«Ich kann das besser als andere»

Alec von Graffenried gibt sich kämpferisch für seine Stadtpräsidiumskandidatur. Er sagt, im Gegensatz zu Ursula Wyss wirke er integrierend und nicht ausschliessend.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr von Graffenried. Nun wollen Sie doch Stadtpräsident werden – und werden damit zugleich zum grossen historischen Frauenverhinderer für das Stadtpräsidium?
Das glaube ich nicht. Ich habe ein reines Gewissen. Gerade dem Rot-Grün-Mitte-Bündnis (RGM) kann nicht vorgeworfen werden, keine Frauen in die Stadtregierung gebracht zu haben. Bei den früheren Wahlen haben SP, Grünes Bündnis (GB) ausser Alex Tschäppät nur Frauen als neue Kandidatinnen vorgeschlagen. Die Grüne Freie Liste (GFL) selber war mit Frau Matter und mit Frau Omar auch nur mit Frauen vertreten.

GB und SP argumentieren mit ihren zwei Kandidaturen Wyss und Teuscher aber, jetzt sei es Zeit für eine Stadtpräsidentin.
Das ist sicher ein Argument. Das muss man berücksichtigen. Allerdings gibt es in Bern dringendere Fragen als die Beteiligung von Frauen im Stadtpräsidium. Wichtiger ist, dass wir wieder mehr zusammenarbeiten, in der Stadt, aber auch mit der Agglomeration Bern. Bern braucht einen Präsidenten, der mit allen gut zusammenarbeiten kann. Da habe ich einen Vorteil.

Das heisst, Frau Wyss und Frau Teuscher sind keine Brückenbauerinnen, die gut zusammenarbeiten können?
Doch. Beide arbeiten hervorragend. Sie haben ihren Platz in der Stadtregierung. Es ist aber die Frage, wer am besten geeignet ist für das Präsidium und die Vertretung der gesamten Stadt.

Umfrage

Wer soll Ihrer Meinung nach Alexander Tschäppäts Sitz erben?





Warum wollen Sie überhaupt Stadtpräsident werden?
Vor einem Jahr hätte ich mir das auch nicht vorgestellt. Aber viele Leute haben mich angesprochen. Auch in den Medien wurde die Forderung nach einer Auswahl laut. Die Stadtpolitik hat mich immer interessiert, weil mir Bern am Herzen liegt. Es gibt viel zu tun. Ich kandidiere für Bern, nicht gegen jemanden.

Bereits 2004 versuchten Sie es und verloren knapp, gar mit einer Beschwerde bis vor Bundesgericht. Ist das jetzt die Rache des Alec von Graffenried?
Sicher nicht. Das war eine andere Geschichte. Jetzt geht es um ein neues Kapitel, und es hat mit der Vergangenheit nichts zu tun. Ich bin ein Vollblutberner. Mittlerweile bin ich 12 Jahre älter und habe mehr Erfahrung auch als langjähriger Nationalrat auf der Bundesebene. Damit bin ich noch besser für das Amt geeignet als 2004.

Sie sind im letzten Jahr aus dem Nationalrat geschieden mit dem Argument, Sie hätten zu wenig Zeit; gar von Burn-out war die Rede. Jetzt setzen Sie auf einen prestigeträchtigen Wahlkampf und wollen ein aufwendiges Exekutivamt.
Das ist nicht ganz korrekt. Ich wollte die Doppelbelastung des politischen Mandats neben einer vollen Berufstätigkeit aufgeben, da hatte die Qualität gelitten. Ein Burn-out war das nicht. Nun geht es um einen Entscheid: Ich will Stadtpräsident werden und werde meinen Beruf dafür aufgeben. Die Doppelbelastung fällt weg.

Ist die Kandidatur der letzte Versuch der GFL, ihre drohende Bedeutungslosigkeit abzuwenden?
Die GFL ist seit 16 Jahren nicht mehr im Gemeinderat vertreten. Die GFL ist aber immer zum RGM-Bündnis gestanden. Da sind auch wir wieder an der Reihe für eine aktive Beteiligung. Die GFL hat im Stadtparlament im Übrigen die Politik des Gemeinderats am stärksten mitgetragen. Die GFL ging viel weniger in die Opposition zum Gemeinderat, als es das GB und die SP taten. Es ist keine Provokation. Wir stehen als einzige Partei ohne Wenn und Aber hinter der abgeschlossenen Vereinbarung mit dem GB und der SP im RGM-Bündnis.

Damit könnte die GFL nun aber das RGM-Bündnis sprengen, weil das Bündnis, insbesondere die SP, keine dritte Stadtpräsidiumskandidatur will.
Spannungen sind nicht ausgeschlossen, eine Spaltung will niemand, daher wird es diese auch nicht geben. Aber wir halten uns zu 100 Prozent an die Vereinbarungen mit RGM. Es ist problematisch, wenn unsere Partner diese Vereinbarung einseitig abändern, wie dies SP und GB mit ihrer Beschränkung auf zwei Kandidaturen gemacht haben. Wir werden mit den Partnerinnen über die neue Ausgangslage nun Gespräche führen.

Wäre eine Fusion mit den Grünliberlaen (GLP) nicht die naheliegendere Lösung gewesen, oder zumindest ein Bündnis der ökologischen Mitte mit der GLP?
Die GFL ist Mitglied der Grünen Kanton Bern. Ich bin zwar der Meinung, dass die Grünen und die Grünliberalen langfristig wieder zusammengehören. Doch das ist ein anderes Thema. Ich habe Bern schon gekannt, bevor es RGM gegeben hat. Das ist ganz klar: Seit RGM geht es der Stadt Bern besser als vorher. Die Lebensqualität hat sich verbessert, die Einwohnerzahlen steigen, die Stadt floriert. Nun will ich innerhalb dieses Bündnisses einen Beitrag leisten, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Wir müssen das Verhältnis zur Agglomeration sowie zum Kanton wieder verbessern. Diesen Beitrag kann ich besser leisten als andere. Denn es geht darum, auch jene Kreise besser zu integrieren, die nicht direkt am RGM-Machtbündnis beteiligt sind.

Bürgerliche Kreise?
Ja, auch diese.

Was unterscheidet Sie von GB und SP?
Eben diese Integrationsfähigkeit. Ich wirke weniger ausschliessend. Dadurch kann eine neue Politikkultur gefördert werden in Bern, die sich viele wünschen. Bern ist auf Zusammenarbeit angewiesen, und viele haben die Polarisierung satt.

Möglich ist, dass Sie das Stadtpräsidium verpassen, als Gemeinderat aber gewählt werden. Welche Rolle hätten Sie da?
Dann wäre ich einer von fünf. Damit könnte ich mich sehr gut abfinden.

Würden Sie wirklich, zum Beispiel, die Sicherheitsdirektion der Stadt Bern übernehmen wollen?
Absolut. Die Sicherheitspolitik interessiert mich sehr. Ich will eine Stadt ohne Angsträume, eine Aktivierung und Stärkung der Nachbarschaften und den Leuten dieses Sicherheitsgefühl auch vermitteln.

Wer soll Sie überhaupt wählen? Für Grüne und SP sind Sie wohl jetzt auch als Mann noch viel weniger wählbar. Dort werden Sie wie schon andere GFL-Kandidaten gestrichen. Für Bürgerliche sind Sie zu links.
Das sehe ich anders. Ich bin ein Kandidat für alle. Zudem: Ich stehe für eine Politik mit viel weiblichem Anteil. Ich bin kein machohafter Politiker. Ich überfahre die Leute nicht. Ich kann mich gut integrieren. Die Leute wollen jemanden, der weniger polarisiert.

Wie gross schätzen Sie Ihre Chancen überhaupt ein?
Gross genug, um zu sagen, dass es sich lohnt, anzutreten. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 27.01.2016, 11:05 Uhr)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Im anderen Licht: Eine Besucherin bestaunt eine der sechs Messehallen bei der Eröffnung des Islam-Museums (Mucivi) in La Chaux-de-Fonds. (29. Mai 2016)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...