«Ich fühle mich nicht sehr erwachsen»

Ronja Rennenkampff nervt es, wenn bei der Jugend verallgemeinert werde, verrät, für was sie ein Smartphone brauche und wo sie ihr Geld im Ausgang ausgebe.

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Der Raum ist karg eingerichtet. Im schummrigen Licht ist ein Ofen zu erkennen, in dem kalte Asche liegt. Ein leichter Rauchgeruch hängt in der Luft. Im Raum stehen ein paar Stühle, Sofas, Sessel und zwei Tische herum. An einem von ihnen sitzt Ronja Rennenkampff. Sie trägt einen schwarzen Wollmantel, der weit über ihre farbige Hose bis fast zu ihren Knöcheln reicht. Um ihren Hals ist ein langer roter Schal gewickelt. Dieses Zimmer gehört zu den Dreh- und Angelpunkten in Ronjas Leben. Es ist einer der Gruppenräume der Pfadi Schwyzerstärn, bei der sie Leiterin ist. «Hier bin ich oft und gerne. Pfadi ist das, was ich am liebsten mache», sagt die 17-Jährige.

Die Pfadi ist nur eine ihrer Freizeitbeschäftigungen. Ronja zupft den E-Bass in einer Band, spielt Theater und ist Mitglied der Jungen Alternative. Sieht sie sich mit solch einem vollen Terminplan als Ausnahmeerscheinung ihrer Generation? Ronja verneint. «Der Jugend wird gerne vorgeworfen, dass sie sich für nichts interessiert und eh nur Party machen will.» Das stimme nicht. Zumindest der Grossteil ihres Umfelds sei sehr engagiert. «Klar machen wir auch Party, aber das dürfen wir ja auch.»

Wie kommt es dann, dass die Erwachsenenwelt ein dermassen falsches Bild von der Jugend hat? «Viele wollen ihre Ansichten von der Jugend einfach bestätigt haben und schauen deshalb nur auf das Schlechte.» Das bekam Ronja schon am eigenen Leib zu spüren. Streitpunkt: das Smartphone. «Gerade schon etwas ältere Menschen haben das Gefühl, dass die Jugend völlig handyabhängig ist.» Ronja hat schon böse Blicke kassiert, als sie im Bus mit ihrem Smartphone beschäftigt war. Sie erklärt, was sie damit treibt: «Ich plane Dinge für die Pfadi oder informiere mich über das Weltgeschehen. Es ist halt einfach praktisch.» Mit Kritik aus der Welt der Erwachsenen geht sie locker um. «Schlussendlich ist es mir egal, was die denken.»

Keine Angst vor der Zukunft

Ronja hat Mühe damit, wenn die gesamte Jugend in einen Topf geworfen werde. «Es gibt ganz unterschiedliche Jugendliche mit unterschiedlichen Einstellungen. Genau wie bei den Erwachsenen auch.» Sie glaubt, dass das eigene Umfeld einen grossen Einfluss darauf habe, wie man sich gebe. Sich selber treu zu sein, fiel ihr nicht immer gleich leicht. Zum Beispiel früher, als sie noch auf eine Halbprivatschule ging. «Es ging nur um Markenkleider und wie viel Geld man hat. Das störte mich.» Dennoch legte auch Ronja viel Wert darauf, wie sie sich kleidete. «Es kam mir gar nicht in den Sinn, mit kaputten Hosen und alten T-Shirts herumzulaufen, wie ich es in der Pfadi tue.» Doch das änderte sich. «Mir wurde klar, dass es egal ist, wie man in der Schule aussieht.» Am Anfang wurde sie deswegen irritiert angeschaut, doch bald haben sich ihre Mitschüler daran gewöhnt.

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Heute besucht Ronja die Tertia am Gymnasium Hofwil. Ihr kommt es entgegen, dass ihr noch etwas Zeit bleibe, um sich um ihre Zukunft zu kümmern. Sie glaubt, dass es in ihrem Alter wenig Sinn mache, sich auf etwas festzulegen. «Ich habe das Gefühl, dass ich mich noch recht verändern könnte.»

Abschreckende Clubs

Vielleicht gehe es in Richtung Film, vielleicht werde es aber doch etwas mit Politik. Seit einem Jahr engagiert sie sich bei der Jungen Alternative. Bei ihr Zuhause war Politik schon immer ein Thema. «Ich habe mich schon früh für Gleichstellungsthemen interessiert.» Ihre Eltern, beide Linkswähler, haben Ronja dann den Beitritt zur Jungen Alternative empfohlen. «Mir gefällt es, mich aktiv gegen etwas wehren zu können.» Ihr Ärger gilt der «ewigen Diskussion» um die Reitschule, dem Umgang mit Flüchtlingen und Sexismus.

Die Reithalle ist für Ronja nicht nur ein Politikum, sondern auch samstagabendlicher Treffpunkt. Andere Orte kommen für Ronja kaum infrage. «Ich war einmal in einem Club, fand es aber extrem abschreckend.» Alles sei megateuer, und weder die Leute noch die Musik würden ihr entsprechen. Anders die Reithalle: «Da kann ich einfach hingehen. Weiss, dass ich dort auf Gleichgesinnte treffe, und muss nichts oder nur wenig bezahlen.» Zudem biete die Reithalle mit Dachstock, Theater, Kino und Frauenraum viel mehr als ein Club. Viel Geld will sie im Ausgang ohnehin nicht liegen lassen. «Maximal 20 Franken.» Sie fände es «etwas idiotisch», ihr Geld im Nachtleben zu verpulvern.

Wie erwachsen fühlt man sich mit 17? «Nicht sehr», sagt Ronja. «Ich will jugendlich sein und Spass haben.» Ihr sei jedoch klar, dass ihre Jugend nicht ewig halte. Deshalb will sie sie nicht verschwenden und hat sich Ziele gesetzt. Oberste Priorität: reisen. «Ich will so viele Länder entdecken, wie es nur geht.» Sie interessiert sich für fremde Kulturen und ihre Menschen. Europa oder die USA findet sie weniger reizvoll. «Ich denke, da ist es überall ungefähr gleich.» Viel eher wird man Ronja dereinst in Afrika oder Asien antreffen, wo sie eine komplett andere Kultur vermutet. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 27.01.2016, 06:54 Uhr)

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#blackboxjugend

Das mit der Jugend ist eine merkwürdige Sache. Früher oder später rutscht man hinein. Und wenn sie überstanden ist, gehört sie für immer der Vergangenheit an. Manche zeigen dann Schwierigkeiten loszulassen, andere sind froh, die Adoleszenzphase endlich abgeschlossen zu haben.

Doch egal, wie die Jugendzeit verbracht wurde, eines bleibt: Erinnerungen. An diesen werden die nachrückenden Generationen unweigerlich gemessen und bewertet. Missverständnisse sind dabei unumgänglich. Egal wie jung geblieben man sich fühlt, der Anschluss an die Jugend ist schnell verloren. Plötzlich versteht man nicht mehr so recht, über was die da reden, man wundert sich über Hobbys und Frisuren. Gleichzeitig geistern vielen noch die glorifizierten Bilder der eigenen Jugend im Kopf herum. Im Vergleich mit der heutigen Jugend tun sich da schnell Gräben und Unverständnis auf.

Um Dinge zu erklären, die vielleicht gar nicht verstanden werden können, wird gerne auf die Statistiken zurückgegriffen. So auch, wenn es um die Jugend geht. Das jährlich erscheinende Jugendbarometer soll zeigen, wie die Jugend so tickt. 2015 war hier beispielsweise zu entnehmen, dass die Jugend eher Nein zu Drogen sagt, Geld auf die Seite legt und Karriere machen will.

Doch wer sind die Menschen hinter den Zahlen? Wie leben sie? Was beschäftigt sie? Und fühlen sie sich überhaupt verstanden? Um einen Einblick in das Leben der heutigen Jugend zu gewinnen, haben wir einen Aufruf gestartet. Menschen zwischen 15 und 20 Jahren aus Bern und Umgebung haben sich gemeldet. Zehn davon haben wir getroffen und mit ihnen über ihren Alltag gesprochen.

Sie sind uns im Video Rede und Antwort gestanden und haben uns einen Einblick in ihr Fotoalbum gewährt. Zehn Tage lang publizieren wir je ein Porträt, welches Sie vielleicht überrascht, womöglich den Kopf schütteln lässt oder ganz einfach nur um ein paar Jahre zurückversetzt.

Das Dossier: www.jugendserie.derbund.ch

Mitreden auf Twitter: #blackboxjugend

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