenn es bimmelt, ist Eile gefragt. Das passiert etwa zweimal pro Stunde.
Wenn eine Büchse auf eine andere knallt, kann es vorkommen, dass es ihr den Deckel abschlägt. Dann kommt die Hülse leer an, und der Inhalt, ein Beutel Blut etwa, bleibt irgendwo in der Röhre hängen. Im besten Fall stösst die nächste Büchse den Beutel an die Endstation. Wenn nicht, macht sich Andreas Egger mit seinen Kollegen auf die Suche. Dann lässt er eine 35 Meter lange Rute in das Rohr gleiten, und wenn er keinen Widerstand erkennt, beginnt das Prozedere 35 Meter weiter von neuem. Andreas Egger ist begeisterter Modelleisenbahner, und da könne er einiges ableiten, sagt er. Eigentlich funktioniere die Rohrpostanlage ähnlich wie ein Weichensystem.
Eine der Rohrpost-Stationen ist die hauseigene Post. Das Inselspital hat eine eigene Poststelle und eine eigene Postleitzahl. 3010 Bern. Und sie hat eigene Briefträger in Briefträgerkleidern. Angestellt sind sie vom Inselspital, aber sie tragen Kleider der Post, weil dies professioneller aussehe. Nebst den internen Sendungen stellen sie im Auftrag der Post Briefe und Pakete auf dem Campus zu – und holen die Abgangspost von dort ab. 1,3 Millionen Franken bezahlt das Inselspital pro Jahr – für Porto. Vom Postumfang her ist das Inselspital vergleichbar mit Ittigen oder Ostermundigen. Täglich kommen acht Gitterwagen voller Pakete und drei weitere mit Briefen. Es gibt sieben verschiedene Briefträger-Touren. Man benötige wohl ein Jahr, bis man sich wirklich zurechtfinde, sagt Beat Brügger, der stellvertretende Leiter der Poststelle. Die Gebäude, die unterirdischen Gänge, alles sehe ziemlich ähnlich aus.
Brief an «Herrn Müller, Inselspital»
Beat Brügger ist jetzt acht Jahre hier – und muss sich immer wieder an Veränderungen gewöhnen. Abteilungen werden verlegt, neue kommen hinzu, es wird gebaut. Und auch die Personalfluktuation ist hoch: Etwa 150 Angestellte werden in der Insel jeden Monat durch neue ersetzt. Manchmal bekommen Leute Post, die schon lange nicht mehr da sind. Oder Patienten, die noch gar nicht angekommen sind.
Und manchmal wissen die Briefträger beim besten Willen nicht, wohin mit einem Brief. Sie erhielten manchmal Sendungen, sagt Beat Brügger, die seien adressiert mit «Herr Müller, Inselspital». Dann versucht ein Postangestellter herauszufinden, wer das sein könnte. Bei Müller ein Ding der Unmöglichkeit: 354 Müller sind allein im internen Personalverzeichnis eingetragen, also in der Insel angestellt. Und vielleicht ist der Brief für einen Patienten bestimmt. Die werden in einem separaten Register geführt. In einigen Fällen hilft auch das beste System nicht mehr weiter. Dann heisst es: zurück an den Absender. Wenn denn einer draufsteht. (Der Bund)
Erstellt: 29.09.2011, 08:51 Uhr
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