Bern

«Ich kam mir vor wie eine Verbrecherin»

Von Simon Wälti. Aktualisiert am 04.04.2012 22 Kommentare

Auch eine bald 80-jährige Frau ist nicht davor gefeit, auf ihre alten Tage noch als Schwarzfahrerin zu gelten. Sie hat ihre Bernmobil-Mehrfahrtenkarte zu spät abgestempelt.

Der Weg zum Automaten im Bus sei mit Gewerbeschülern «verstopft» gewesen, sagt die Rentnerin.

Der Weg zum Automaten im Bus sei mit Gewerbeschülern «verstopft» gewesen, sagt die Rentnerin.
Bild: Thomas Reufer

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Es sind zwar schon über zwei Monate verstrichen, Emma Christen* ärgert die Sache aber immer noch. Kontrolleure von Bernmobil büssten die bald 80-jährige Frau, die in der Länggasse wohnt, wegen Schwarzfahrens auf der Buslinie 21. Sie hatte ihre Mehrfahrtenkarte zu spät abgestempelt. «Das ist doch eine Frechheit, ich kam mir vor wie eine Verbrecherin», sagt die Rentnerin. «Ich fahre doch nicht schwarz.»

Doch der Reihe nach: Am 25. Januar stieg Emma Christen nach einem längeren Spaziergang bei der Haltestelle Äussere Enge um die Mittagszeit in den Bus. An den Haltestellen gibt es auf der Linie 21 keine Automaten mehr, Billette müssen im Bus gelöst werden. Wie so häufig habe im Bus ein grosses Gedränge geherrscht, sagt die Frau. «Es hatte viele Gewerbeschüler von der Felsenau im Bus, der Weg zum Automaten war verstopft.» Darum und weil die Fahrt durch die Allee beim Viererfeld unruhig ist, sass die Frau kurz ab und beschloss, ihre Mehrfahrtenkarte bei der nächsten Haltestelle zu entwerten.

«Das ist halt einfach so»

«Bei der Inneren Enge ging ich zum Automaten und stempelte die Karte ab, in diesem Moment kamen zwei Kontrolleure in den Bus und stellten mich zur Rede.» Sie stiegen mit der Frau beim Bierhübeli aus und nahmen ihre Personalien auf. «Sie sagten, ich sei von der Äusseren zur Inneren Enge ohne Billett gefahren, und fragten, ob ich gleich hier zahlen wolle, dann koste es 100 Franken, sonst 120 Franken.» Emma Christen hatte aber nicht so viel Geld im Portemonnaie.

Auf ihren Einwand, im Bus sei ein «Gnusch» gewesen und sie habe nie die Absicht gehabt, schwarzzufahren, gingen die Kontrolleure nicht ein. «Das hat mich aufgeregt. Der Kommentar lautete: Das ist halt einfach so, da kann man nichts machen.» Später wandte sie sich telefonisch an Bernmobil mit der Frage, ob sie die Busse wirklich bezahlen müsse. Wieder lautete der Bescheid, man könne nichts machen, sie hätte halt den Chauffeur beim Einsteigen informieren sollen. Immerhin war die Frau am Telefon um einen Ratschlag nicht verlegen. «Sie sagte, ich solle halt sonst gar nicht in den Bus einsteigen oder das Taxi nehmen.»

«Das sind keine Argumente»

Bernmobil bestätigte den Vorfall, stellt die Umstände aber etwas anders dar. «Die Frau stand erst auf, um ihre Karte zu entwerten, als unsere Kontrolleure bereits mit der Kontrolle begonnen hatten», erklärt Bernmobil-Sprecher Rolf Meyer. Der Bus sei zu diesem Zeitpunkt schon wieder gefahren. «Nach der Wahrnehmung unserer Kontrolleure war der Bus auch nicht überfüllt.» Darum habe der verhängte Taxzuschlag seine Berechtigung.

Die Kontrolleure hörten viele Ausreden und Ausflüchte, warum eine Mehrfahrtenkarte nicht abgestempelt worden sei: «Kopfweh, Prüfungsstress, Zeitmangel: Das sind einfach keine Argumente», sagt Meyer. Laut Bernmobil wurde der Vorfall an jenem Mittwoch, 25. Januar, um 11.39 Uhr protokolliert. Die Zeit sei von einem elektronischen Gerät automatisch erfasst worden, sagt Meyer.

Letztlich 140 Franken bezahlt

Emma Christen zahlte also die 120 Franken, am 23. Februar. «Ich habe angenommen, dass man 30 Tage Zeit hat, um zu zahlen, so wie bei allen Rechnungen.» Diese Annahme war falsch, Bernmobil verlangt die Zahlung innert 20 Tagen. Darum erhielt die Frau auch noch eine Mahnung mit einer Gebühr von 20 Franken. Auch diese Rechnung beglich sie in der Folge. Emma Christen zahlte also 140 Franken, weil sie ihre Mehrfahrtenkarte zu spät abstempelte. Sie kann es noch immer nicht begreifen, was ihr widerfahren ist. «Ich bin bald 80-jährig, ich habe doch noch nie in meinem Leben eine Busse erhalten.»

* Name von der Redaktion geändert (Der Bund)

Erstellt: 04.04.2012, 11:31 Uhr

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22 Kommentare

Peter Morgenthal

04.04.2012, 12:54 Uhr
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Ich stelle immer wieder fest, dass Kontrolleure (Bernmobil und SBB) sich nach Gesetz richtig verhalten aber jede Art von gesunden Menschenverstand vermeiden. Irgendwie ist diese Berufsgattung ständig gefrustet. Seit man sie in Strassenkleider auf Verbrechersuche losschickt, sind sie einfach nur noch böse und haben nur noch ihre Statistik im Sinn. Sehr schade. Antworten


Adrian Meier

04.04.2012, 13:12 Uhr
Melden 11 Empfehlung 0

Das sag ich auch immer, wenn ich schwarz Fahre. "Bei der nächsten Station wollte ich doch gleich Stempeln gehen". Muss jetzt jeder Schwarzfahrer noch ein Psychologe an die Seite gestellt werden? Lösen, Stempeln und gut ist. Was hätte und was hätte sollen spielt gar keine Rolle. Antworten



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