«Im Ausgang in die Reitschule zu gehen, ist kein politisches Statement»

Die 20-jährige Semiramis Mordasini ist Bernerin durch und durch. Dies obwohl sie es als Jungfreisinnige in Bern nicht immer einfach hat.

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Semiramis Mordasini möchte Semi genannt werden. «Bis die Leute meinen ganzen Namen ausgesprochen haben, höre ich schon lange nicht mehr zu», sagt sie. Die 20-jährige Bernerin mit Wurzeln aus dem Tessin und der Türkei ist immer auf Zack und viel beschäftigt. Da wäre einerseits ihr Jurastudium an der Universität Bern. Allerdings war Semi im letzten Semester nicht häufig an der Uni anzutreffen. «Zum Glück muss ich die nächsten Prüfungen erst im Frühjahrssemester ablegen. Jetzt profitiere ich vom Zwischensemester, um den Stoff nachzuholen», so Semi.

Für das Rechtstudium hat sie sich entschieden, weil sie nach eigenen Angaben äusserst «pingelig» und «detailversessen» sei. Ausserdem steht ihr Studium in engem Verhältnis zu ihrer zweiten grossen Leidenschaft: der Politik.

«Die Politik bestimmt mein Leben»

Bereits mit acht Jahren war Semi im Kinderparlament der Stadt Bern, nahm bei Jugend debattiert teil, war Mitglied beim Jugendrat Bern, trat als Sechzehnjährige der Fachkommission für Integration der Stadt Bern ein und übernahm ein Mandat zum Aufbau des Jugendparlaments der Stadt. Die gleiche Arbeit wird sie neu auch auf kantonaler Ebene durchführen. Alles auf ehrenamtlicher Basis, wie Semi betont. Zudem ist sie Mitglied bei der Jungfreisinnigen Partei (JFDP) Bern.

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«Ich bin bereits die sechste FDP-Generation meiner Familie», sagt Semi nicht ohne Stolz. Natürlich gebe es auch in ihrer Familie einige Abtrünnige, doch darüber schaue sie grosszügig hinweg. Ihre Mutter, selbst einmal FDP-Mitglied, stammt aus dem Tessin, weshalb Semi Italienisch, respektive Tessiner Dialekt spricht. Die Grosseltern väterlicherseits stammen aus der Türkei. «Doch mein Vater spricht kaum Türkisch und ich schon gar nicht.» Dennoch habe sie von den beiden Kulturen viel mitgenommen. Zu Hause wurde häufig über Politik diskutiert, aber nicht nur. «Wir wurden nie gepusht. Aber natürlich freut sich meine Mutter, dass ich politisch aktiv bin.»

An der Politik gefällt Semi, dass sie mitbestimmen und -gestalten kann. Für das städtische Jugendparlament erarbeitete sie alle Reglemente. «In den nächsten 20 Jahren muss Bern nun meine Regeln befolgen», sagt Semi und freut sich. Manchmal empfindet Semi die Arbeit als Jungpolitikerin aber auch als schwierig. Als Jugendliche müsse sie immer wieder gegen Vorurteile ankämpfen. «Uns Jugendlichen wird häufig Naivität vorgeworfen.» Aber wenn ein Naivling komme und etwas machen wolle, so müsse man dies zulassen. «Am Ende stellt sich vielleicht sogar heraus, dass er gar kein so grosser Naivling ist.» Semi stört sich eher daran, dass viele Jugendliche sich nicht politisch einbringen oder gar unpolitisch sind. «Im Ausgang in die Reitschule zu gehen, ist kein politisches Statement», sagt Semi. Im Gegensatz zu anderen bürgerlichen Politikern möchte sie die Reitschule nicht schliessen. So konzentriere sich etwa das Problem der Ausschreitungen wenigstens nur auf einen Ort und verteile sich nicht in der ganzen Stadt.

Ein echtes Berner Modi

Semi bezeichnet sich als echtes Berner Modi und ist stolz auf ihren Berner Dialekt. Zwar stört sie sich an den vielen Graffiti in Bern und fragt sich, ob diese als Ergebnis der rot-grünen Politik der Stadt zu betrachten sind. Sowieso sei es als Jungfreisinnige nicht immer einfach in Bern, sagt Semi. Dies auch deshalb, weil die meisten Jugendlichen, genau wie die Stadt, politisch links stehen würden. Und obwohl es nicht einfach ist, sich in Bern als Jungfreisinnige zu outen, kann Semi sich nicht vorstellen, in einer anderen Stadt zu wohnen.

Neben ihrer Liebe zu Bern hat Semi ein Faible für Parfüm. Längst hat sie keinen Überblick mehr darüber, wie viele Fläschchen sie besitzt. «Ich rieche gerne gut und mag es, wenn andere gut riechen», sagt Semi über ihre, wie sie selbst sagt, Parfümsucht. Die Lust am Parfüm hängt natürlich auch irgendwie mit ihrer Tätigkeit in der Politik zusammen, wo ein gepflegtes Auftreten Pflicht ist. «Und da gehört ein angenehmer Duft nun mal dazu.» Genauso wie entsprechende Kleidung. «Ein Deuxpièces möchte ich dann aber doch nicht anziehen, darin würde ich mich unwohl fühlen», sagt Semi und lacht.

(DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 25.01.2016, 06:44 Uhr)

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#blackboxjugend

Das mit der Jugend ist eine merkwürdige Sache. Früher oder später rutscht man hinein. Und wenn sie überstanden ist, gehört sie für immer der Vergangenheit an. Manche zeigen dann Schwierigkeiten loszulassen, andere sind froh, die Adoleszenzphase endlich abgeschlossen zu haben.

Doch egal, wie die Jugendzeit verbracht wurde, eines bleibt: Erinnerungen. An diesen werden die nachrückenden Generationen unweigerlich gemessen und bewertet. Missverständnisse sind dabei unumgänglich. Egal wie jung geblieben man sich fühlt, der Anschluss an die Jugend ist schnell verloren. Plötzlich versteht man nicht mehr so recht, über was die da reden, man wundert sich über Hobbys und Frisuren. Gleichzeitig geistern vielen noch die glorifizierten Bilder der eigenen Jugend im Kopf herum. Im Vergleich mit der heutigen Jugend tun sich da schnell Gräben und Unverständnis auf.

Um Dinge zu erklären, die vielleicht gar nicht verstanden werden können, wird gerne auf die Statistiken zurückgegriffen. So auch, wenn es um die Jugend geht. Das jährlich erscheinende Jugendbarometer soll zeigen, wie die Jugend so tickt. 2015 war hier beispielsweise zu entnehmen, dass die Jugend eher Nein zu Drogen sagt, Geld auf die Seite legt und Karriere machen will.

Doch wer sind die Menschen hinter den Zahlen? Wie leben sie? Was beschäftigt sie? Und fühlen sie sich überhaupt verstanden? Um einen Einblick in das Leben der heutigen Jugend zu gewinnen, haben wir einen Aufruf gestartet. Menschen zwischen 15 und 20 Jahren aus Bern und Umgebung haben sich gemeldet. Zehn davon haben wir getroffen und mit ihnen über ihren Alltag gesprochen.

Sie sind uns im Video Rede und Antwort gestanden und haben uns einen Einblick in ihr Fotoalbum gewährt. Zehn Tage lang publizieren wir je ein Porträt, welches Sie vielleicht überrascht, womöglich den Kopf schütteln lässt oder ganz einfach nur um ein paar Jahre zurückversetzt.

Das Dossier: www.jugendserie.derbund.ch

Mitreden auf Twitter: #blackboxjugend

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